Europäische Startups denken heute sehr viel größer als vor 15 Jahren, sagt der Skype-Gründer Niklas Zennström. Das Archivfoto zeigt ihn am 17.03.2006 bei einer Konferenz in Brüssel. © epa Olivier Hoslet/dpa

DIE ZEIT: Herr Zennström, vor dreizehn Jahren haben Sie Skype gegründet, die globale Plattform für Internettelefonie. Wie hat sich die europäische Start-up-Szene seither entwickelt?

Niklas Zennström: Skype war das erste Start-up außerhalb des kalifornischen Silicon Valley, das mit mehr als einer Milliarde Euro bewertet wurde. Seither sind in Europa 40 solcher Firmen entstanden, zwölf davon haben diese Marke alleine im vergangenen Jahr erreicht.

ZEIT: Dazu gehören auch Berliner Firmen wie Number26, die Girokonten für das Smartphone anbietet, und EyeEm ...

Zennström: EyeEm ist ein gutes Beispiel für die Entwicklung in Europa. Das Start-up vertreibt Stock-Fotos, also idealtypische Fotos von Orten und Szenen, die man für wenig Geld etwa in der Werbung nutzten kann. Früher war das eine Domäne professioneller Fotografen. EyeEm macht sich nun die Smartphone-Kameras zunutze und ermöglicht es Privatleuten, ihre Bilder als Stock-Fotos anzubieten und damit Geld zu verdienen. Vor fünf, sechs Jahren wäre das noch unmöglich gewesen, weil die Kameras der Smartphones nicht gut genug waren. In diesem Fall hat ein deutsches Start-up die Chance als Erstes erkannt, einen ganzen Markt zu verändern. Die Ambitionen europäischer Gründer werden ja ohnehin größer.

ZEIT: Was heißt das?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

Zennström: Anfangs ging es vor allem darum, amerikanische Start-ups zu kopieren. Heute verfolgen viele Gründer ihre ureigenen Ideen und denken sofort an eine internationale Expansion. Die europäischen Internetfirmen wetteifern darum, wer die größte und wertvollste Firma aufbaut. Bald knackt eine von ihnen die Zehn-Milliarden-Euro-Grenze. Da bin ich zuversichtlich.

ZEIT: Wer wird das Ihrer Ansicht nach sein?

Zennström: Der Musikstreaming-Dienst Spotify ist auf dem Weg dorthin.

ZEIT: Einige amerikanische Internetfirmen, wie etwa der Taxi-Konkurrent Uber, sollen sogar ein Vielfaches davon wert sein. Stimmt das? Oder droht uns eine neue Spekulationsblase wie im Jahr 2000?

Zennström: Die Situation ist eine ganz andere. Im Jahr 2000 waren weltweit gerade mal 280 Millionen Menschen online, heute sind es drei Milliarden. Wir verbringen acht Mal so viel Zeit online wie damals, der Onlinehandel, der seinerzeit in den Anfängen steckte, setzt heute eineinhalb Billionen Euro um. Der digitale Werbemarkt ist 270 Milliarden Euro groß. Es sind sehr erfolgreiche, reife Unternehmen und Geschäftsmodelle entstanden. Das wird nicht infrage gestellt, wenn die Bewertung einiger Firmen fragwürdig sein sollte.

ZEIT: Welche Bewertungen sind denn fragwürdig?

Zennström: In den USA investieren einige Geldgeber große Summen, die vorher wenig Interneterfahrung gesammelt haben. Und sie steigen spät ein, also in einer Phase, in der Technologiefirmen schon ziemlich weit entwickelt, eigentlich börsenreif sind. Beides zusammen führt zu einzelnen überraschend hohen Bewertungen.

ZEIT: In Europa gibt es kaum Investoren, die 30 bis 50 Millionen Euro in Unternehmen investieren, die noch zwei bis drei Jahre zum Börsengang brauchen, um ähnlich groß zu werden wie amerikanische Konkurrenten.

Zennström: Das stimmt. Bei diesen späten Finanzierungsrunden kommen typischerweise 70 Prozent des Geldes aus den USA. Gut daran ist immerhin, dass viele Firmen aus Europa am Ende eben doch an das nötige Geld kommen.

ZEIT: Es gibt doch genug Milliardäre in Europa. Versicherungen. Pensionsfonds. Genug altes Geld. Die Zinsen sind niedrig. Warum fließt das Kapital nicht in die wachstumsstarken Digitalfirmen, sodass die am Ende Amerikanern gehören?

Zennström: Europäische Vermögensverwalter und Pensionsfonds waren immer sehr konservativ in ihren Investments, und diejenigen, die es mit dem Internet versucht haben, spüren noch ihre Narben von der 2000er Blase.