Sprechen wir zuerst über ihre High Heels. Wie macht sie das bloß, auf diesen wahnsinnig dünnen, wahnsinnig hohen Absätzen durch die Korridore des Weißen Hauses zu laufen, ohne jemals zu stolpern oder wegen Schmerzen umzusteigen auf flache Schuhe? Und dann ihre Haare! Blond, aber kurz, das androgyne Gesicht unterstreichend. Schön ist auch ihre Stimme: so bedächtig und sanft. Vor allem dann, wenn sie mal wieder Konkurrenten droht, alte Freunde erpresst oder in Pressekonferenzen Lügen verbreitet.

Ist Claire Underwood aus der US-Serie House of Cards eine schreckliche Frau, weil sie genau so ein Arschloch ist wie ihr Präsidenten-Gatte? Oder sollten wir sie gerade deshalb toll finden?

Wie Frauen sind und was sie wollen, ist auch für Frauen selbst ein Rätsel. Unklar, ob die vielen Ratgeber, Zeitschriften und Filme dabei helfen. Schön sollen sie sein, schlank und gut geschminkt. Kochen sollen sie können, am besten vegetarisch. Und natürlich sollten sie weder die Kinder noch die sexuellen Bedürfnisse ihres Mannes (denn erst der macht sie komplett) vernachlässigen. Idealerweise führt die Frau also ein Leben als moderne Cinderella. Was romantisch, aber auch langweilig ist.

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Fernsehserien mit diesem Klischee brechen. Sie sind das Kulturphänomen unserer Zeit. Weil sie viel längere Erzählstränge als Filme haben, leuchten sie ihre Figuren stärker aus. Und weil sie so beliebt sind, verändern sie unseren Blick.

Es waren Carrie Bradshaw und ihre Freundinnen aus Sex and the City, die Ende der 90er Jahre das hedonistische Singleleben salonfähig machten. Obwohl die Bars, Kleider und Schuhe glamouröser waren als die der Durchschnittsfrau, sagten damals viele: So bin ich auch!

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

Dann erlebten wir den Aufstieg der gestörten Frau. Wir haben ihre Neurosen in Girls kennengelernt und ihren Autismus in Die Brücke. Ihre größte Heldin aber ist die geniale, bipolare CIA-Agentin Carrie Mathison aus Homeland. Nächtelang Bewegungsmuster von Terroristen auszuwerten ist für sie kein Problem – sich um die eigene Tochter zu kümmern hingegen schon. Eine schlechte Mutter als Sympathieträgerin, das gab es vorher nicht.

Nun also Claire Underwood, die böse Frau. Die Lady Macbeth des Internetzeitalters. In der Evolution des Frauenbildes ein neuer Höhepunkt, denn sie verkörpert etwas Unerhörtes: Macht.

Wie mächtige Frauen sind und was sie antreibt, ist für uns alle erst recht ein Rätsel. Es gibt außer der dänischen Politserie Borgen, in der die Premierministerin eine Idealistin ist, nur wenige Interpretationen. Was es gibt, ist folgende Annahme: Macht ist männlich, und viele Frauen wollen sie nicht. Die wenigen, die sie erlangten, waren wie Männer. Wie zum Beispiel Margaret Thatcher.

Claire Underwood zeigt nun, dass diese Sicht sehr einfach ist. Um Spoiler zu vermeiden, soll hier nicht zu viel über die neue Staffel verraten werden, die vergangene Woche angelaufen ist. Nur das: Underwood wächst zum wichtigsten Gegenspieler ihres Mannes heran. Es reicht ihr nicht, seine First Lady zu sein. Sie inszeniert sich als liebende Ehefrau, während sie den Präsidenten erpresst. Sie gibt die fürsorgliche Beraterin seines Stellvertreters, um ihre eigene Agenda zu verfolgen. Sie umgarnt die amerikanischen Wähler, deren Grundrechte sie verletzt.

Claire Underwood kann all das, weil sie eine Frau ist. Sie verpackt ihren Machthunger in ihrer Eleganz. Sie verliert nie die Kontrolle über sich oder ihren Plan. Vor anderen verharmlost sie sich. Gerade das macht sie so gefährlich.

Viele Frauen und Männer glauben, dass Frauen die sanfteren und besseren Wesen sind. Auch das gehört wohl zu der Cinderella-Erzählung. Tatsächlich beweist die Realität, dass Frauen genauso grausam (Beate Zschäpe), populistisch (Frauke Petry) oder machtbewusst (Marine Le Pen) sein können. Wir sehen es nur oft nicht. Wir trauen es ihnen nicht zu, wir lassen uns bezirzen. Es wäre langsam Zeit, die Vorstellung an die Wirklichkeit anzupassen.

Man muss Claire Underwood nicht mögen, aber man kann etwas von ihr lernen: Manchmal muss auch eine Frau unschöne Dinge tun, um an die Macht zu kommen. Hauptsache, sie tut es mit Stil.