Manchmal, wenn Holger Stahlknecht vor einer Versammlung wütender Bürger steht, fordert er diese zu einem Gedankenspiel auf: "Stellen Sie sich vor", sagt er, "Sie kommen aus Syrien hierher, kaufen sich die Bild und sehen die nackte Frau auf Seite drei. Danach können Sie lesen, wer im Dschungelcamp wann mit wem Sex hatte. Dann gehen Sie auf die Straße und fragen jemanden, wer Thomas Mann war, ohne eine Antwort zu erhalten. Was davon sind noch mal die deutschen Werte, die wir retten müssen?" Und schon hat Holger Stahlknecht, Innenminister Sachsen-Anhalts, sein Publikum beschimpft, aber auch auf seine Seite gezogen.

Stahlknecht, 51, ist der vielleicht wichtigste Mann in Sachsen-Anhalts Union nach Ministerpräsident Reiner Haseloff. Der selbstbewusste Kämpfer an der Front – in einer Zeit, in der die Flüchtlingskrise die CDU Wähler kostet. Für den zaghaften Regierungschef muss er austesten, wie man eine erstarkende AfD in Schach und zugleich die Wutbürger bei Laune hält.

Dabei gibt er, einerseits, den Prototyp des Law-and-Order-Mannes. Und ist zugleich eines der exzentrischsten Exemplare unter den Landesministern: Er trägt stets Schlips und Einstecktuch, liebt die gediegene Jagd, entspannt beim Klavierspiel, fordert gute Manieren. Er kann motzen und maulen – und dennoch den Kulturbürger geben. Stahlknecht, der fast archaisch männliche Züge hat, groß und schlank ist, spricht mit einem Timbre, dem man anhört, was Stahlknecht gern tut: Pfeife rauchen. Und er stellt sich immer wieder Gesprächen mit Zorn-Volk. Aber seine Taktik ist es nicht nur, diese Wütenden ernst zu nehmen. Sondern auch, ernst mit ihnen zu sein – dabei Anstand einzufordern. Stahlknecht sagt zum Beispiel, dass es zu nichts führe, wenn Politiker und Volk sich beleidigen. "Du kannst dich, wenn in Dresden 10.000 Leute demonstrieren, nicht auf die Brühlsche Terrasse setzen, Rotwein trinken, runtergucken und sagen: Die sind alle bekloppt!", findet er. "Ich will Pegida widersprechen. Aber nicht in deren Sprache. Ich sage nicht, wie mancher Kollege, ›Pack‹ zu den Leuten. Gerade wenn einige so primitiv auftreten, antworte ich bewusst feiner. Wir Politiker dürfen nicht anfangen, den Stil zu verlieren. Ich bin als Politiker doch Vorbild."

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Tatsächlich hat Stahlknecht ein gefestigtes konservatives Weltbild. Aber das bedeutet für ihn ausdrücklich nicht: festgefahren. "Konservativismus heißt für mich nicht, alles zu bewahren, wie es ist. Sondern sich zu fragen, was bewahrenswert und was fortzuentwickeln ist." Sein Lieblingswort zurzeit laute "Change-Management", das sei gerade der Job der Politik.

In Magdeburg erzählen sogar Oppositionspolitiker, dass Stahlknecht auch mit verbundenen Augen Säle voller Wüteriche gebändigt bekommen würde. Der stilvoll-beeindruckende Konservative: Auf Bürgerversammlungen verfängt diese Rolle. Zuerst sagt Stahlknecht, wie sehr der Flüchtlingsstrom ihn selbst kalt erwischt habe und dass man es dafür doch ganz gut gemacht habe (tatsächlich muss schon länger niemand mehr in Turnhallen wohnen). Dann verlangt er den Flüchtlingen Integration ab und wettert gegen die Nazikeule, mit der man besorgten Bürgern komme (das Publikum freut sich). Bei alldem aber habe das Land sich eben doch damit abzufinden, dass die Flüchtlinge da sind. Er erkläre den Menschen, dass sich Grenzen nicht dichtmachen ließen, sagt er nach der Veranstaltung, bei einer Pfeife. Grenzkontrollen? Ja. "Aber Sie müssen sich auch trauen zu sagen: Niemand kann verhindern, dass Leute auch über die grüne Grenze kommen. Zäune sind absurd, ein Hirngespinst."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 12 vom 10.3.2016.

Zu Stahlknechts Taktik zählt, dass er einerseits sein Ministerium stolz jede gelungene "Sammelabschiebung" per Pressemitteilung verkünden lässt. Dass er aber andererseits schon vor Jahren einer der Ersten war, die ein Einwanderungsgesetz forderten. "Hätten wir uns darüber hinaus früher eingestanden, dass wir ein Einwanderungsland sind, wären viele Sachen, über die wir heute diskutieren, schon lange geregelt", sagt er. "Viele ehemalige Innenminister haben viel mehr rechts overpaced als ich." Overpaced: überzogen, soll das heißen. Dass er Gutes im Schilde führt, dafür hat er keine schlechten Zeugen. "Ich schätze Herrn Stahlknecht als aufrechten Christen", sagt die evangelische Landesbischöfin Ilse Junkermann. "In der Flüchtlingkrise hat er sofort gesehen, was nötig ist; die Dinge gut geordnet und strukturiert. Da merkt man seine militärische Ausbildung als Reserveoffizier. Gleichzeitig stellt er sich der Debatte mit der Bevölkerung."

An einem kalten Tag sitzt Stahlknecht in seinem Büro bei grünem Tee, die Kanne erhitzt er auf einem Stövchen: bürgerlich. Von seinen Eltern, sagt er, habe er die Leidenschaft für Tee, Oper, Klavier. "Es gab nachmittags immer einen Darjeeling, einen Keks dazu, das war ganz schick. Auch das ist Kultur." Stahlknecht: Spricht mal intellektuell, mal aber so, dass es ganz leger klingen soll. Seine Lieblingswendung: "ganz schick". Guter Wein? "Ganz schick." Ist er Kenner? Na, er würde jetzt wirklich nicht sagen, dass ein Wein 20 Euro kosten müsse.

Wenn das Exzentrisch-Bürgerliche seine Stärke ist, ist das Großspurige sein Problem. Gerade macht er Schlagzeilen, weil er, der Jurist, sich neben dem Ministeramt einen Platz als Teilhaber einer Kanzlei sichern wollte: ausgerechnet in einer, die vom Landessportbundchef geführt wird. Was Geschmäckle hat – weil Stahlknecht auch Sportminister ist. So ist das mit Exzentrikern: Wenn sie Glück haben, erzeugen sie Wirkung, zu der Bürokraten nie fähig sind. Aber sie sind permanent gefährdet, die Kontrolle zu verlieren.

Aus der Regierung hört man, dass Stahlknecht das Ministersein beinah eine Spur zu schick finde. Dienstauto, Bodyguard, Manschettenknöpfe. Und bei Hochwasser Helikopterflüge. Beim Verhandeln des Koalitionsvertrags habe es ihm nicht schnell genug gehen können: Wo muss ich unterschreiben?