Maschinen, Autos und andere Gegenstände des Alltags vernetzen sich zunehmend. In Zukunft werden sie selbstständig miteinander kommunizieren. Auf diese Weise entsteht das Internet der Dinge, welches den Dingen Intelligenz verleiht. Bald werden wir von einem Smart Car vom Smart Home zum Smart Office gefahren, und dies alles in einer Smart City. Doch auch das ist nur ein Zwischenstadium. Irgendwann wird das Office smart genug sein, um seine Arbeit ohne menschliche Arbeitskräfte zu erledigen. Dann existiert das Büro nur noch virtuell.

Schon seit Längerem ist von dieser Entwicklung die Rede, oft ist von einer vierten industriellen Revolution zu hören. Das Ausmaß dieser Entwicklung wird uns erst langsam bewusst. So wird die Herstellung vieler Produkte und Dienstleistungen in Zukunft weitgehend ohne menschliche Arbeitskraft auskommen. Computer sind dank der Vernetzung selbstständig in der Lage, die Produktion zu organisieren. Das hat nicht nur, wie bisher schon, menschenleere Fabrikhallen zur Folge, es wird auch Berufe wie Taxifahrer, Buchhalter oder Anlageberater überflüssig machen. Ebenso große Teile des Managements.

Drohende Jobverluste stehen daher im Zentrum der aktuellen Diskussion um die vierte industriellen Revolution. So veröffentlichte der Schweizer Tages Anzeiger zu Beginn dieses Jahres einen Artikel unter der Überschrift Uns braucht es bald nur noch als Konsumenten. Doch sogar dieser Gedanke greift zu kurz. In Zukunft werden wir nicht nur als Arbeitnehmer, sondern auch als Konsumenten in großem Stil durch Computer verdrängt, die "besser" wissen, welche Produkte und Dienste unseren Bedürfnissen entsprechen. Dieser Aspekt ist wesentlich für die Revolution, die sich vor unseren Augen vollzieht, doch er wird bisher kaum wahrgenommen. Wenn wir nicht aufpassen, verlieren wir mit der vierten industriellen Revolution nach und nach unsere persönliche Freiheit – und unsere Privatsphäre.

Betrachten wir einmal die sich abzeichnende Entwicklung zum Smart Home. In Zukunft wird ein intelligenter Kühlschrank selbstständig Lebensmittel bestellen, meinen Bedürfnissen entsprechend. Nach kurzer Zeit hat er aufgrund meines Einkaufsverhaltens gelernt, welche Lebensmittel ich wann und wie oft konsumiere. Also braucht es mich als Konsumenten zunächst nur noch, wenn ich etwas Außergewöhnliches kaufen möchte und zum Beispiel nach einem Jahr des Konsums von Haselnussjoghurt plötzlich auf Früchtejoghurt umschwenke. Aber auch das lernt der intelligente Kühlschrank. Dann weiß er, dass ich von Zeit zu Zeit ein neues Produkt wünsche, und überrascht mich mit entsprechenden Bestellungen. Und selbstverständlich weiß der Kühlschrank auch über Sonderangebote des Einzelhandels Bescheid. So optimiert er meine Lebensmitteleinkäufe auch in finanzieller Hinsicht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

Ganz ähnlich wird es sich beim Energiekonsum verhalten. Das Smart Home wird jederzeit den für mich günstigsten Anbieter von Energie auswählen und die Raumtemperatur optimal meinem Tagesverlauf anpassen. Ein Smart Home lernt schnell, welche Temperatur zu welcher Tages- und Jahreszeit optimal ist, und sorgt dann dafür, dass genau im richtigen Ausmaß geheizt wird. Dank der Vernetzung mit meinem Smartphone weiß das Haus, wann ich auf dem Weg nach Hause bin und erhöht dann entsprechend die Heizleistung, welche während meiner Abwesenheit im Sparmodus betrieben wurde. Falls ich ein ökologisch bewusster Bürger bin, weiß das Smart Home auch dies – dann wählt es für mich nur Angebote mit einem bestimmten Mindestanteil an erneuerbaren Energien aus.

Programmierte Menschen

So etwas kann man sich in praktisch allen Bereichen des Lebens vorstellen. Künftig treffen wir Konsum-Entscheidungen zum immer größeren Teil nicht mehr selbst, sondern überlassen dies intelligenten Systemen. Das bedeutet auch, dass in Zukunft gar nicht mehr die Konsumenten selbst, sondern die Computer Adressaten von Werbung sein werden. Der Anbieter eines neuen Joghurts (in Wirklichkeit ein Computerprogramm des Joghurtherstellers) wird nicht mehr mich, sondern meinen Kühlschrank ansprechen, denn dieser trifft ja meine Konsum-Entscheidungen. Also muss er versuchen, den Joghurt im Internet so zu platzieren, dass mein intelligenter Kühlschrank auf den neuen Joghurt aufmerksam wird und auch noch "lernt", dass er meinen Bedürfnissen besser entspricht als die bisher existierenden Angebote. Ich, der Konsument des Joghurts, merke von diesen ganzen Marketinganstrengungen aber nichts mehr, sondern habe nur die Gewissheit, dass mein Kühlschrank mich stets "optimal" mit Lebensmitteln versorgt.

Die Nachfrage wird auf diese Weise mehr und mehr vom Menschen unabhängig. Aus der Konsumentensouveränität wird eine neue Computersouveränität. Statt Menschen, die ihren individuellen Präferenzen Ausdruck geben und in ihrer Gesamtheit auch die Geschäftspolitik von Unternehmen beeinflussen können, herrschen dann Maschinen. Aber, so könnte man fragen, geschieht das nicht alles zu unserem Besten? Werden wir dadurch nicht immer mehr entlastet und können ein noch besseres Leben führen?

Betrachten wir, um die massiven Konsequenzen der Computersouveränität beurteilen zu können, die Ursachen: Die Entwicklung ergibt sich keineswegs dadurch, dass die Konsumenten plötzlich ein riesiges Bedürfnis für vernetzte Gegenstände entwickelt haben, nein, sie wird uns großenteils über finanzielle Anreize schmackhaft gemacht. So werde ich in Zukunft wohl günstigere Energietarife erhalten, wenn ich bereit bin, das Energiemanagement meines Smart Homes an einen bestimmten Anbieter zu übertragen. Krankenkassen werden den Kunden einen Rabatt gewähren, die eine Smartwatch tragen und so die Krankenkasse dauernd über ihren Gesundheitszustand informieren. Und mittels intelligenter Kühlschränke wird dem Staat ermöglicht, genaue Daten über die Ernährung seiner Bürger zu erheben. So kann er denen einen Steuernachlass gewähren, die sich gesund und fettarm ernähren. Diese verursachen ja weniger Gesundheitskosten.

Der Übergang von der Konsumentensouveränität zur Computersouveränität wird in einer unheiligen Allianz aus Wirtschaft und Staat aktiv gefördert. Eine von Computern gesteuerte Nachfrage lässt sich viel leichter beeinflussen und stabilisieren, das kommt den Unternehmen entgegen. Und durch Computerprogramme auf Wohlverhalten getrimmte Bürger sind für den Staat leichter zu regieren und zu kontrollieren. "Die Entwicklung verläuft von der Programmierung von Computern zur Programmierung von Menschen", schrieb jüngst eine Gruppe von Wissenschaftlern um Professor Dirk Helbling von der ETH Zürich in Spektrum der Wissenschaft. Nur merken wir all dies kaum, weil wir ja "freiwillig" auf Freiheit und Privatsphäre verzichten – und angeblich alles zu unserem Wohl geschieht.

Mathias Binswanger ist VWL-Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten