Jakob Tuggener. Das ist in der breiten Wahrnehmung der unerfüllte Fotograf, der ab den sechziger Jahren in einem einfachen Sous-Sol-Zimmer in Zürich hauste, wirkte und darauf bestand, dass er freier Künstler sei. Tuggener hatte zeitlebens zahlreiche Auftragsbroschüren für die Maschinenindustrie erstellt, doch lediglich ein einziges Buch nach seinen Wünschen realisieren können, das Bilderepos Fabrik (1943). Expressionistisch kraftvolle Bilderfolgen, hochdramatisch rhythmisiert – eine Innenschau des Maschinenzeitalters und seiner Menschen. Fabrik hat die Wirkung eines Stummfilms von Sergej Eisenstein. Doch es waren vornehmlich seine Ehefrauen, die das Künstler-Selbstverständnis des Jakob Tuggener finanzierten.

Heute attestiert man der Fabrik-Publikation die Qualität der großen Werke von Brassaï oder Bill Brandt. Man weiß, dass das Buch auch dem jüngeren Robert Frank Vorbild war und dass Tuggeners Bilder in New York in die wichtigste Nachkriegsausstellung Eingang fanden: The Family of Man.

Doch Fabrik erwies sich als kommerzielles Desaster, und die breite Anerkennung des Künstlers blieb nicht nur zu seinen Lebzeiten aus. Seine Bedeutung und seine singuläre Position innerhalb der Schweizer Fotogeschichte sind bis heute weitgehend eine historische Brache.

Nun aber ist Tuggener in Bologna zu sehen. In der Manifattura di Arti, Sperimentazione e Tecnologia (MAST), einem futuristischen Bauwerk am Stadtrand: Glas, Beton, schiefe Ebenen, Auditorien, Ausstellungssäle. Urs Stahel, Gründungsdirektor des Fotomuseums Winterthur, jetzt Kurator am MAST, nobilitiert in den repräsentativen Räumen einen verlorenen Schatz.

Italien sieht den Schweizer überhaupt zum ersten Mal. Die Presse jubelt, und die Besucher strömen! Das Thema "Industriefotografie" Schweizer Provenienz fällt in der Emilia Romagna auf fruchtbaren Boden. Auf fruchtbareren augenscheinlich als in der vormals bedeutenden Industriestadt Winterthur; dort nämlich liegt der offizielle Nachlass Tuggeners, bei der Fotostiftung Schweiz.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 12 vom 10.03.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Dabei gehört der Künstler, und das sagt nicht nur Urs Stahel, weltweit zu den zehn wichtigsten Industriefotografen. Doch die Geschichte der Bilder wird von den großen Nationen geschrieben. Hätte Tuggener, ähnlich Robert Frank, die Schweiz rechtzeitig verlassen und sich in den USA angesiedelt, er gälte heute, ähnlich Frank, als Kultfigur und Fixstern am Fotohimmel. Die relative Isolation der Schweiz und das Fehlen eines Kunstmarktes haben auch zur Isolation von Tuggener geführt.

Wer aber ist dieser Tuggener? In Bologna mag man die Ahnung einer Antwort finden. Dass sie lange Zeit schwer zu geben war, hat nicht nur Gründe höherer Gewalt: Rechtsstreitigkeiten nach seinem Tod verhinderten die Präsentation seines Nachlasses; auch der Künstler selbst hatte sich – und die Anerkennung seines Werks – zu Lebzeiten verhindert. Wie sollten Zeitgenossen schon in den dreißiger Jahren einen verstehen, der davon besessen war, dass Fotografie Kunst sei und er selbst der "photographische Dichter römisch I"? Der bei seinem Tod ein Gebirge von rund 70 Buchmaquetten hinterließ, weil er keine Kompromisse bei deren Umsetzung zuließ? Tuggener lehnte für seine Bilder im Kunsthaus Zürich alles andere als den großen Bührle-Saal ab. Dass er seiner doch würdig war, zwölf Jahre nach seinem Tod, dass er der erste Fotograf war, dessen umfangreiches Werk im Kunsthaus überhaupt derart breit gezeigt wurde, das heißt: Auch die Kunstgeschichte ist eine Geschichte von Versuch und Irrtum.

Ähnlich eigensinnig wie sein Gegenstand handelt in Bologna der Kurator Urs Stahel. Er hat einen rigorosen Entscheid gefällt und widmet sich zweier scheinbar gegensätzlicher Felder Tuggeners in aller Ausführlichkeit und Ausdruckskraft: den technischen Bildern, auch aus Fabrik sowie – in Kinosälen in filmischer Leinwandqualität – den Ballbildern. Und tatsächlich: Es verlebendigen sich hier die Abzüge aus Tuggeners Hand so intensiv, dass man sie zu riechen meint. Das Öl, das Parfüm, der Schweiß, der Champagner, das Stampfen der Maschinen, das Knistern der Roben. Hier das Inferno, dort ein Himmel auf Erden. Ein Paradox verwebt sich schließlich zu einer großen Lebenssymphonie.

Das kleine Wunderwerk gelingt auch durch die Zusammenarbeit mit Martin Gasser, Kurator der Fotostiftung Schweiz und unangefochtener Tuggener-Spezialist; er beschäftigt sich seit 30 Jahren mit Leben und Werk des Künstlers. Gasser hat den Kontakt zur Witwe Tuggener geknüpft, mit sichtbarem Erfolg: Was in Bologna zu sehen ist, stammt auch aus dem noch immer unerforschten Privatbesitz und wird teilweise zum ersten Mal gezeigt. Martin Gasser ist überzeugt: "Es gibt in der Schweizer Fotografie der 1930er und 1940er Jahre nichts Vergleichbares in dieser Intensität und Expressivität." Die Behauptung ist jetzt Bologneser Realität.

Jakob Tuggener: Fabrik/Nuits de Bal, MAST, Bologna, bis 17. April.