Ein Paar umarmt sich auf einer Brücke, an deren Geländer Liebesschlösser hängen. © Patrik Stollarz/AFP/Getty Images

"So richtig begriffen habe ich es bis heute nicht." So spricht Georg über die Liebe, er ist der Held in Michael Kumpfmüllers neuem Roman Die Erziehung des Mannes. Ein Mann, der sein Liebesleben wie im Film an sich vorbeiziehen sieht. Dem die Beziehungen eher passieren, als dass er sie wählt, und wieder entschwinden, bevor er sie verstanden hat. So wie sein Vater – herrisch, machohaft, gefühlstaub – will Georg nicht sein, eine moderne Männlichkeit kann er aber nicht finden. Am Ende bleibt Georg nur Ratlosigkeit. Und das, was die Frauen wollen.

Irgendwie zwischen etwas Bekanntem, das nicht mehr passt, und etwas Unklarem, das erst langsam Konturen gewinnt: So ähnlich wie die Romanfigur sehen viele reale Menschen die Liebe. Ihre Verunsicherung ist mehr als bloß eine Gefühlsverwirrung, sie entsteht an einem fundamentalen Übergang von alten Vorstellungen hin zu etwas Neuem, für das uns die Begriffe noch fehlen.

Mehr als 3.100 Deutsche haben die Sozialforscher des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB) zusammen mit dem Umfrage-Institut infas und der ZEIT befragt. Es ging um das wirklich Wichtige im Leben – auch um Liebe, Familie und Partnerschaft. Fast zwei Stunden Zeit nahmen sich die Forscher für jeden Einzelnen von ihnen. Das zentrale Erkenntnisinteresse lautete: Was ist den Deutschen so wichtig, dass sie es an nachfolgende Generationen weitergeben möchten?

Die Ergebnisse gewähren einen Einblick in die paradoxe Herzenswirklichkeit der Deutschen. Eine, in der die monogame, verbindliche Liebe das nahezu unumstößliche Ideal bleibt – während die Art der Paarbeziehung sich zugleich fundamental verändert. "Das Gefühl der Liebe ist das höchste Gut im Leben": Dem stimmen beinahe 90 Prozent der Befragten zu – zugleich aber lehnen es vor allem viele Frauen ab, wichtige Entscheidungen von ihrem Partner abhängig zu machen oder eine zerrüttete Beziehung allein für die Kinder aufrechtzuerhalten.

Wie der leicht überforderte Georg in Kumpfmüllers Roman suchen die Deutschen nach wie vor nach einer Liebe, die ewig dauert, erkennen aber genauso wie er, dass sie tatsächlich oft nur einige Jahre währt. Sie wollen sich weiterhin an einen einzigen Menschen binden – der tatsächlich die- oder derjenige ist, mit der oder dem sie gerade Leben und Laken teilen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

Gleichberechtigung, Selbstbestimmung, Eigenverantwortlichkeit: Seit Jahrzehnten bewegt sich die Gesellschaft auf diese Ideale zu. Normative Zwänge weichen, die Freiheit des Einzelnen wächst. Was dieser Wandel für die Liebe bedeutet, hat der britische Soziologe Anthony Giddens vor einem Vierteljahrhundert analysiert. In seinem Buch The Transformation of Intimacy beschrieb der spätere Direktor der London School of Economics anschaulich, wie Demokratie, Rationalität und Individualismus nicht nur die modernen Gesellschaften als Ganzes prägen, sondern ebenso deren Mitglieder – und ihre Paarbeziehungen. Es ist ein Wandel, der wegführt vom traditionellen Liebesbegriff und hin zu einem neuen Beziehungsbild. Giddens spricht vom Übergang von der "romantischen" zur "partnerschaftlichen" Liebe.

Die althergebrachte Vorstellung kennen wir alle nur zu gut, dafür sorgen Belletristik, Hollywood und die Valentinstag-Industrie: Im größten aller Gefühle finden zwei Menschen zusammen, die vom Schicksal füreinander bestimmt sind. Erst die Ehe heiligt ihren Bund. Natürlich bis dass der Tod sie scheidet. Was aber soll die neue Variante, die partnerschaftliche Liebe, sein? Giddens spricht von der confluent love, der "zusammenfließenden Liebe". Das ist eine Abkehr vom Vertrauen auf das Schicksal und eine Anerkennung des Zufalls, der dahintersteckt, wenn zwei sich finden.

Nicht mehr eiserne Eheschwüre oder feste Rollenbilder schmieden das Paar zusammen, sondern ständige Beziehungsarbeit. Immer wieder befragen beide Partner die Liebe und gleichen sie mit ihren eigenen Bedürfnissen ab, erneuern die Verbindung – oder verwerfen sie, wenn sie in ihr nicht mehr genug Erfüllung finden. Das gelte auch für den Sex, der laut Giddens zu einem "Schlüsselelement" der modernen Liebe werde. "Auch, weil Sex dem Ausdruck der eigenen Identität und der Selbstbestätigung dient", sagt Jan Wetzel vom WZB, das die Umfragedaten ausgewertet hat.

In den Ergebnissen der Vermächtnis-Studie findet Anthony Giddens’ Theorie ein empirisches Echo. Die Daten machen deutlich, welche Strecke die Deutschen zwischen den beiden Polen der Liebe zurückgelegt haben. Danach betrachtet die Mehrzahl der Menschen die Ehe zwar immer noch als einen "besonderen Ausdruck von Liebe" – einerseits. In der Wichtigkeit rangiert sie aber hinter gutem Essen, einer gerechten Arbeitsteilung im Haushalt – und weit hinter dem mit Abstand teuersten Wert der Deutschen: der Nähe zu einem Menschen. Diese muss nicht unbedingt institutionell verankert sein.

Die "weiß nicht" Antworten wurden nicht in die Auswertung einbezogen

Und das gilt, so glauben die Deutschen, für die Zukunft noch stärker. Auf die Frage, ob künftige Generationen die Heirat als besonderen Ausdruck von Liebe ansehen werden, antworten sie deutlich zurückhaltender als auf die Frage, wie wichtig ihnen selbst die Ehe ist. "Die Ehe als einstmals starke Norm ist in Auflösung begriffen", sagt die Soziologin und WZB-Präsidentin Jutta Allmendinger, "und die Mehrheit der Befragten bejammert das nicht, sondern unterstützt den Trend."