Nachdem sie den Hörer aufgelegt hatte, schleifte meine Mutter mich in die Küche, wo Hajo dabei war, Kartoffeln zu kochen.

"Jetzt hilf doch auch mal beim Vorbereiten! Mitessen willst du ja schließlich auch. Hier, das Brot muss geschnitten werden – oder warte, das ist noch nicht aufgetaut, nimm lieber erst mal die Essiggurken, ich kümmere mich um die Mayonnaise."

Susanne krempelte die langen Ärmel ihres Wollpullovers hoch, die wie übergroße Flügel über ihre Arme fielen. Ihre Armreifen klapperten aneinander. Sie konnte noch so viel meditieren – Ruhe würde sie nie verbreiten.

Ich zog mein Smartphone aus der Tasche, um kurz nach meinen E-Mails zu sehen.

Da hatte Susanne es sich schon gegriffen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

"Susanne, bitte! Was soll das denn!"

Sie drehte es, drückte auf die Tasten, streckte den Arm und hielt es hoch. Ich reckte mich danach wie ein Kind, dem man sein Spielzeug genommen hat. "Das hier ist also das Quengelding, das du Tag und Nacht mit dir herumträgst? Das kann doch nicht gesund sein, Süße!"

Schnell riss ich das Smartphone an mich.

"Susanne!"

Wer redete hier von gesund! Sie hatte doch wieder heimlich geraucht, der Teergeruch lag noch in ihrem Atem. Wahrscheinlich schlich sie zwischendurch nach draußen, damit Hajo sich vormachen konnte, dass er ja nichts davon ahnte.

Und dieses überlegen erleuchtete Lächeln!

"All diese Strahlen, die da rauskommen! Nur weil man sie nicht sehen kann, heißt das nicht, dass sie nicht da sind. Rüdiger sagt, das ist ziemlich gefährlich – niemand kennt bisher die Langzeitfolgen. Und nervt es nicht, wenn es dauernd klingelt? Ich glaube, mich würde das wahnsinnig machen."

Die Armreifen klackerten im Takt, den sie mit ihren Gesten vorgab.

"Ich meine, was ist das für ein Leben? Als wir in deinem Alter waren, da habe ich einfach herumgejobbt, und Hajo hat auf dem Bau ausgeholfen. Wir haben uns keine Gedanken gemacht, ob wir damit Karriere machen. Aber wir haben damals gelebt!" Aus den kleinen Faltennestern blickten noch immer die Katzenaugen. Die grünen Sprengsel leuchteten. Wie jung und naiv diese Augen aussahen! Sie waren unbeschadet geblieben, nur Müdigkeit hatte sie getrübt, Unzufriedenheit hatte sie überschattet, aber sie waren nie hart geworden. Sie hatten es ja nie gemusst!

Sie hatten niemals Stärke zeigen und für andere undurchdringlich werden müssen, um ihre Unsicherheit zu verbergen. Schließlich war Hajo immer da, fast ihr Leben lang, bis heute. Letztendlich ist er es gewesen, der sich um alles gekümmert hat.

"Ach ja, die guten alten Zeiten!" Nun war ich aber wirklich in Rage.

"Wahrscheinlich hast du im Gras gelegen und dir das Gehirn weggekifft. So lange, bis nichts mehr davon übrig war. Aber egal, du hast ja gelebt!" Fast hörte ich ihre Lunge rasseln, so tief holte Susanne Luft. Womöglich für ein inneres Om, mit dem sie sich zu beherrschen versuchte.

Dann legte ich eben noch einen drauf: "Ihr habt Blumen geraucht und Pilze gegessen, und zwischendurch habt ihr wild gevögelt. Und das Geld wuchs auf den Bäumen. Ein Hoch auf eure fantastische Jugend!"

Für einen Moment war es still geworden. Ich wartete gespannt darauf, dass Susanne mir etwas entgegenkeifte.

Doch stattdessen schaltete Hajo sich ein, der bislang nur zugehört hatte, während er die Küchenmesser über einen Wetzstein zog.

"Geht doch gar nicht darum, Kind. Wir beide machen uns einfach nur Sorgen, weil du so viel arbeitest."

Susanne nahm das sofort auf. "Ich hab dich noch nie so gehetzt gesehen. Als würdest du ständig unter Strom stehen. Gleichzeitig wirkst du so abgespannt. Es kann doch nicht gut sein, wenn du nicht mal an Weihnachten zur Ruhe kommst. Das können die doch nicht von dir verlangen. Und wenn, ich meine, bist du sicher, dass es das Richtige für dich ist?"

Mein linkes Knie zitterte plötzlich so heftig, wie es mir manchmal passiert, wenn ich einen Vortrag halte.

Cover von "Hippiesommer" © PR: Politycki & Partner

"Ich will eben etwas erreichen, versteht ihr? Ich will nicht auf dem Land hocken bleiben und darauf warten, dass ich geheiratet werde. Ich will vorankommen, etwas aus mir machen!"

"Du brauchst unbedingt eine Pause."

"Ich bin doch hier." Ich versuchte zu lachen, aber nun zitterte auch meine Stimme.

Der Zimmerbrunnen plätscherte, der Kaktus am Fenster blühte so üppig, dass ich ihm die Blüte abreißen wollte. Und dann schrie ich – schrie richtig schrill, mit der letzten Kraft, die ich hatte: "Ihr habt doch überhaupt keine Ahnung, wie das heute alles ist!"

Ich habe gelernt, meine Schultern zu senken, um überzeugender zu wirken. Ich habe gelernt, ruhige Gesten zu machen, um meine Worte zu betonen. Ich habe – was habe ich geübt, um gute Präsentationen zu halten! Erst im Seminar in der Arbeit, dann zu Hause vor dem Spiegel. Und nun stand ich mitten in der Küche, und kein Plätschern der Welt konnte mich beruhigen.

Ich fauchte meine Eltern an mit gekrümmten Schultern und dünner Stimme. "Wenn ihr wüsstet, was ich alles leisten muss! Das ist nicht so einfach wie damals bei euch, als jeder gemacht hat, was er wollte! Die Zeiten sind doch lange vorbei, in denen man Taxi fahren konnte und später trotzdem noch was wurde. Das schlägt sich alles im Lebenslauf nieder! Man muss sich ranhalten, von Anfang an, sonst ist der Zug ganz schnell abgefahren!"

Susanne sah mich ruhig an. "Wer verlangt so viel von dir?"

"Alle!", flüsterte ich. "Die Gesellschaft! Das ist heute eben so!"

"Die Gesellschaft?", sagte Hajo. "Bist das nicht vor allem du selbst? Hast du mal darüber nachgedacht, wer dir eigentlich diesen Druck macht?"

"Wer hat sich denn dafür entschieden, unbedingt Karriere zu machen, und dann noch bei dieser irren Firma!", fiel Susanne ihm ins Wort. "Wir haben vielleicht nicht alles erreicht, was wir uns einmal vorgestellt haben. Aber dass das auf deine Art geht, das bezweifle ich doch sehr!"

Ich war auf den Fliesen festgewachsen. Abwehrend hob ich meine Hände, aber sie wischten nur durch die Luft. Ich musste dem etwas entgegensetzen!

Da lag das Brot, ein großer Laib. Fest griff ich nach dem Messer daneben. Ich würde kein einziges Wort mehr sagen! Sie konnten mich sowieso nicht verstehen. Ich würde einfach das Brot aufschneiden, damit sie mir nicht mehr vorwerfen konnten, dass ich mich nicht beteiligte.

Die Rinde war hart unter meinen Fingern, das Messer kratzte an der Kruste. Sollte dieser Laib erst noch auftauen? Jetzt fiel mir auch auf, dass es eigentlich gar nicht das richtige Messer war. Und wenn schon! Es würde wohl hineingehen! Ich musste nur kräftig dagegendrücken.

Da hörte ich wieder den kleinen Walzer, der mich jedes Mal aufschrecken ließ.

Das Messer rutschte. Es rutschte vom Brot, und plötzlich war es in meiner Hand. Rot tropfte etwas von seiner Schneide. Woher kam auf einmal das Blut? Das Smartphone glitt über das Brett, das Display wanderte über die Kante, begleitet von der Melodie.

Ein Klirren. Das Smartphone lag auf den Fliesen. Wie durch Watte Susannes Stimme.

"O Gott, Süße, was ist denn passiert?"

Und plötzlich öffneten sich alle Schleusen, das Wasser rann über mein Gesicht, es tropfte in das Blut auf dem Boden. Ich spürte ein Brennen auf der Hand, dann wurde es schwarz vor meinen Augen.