Wie in vielen Regionen und Städten haben sich auch in Hamburg Bürgerwehren gebildet, die mit Taschenlampen durch die Nacht ziehen. © Martin Schutt/dpa

Sie hätten das Viertel doch nur sicherer machen wollen, sagt Erkan A. Und jetzt? Haben Linksradikale einen Ziegelstein auf sein Auto geworfen, seine Freundin dabei fast am Kopf getroffen. "Ich bin kein Nazi", sagt Erkan A., den Holocaust zu leugnen, das sei "echt unüberlegt" und "sehr blöd" gewesen. Aber seine Bürgerwehr, die habe wirklich nur helfen wollen.

Wenn man sie denn gelassen hätte.

Seit den sexuellen Übergriffen an Silvester in Köln und in Hamburg auf der Reeperbahn haben sich in vielen Städten sogenannte Bürgerwehren gegründet. Menschen, die der Polizei nicht mehr trauen, marschieren unter Berufung auf das Jedermannsrecht mit Taschenlampen, manchmal sogar mit Uniformen, durch die Nacht.

In Niedersachsen beobachten die Behörden 31 Bürgerwehren, einige sind von Rechten unterwandert. In Hamburg gibt es etliche Facebook-Gruppen, alleine die Seite "Hamburger Bürgerwehr" hat viele Tausend Fans, die offenbar die "innere Sicherheit durch präsentes Auftreten in den Straßen Hamburgs" fördern wollen. So heißt es in der Selbstbeschreibung der Gruppe.

Wer sind die Mitglieder dieser Zusammenschlüsse? Verängstigte Bürger? Spinner, die ihre Räuber-und-Gendarm-Fantasien in die Realität umsetzen wollen? Neonazis, die Vorurteile gegen Fremde und den Hass auf die Polizei schüren? Und wie sieht es aus, wenn solche Menschen beginnen, auch in Hamburg aufzurüsten?

Ein Samstagabend, eine Kneipe in Wilhelmsburg. Gegen 20 Uhr haben ein Mann namens Erkan A. und seine Freunde die inzwischen mehr als 600 Mitglieder ihrer Facebook-Gruppe "Bürgerwehr Hamburg" in den Laden am Vogelhüttendeich eingeladen. Gekommen sind nicht einmal zehn.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

A., 34, ist als Sohn türkischer Einwanderer in Wilhelmsburg aufgewachsen. Heute lebt er mit seiner Freundin und vier Kindern dort. Immer mehr Migranten, immer mehr Kriminalität, so erlebt er das Viertel. Viele Wilhelmsburger hätten inzwischen Angst, nachts vom Bahnhof nach Hause zu gehen.

Im Januar war A. deshalb mit ein paar Freunden – teils aus Sorge, teils aus Langeweile, wie er sagt – auf die Idee gekommen, eine Bürgerwehr zu organisieren. Sie gründeten eine Facebook-Gruppe, trafen sich mit Freunden in der Stammkneipe. "Wir haben ein bisschen geredet und ein paar Bierchen getrunken", sagt A. Dann passierte wochenlang nichts – bis zum vergangenen Samstag.

Die Bürgerwehr lässt es an diesem Tag gemütlich angehen: Ihre Mitglieder versammeln sich in der Dartkneipe am Vogelhüttendeich. Gerade haben sie ein paar Bier getrunken, da gibt es Ärger. Eine Gruppe der Antifa schaut auf dem Rückweg von Stade vorbei. In der niedersächsischen Stadt hatten sie ein Zeichen gegen eine Kundgebung von NPD-Anhängern setzen wollen und standen gerade mal 15 Rechten gegenüber. Bleibt also noch Energie für ein Kräftemessen in Wilhelmsburg. Schon im Vorfeld war auf Facebook-Seiten der Linken zu lesen gewesen, die Bürgerwehr wolle an diesem Samstag zum ersten Mal auf Patrouille gehen. So weit sollte es nicht kommen.

Etwa 40 Linke postieren sich vor der Kneipe, in der die Bürgerwehr sitzt. Der Wortführer stellt sich der Wirtin als Jan vor: "Wir wollen hier keinen Ärger machen", sagte er. "Aber das ist eine Warnung: Wir wollen nicht, dass ihr solchen Leuten eine Plattform gebt." Dass er gerade dabei ist, Selbstjustiz mit Selbstjustiz zu bekämpfen, scheint ihm nicht aufzufallen.

Jan hat einen Flyer dabei, Screenshots aus der Facebook-Gruppe der Bürgerwehr. Darauf ist ein Kommentar zu sehen, den Erkan A. am 10. Januar geschrieben hat. Die "dreckigen Zionisten" hätten einen Plan, schreibt A., es seien "nie Juden getötet oder deportiert" worden, nun würden die Flüchtlinge ins Land gelassen, "kranke, verrückte, barbarische, psychisch labile Unmenschen". Man müsse sich Waffen besorgen, um das Land zu verteidigen.

Die Wirtin schüttelt unablässig den Kopf. "Ich bin nicht auf Facebook", sagt sie zu Jan. "Ich weiß davon nichts, dass sich hier solche Gruppen treffen. Hier hat Politik nichts verloren." Sie verspricht, Erkan A. ein Hausverbot zu erteilen. "Nein, solche Kommentare gehen gar nicht. Das hat hier nichts zu suchen."

In der Ecke sitzen ein paar Mitglieder der Bürgerwehr. Auf dem Tisch liegen Dartpfeile, Zigarettenfilter, Tabakpäckchen, das Bier fließt, die Gäste sind traurige, aufgedunsene, aus der Zeit gefallene Figuren, wie man sie in jeder Eckkneipe trifft. Von dem Online-Kommentar ihres Freundes Erkan A. wollen sie nichts mitbekommen haben.

"Ich bin kein Nazi, ich bin selbst Zigeuner", sagt einer von ihnen. "Aber ich mach mir Sorgen. Als ich Kind war, konnte man hier durch die Straßen gehen. Heute hat man immer ein ungutes Gefühl."

Sein Sitznachbar ergänzt: "Wenn Frauen durch Wilhelmsburg gehen wollen, können sie uns anschreiben. Dann kommen wir und beschützen sie." Er steckt sich eine Zigarette an. "Ich bin bestimmt kein Nazi. Ich bin schwul und schwerbehindert."