DIE ZEIT: Vor zwei Jahren suchte das Inselspital einen neuen CEO. Der letzte Schweizer Bewerber nahm sich aus dem Rennen, aus Angst vor der großen Aufgabe. Sie als Deutscher sagten: "Vielleicht ist es eine Frage der Mentalität."

Holger Baumann: Dazu stehe ich unverändert!

ZEIT: Sind Deutsche also risikofreudiger?

Baumann: Ja, ganz eindeutig. Das erlebe ich täglich. Wir Deutschen probieren gerne etwas aus, und wenn wir falsch liegen – Pech gehabt! Es wird uns schon keiner den Kopf abreißen. Das ist unsere Mentalität.

ZEIT: Und wie ticken die Schweizer?

Baumann: Ich habe noch nie in meinem Leben so viele Absicherungsmechanismen erlebt wie hier. Wenn wir ein Projekt planen, überlegt man sich nicht nur einen Plan B, sondern auch die Alternativen C und D – und bedenkt alle Eventualitäten. Das macht die Sache langsamer.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 12 vom 10.03.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Nervt Sie das?

Baumann: Ja, häufig. Ich bin jemand, der die Dinge gern rasch voranbringt. Außerdem machen die Absicherungsmechanismen die Projekte meistens teurer, ohne dass man etwas davon hat. Wobei ich natürlich nicht die konstruktiven Einwände meine, die immer willkommen sind.

ZEIT: Sie waren 14 Jahre lang Vizepräsident der Medizinischen Hochschule Hannover. Wenn Sie das Gesundheitswesen in Deutschland mit dem in der Schweiz vergleichen: Was fällt da auf?

Baumann: Zunächst einmal haben wir hier wie dort eine starke Reglementierung. Das dominiert das tägliche Handeln. Was uns ebenfalls eint, ist das Selbstverständnis, jedem Patienten die beste nur mögliche Versorgung angedeihen zu lassen.

ZEIT: Es heißt, in der Schweiz seien die Hierarchien flacher.

Baumann: Das kann ich nicht feststellen. Gerade die Universitätsspitäler haben ausgeprägte Hierarchien. Das liegt daran, dass die Leute ganz unterschiedliche Ausbildungsstände haben: Hier der Uni-Absolvent, der noch mitten in der Facharztausbildung steht, da der Chefarzt. Einen Unterschied gibt es vielleicht: In der Schweiz geht man kollegialer miteinander um und zelebriert nicht, dass man der Chef ist.

ZEIT: Bringen die Deutschen keine neue Mentalität in die Schweizer Spitäler?

Baumann: Ob Deutsche oder nicht, jeder Mensch muss sich in eine Organisation einpassen. Ich selbst ertappe mich dabei, dass ich häufiger als früher Absicherungsaspekte in Diskussionen einfließen lasse.

ZEIT: Was macht die Schweiz in der Gesundheitspolitik besser als Deutschland?

Baumann: Die Spitalfinanzierung. Wir können hier an der Insel in kürzester Zeit ein neues Bettenhaus realisieren. Von der ersten Idee bis zum Einzug werden etwa fünf Jahre verstreichen. Das steht im Widerspruch zur Trägheit vieler Prozesse, die ich vorhin genannt habe. In Deutschland wäre das unmöglich. Dort bauen die Spitäler nicht selbst, sondern die Landes- und kommunalen Einrichtungen tun das. Dass wir die Investitionen hier über die Entgelte selbst finanzieren, ist ein riesiger Vorteil. Da zeigt sich, dass die Schweiz in unserer Branche unternehmerischer geprägt ist.

ZEIT: Das gefällt Ihnen?

Baumann: Ja, das gefällt mir. Natürlich sehe ich auch Probleme. Dass jeder der vielen kleinen Kantone eine eigene Gesundheitspolitik macht. Das erschwert es größeren Einrichtungen, sich zu positionieren. Weil es schnell mal heißt: Die Großen wollen die Kleinen fressen. Man begegnet uns mit einem riesigen Misstrauen.