Ausgerechnet das Land, das manchen als das gesichtloseste der Republik gilt, zeigt oft schon etwas früher, wie sich das Gesicht der deutschen Demokratie wandelt: Das kleine Sachsen-Anhalt war nach der Wiedervereinigung immer wieder ein politisches Labor für ganz Deutschland. Hier nahm von 1994 an erstmals die PDS-Linke Einfluss auf die Bildung einer Landesregierung. Hier erreichte die DVU im Jahr 1998 satte 13 Prozent und damit ein historisches Rekordergebnis für eine Partei rechts der Union. Hier wurde auch der Niedergang der Wahlbeteiligung schon früher und deutlicher sichtbar als anderswo. Nun steht in Sachsen-Anhalt wohl die nächste Zäsur für das bundesdeutsche Parteiensystem an – die AfD erreicht die Zustimmungswerte einer Volkspartei.

Am Sonntag wählen Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt neue Landtage. In Stuttgart kämpft der erste grüne Ministerpräsident um die Wiederwahl, in Mainz will die CDU zurück an die Macht. In Magdeburg sind die Dinge, wieder einmal, komplizierter und verrückter: Was zeichnet sich da im Parteiengefüge ab? Und welche Auswirkungen hat das auf die Republik?

Erleben wir in Sachsen-Anhalt erstmals die ganz große Koalition: aus CDU und Linken?

Es waren einmal zwei Feinde, denen gingen die Freunde verloren, und deshalb mussten sie sich zusammentun, um gemeinsam das Land zu retten.

Das gibt es nur im Märchen? Nein, vielleicht gibt es das bald auch im real existierenden Sachsen-Anhalt: Denn wenn es kommt, wie es kommen könnte – und wie manche Wahlumfragen prognostizieren –, dann hätten die bisherigen Regierungsparteien CDU und SPD im neuen Magdeburger Landtag womöglich zusammen keine Mehrheit mehr. Das liegt daran, dass eine starke AfD die Arithmetik durcheinanderbringen dürfte und die SPD zugleich auf ein historisch schlechtes Ergebnis zusteuert.

Die Bezeichnung "große Koalition" für Bündnisse aus CDU und SPD ist in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sowieso schon lange falsch gewesen. Eine echte große Koalition in diesen Ländern – das wäre ein Bündnis aus CDU und Linken, den beiden stärksten Parteien eben. Bislang war so eine Liaison undenkbar, zu fern waren sich die beiden, mitunter eben sogar spinnefeind.

Aber die Linke ist längst domestiziert, in Thüringen stellt sie den Regierungschef, ihr Spitzenkandidat Wulf Gallert in Sachsen-Anhalt ist ein Mann der gepflegten Unaufgeregtheit; die CDU in der Ära Merkel zugleich so liberal wie nie. Und ihr Regierungschef Reiner Haseloff kann sowieso mit jedem.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 12 vom 10.3.2016.

Außerdem sind die Zeiten, wie sie sind. Was also, wenn die Umstände es beinahe notwendig machen, dass die beiden langjährigen Feinde koalieren: wenn es für CDU-SPD nicht mehr reicht, für CDU-Links aber schon? Der damalige CDU-Premier Wolfgang Böhmer hatte schon 2008 gesagt, eine Koalition mit der Linken wäre nicht "unmoralisch", demokratische Parteien müssten immer untereinander koalitionsfähig sein.

"Ich halte ein Bündnis aus CDU und Linken prinzipiell für denkbar", sagt deshalb auch Everhard Holtmann, Politikwissenschaftler an der Uni Halle. "Ich glaube, es wäre sogar eine Form der Normalisierung. Ich denke jedoch nicht, dass es nach der kommenden Wahl schon so weit sein kann." Denn: Es gebe zwar auf kommunaler Ebene hier und da bereits eine Zusammenarbeit zwischen CDU und Linken, es verschwänden auch langsam die Gräben. "Aber das muss langfristig angebahnt werden, das wäre eine völlig neue Konstellation, bislang noch unerprobt. Das geht nicht von heute auf morgen", so Holtmann.

So sieht das auch Sachsen-Anhalts CDU-Fraktionschef André Schröder: Mit den Linken ist er gerade zu keinem Flirt bereit. Sein Standardsatz dieser Tage lautet: Ziel sei, dass eine Koalition ohne CDU nicht möglich ist. "Dass Demokraten gesprächsfähig sein müssen untereinander, ist eine Binse", sagt Schröder. "Aber dass wir mit AfD oder Linken in Sondierungsgespräche gehen, das halte ich für ausgeschlossen." Die CDU werbe für Stabilität, die Linke für einen Politikwechsel. "Wie soll das zusammengehen?" Für wahrscheinlicher hält Schröder da schon ein Dreierbündnis: CDU, SPD und X. Wobei als X nur Grüne und FDP infrage kämen.