Sonnenenergie soll nach den Vorstellungen des Ex-Tepco-Manager Eiju Hangai die Zukunft der Region Fukushima sein. © Andreas Rentz/Getty Images

In einem Bürocontainer mitten im Nichts, an einer Landstraße nahe der japanischen Nordostküste, hat Eiju Hangai fünf Reihen Klappstühle aufgestellt. Dort sitzen nun ein paar Dutzend Besucher, viele aus der Umgebung Fukushimas, und schauen ihn misstrauisch an. Hangai, kurze schwarze Haare, kantiges Gesicht, blauer Anzug und weißes Hemd ohne Krawatte, ist ein ehemaliger Manager des Energiekonzerns Tepco, der für die nukleare Katastrophe vor fünf Jahren verantwortlich ist.

Er sagt: "Sehr geehrte Gäste, ich heiße Eiju Hangai. Danke für Ihr Erscheinen! Sie könnten jetzt denken, ich will hier nur Profit machen. Oder es gehe mir nur um meinen eigenen Ruf. Viele Typen wären vielleicht so. Ich bin anders."

Minutenlang macht Hangai keine Pause, für einen Japaner beginnen seine Sätze untypisch häufig mit dem Wort ich. Ein auffälliges Augenzwinkern weist einen Helfer an, zur nächsten Folie auf der Leinwand zu klicken. Eine Landkarte von Nordostjapan zeigt das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi, gerahmt in konzentrische Kreise, die für das Ausmaß der Verstrahlung stehen. Innerhalb des zweiten Kreises prangt ein roter Punkt. "Da bin ich geboren", sagt Hangai. Der Satz ist eine Botschaft. Er soll sagen: Ich bin einer von euch.

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Odaka, die rot eingekreiste Kleinstadt auf der Leinwand, liegt rund 25 Kilometer nördlich der Kraftwerksruine Fukushima Daiichi. Nach einer kurzen Schweigepause sagt Hangai: "Am 11. März 2011 arbeitete ich nicht mehr für Tepco. Ich könnte also sagen, dass ich mit der Katastrophe nichts zu tun habe. Aber ich fühle mich trotzdem verantwortlich, deshalb will ich helfen." Hangai klatscht in die Hände. Er hat es eilig. "Wenn Sie jetzt also Fragen haben?"

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

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Fragen stellen sich eine ganze Menge: Wie lässt sich eine Region, der auch fünf Jahre nach dem Unglück noch immer das Stigma einer verstrahlten Atomlandschaft anhaftet, wirtschaftlich wieder in Schwung bringen? Geht das überhaupt? Und falls ja: Ist ein ehemaliger Tepco-Manager, der von sich sagt, dass ihn Reue und Gewissensbisse antreiben, wirklich der richtige Mann für diesen Job?

Als das Atomkraftwerk Fukushima Anfang der siebziger Jahre in Betrieb ging, war der heute 62-jährige Hangai noch ein Schüler. Mit seinem Großvater, dem Bürgermeister von Odaka, machte er einen Ausflug, um sich die sechs Reaktoren anzuschauen. Der heranwachsende Hangai war begeistert, schon weil Opa ihm vom Kraftwerk vorschwärmte. Die umliegenden Gemeinden erlebten einen Aufschwung. Ein Großteil der Arbeitsplätze hatte auf irgendeine Weise mit Kernspaltung zu tun.

Nach der Schule schaffte es der kurz gewachsene, drahtige Mann an die juristische Fakultät der Universität Tokio, bekannt als Kaderschmiede der Regierungselite. Hangai hatte keine großen Visionen. In den Vorlesungen schlief er manchmal ein, spannender waren die Semesterferien, in denen er Science-Fiction-Manga-Comics verschlang. Als die Uni erledigt war, heuerte er beim Großunternehmen Toukyou Denryoku an, das seit fünf Jahren unter seinem englischen Namen berüchtigt ist: Tokyo Electric Power Company, oder kurz Tepco.