Es war ein schöner Auftrag, den die Fotografin Margaret Bourke-White im Herbst 1929 an Land gezogen hatte. Sie sollte die Innenräume der First National Bank of Boston ins Bild setzen, steinerne Katakomben, so groß und mächtig, als könne man darin den Weltuntergang überleben. Die menschenleeren Fotos zeigen majestätische Stahlgitter, denen das schräg einfallende Licht einen sakralen Glanz verleiht. Wie überzeitliche Tabernakel wirken die Tresorräume, darin verborgen das Allerheiligste der kapitalistischen Religion: Geld, sehr viel Geld.

Allerdings, die Aufnahmen gestalteten sich schwierig, denn immer wieder rannten Bankangestellte in heller Panik durchs Bild. Woher die Aufregung kam, erfuhr die genervte Fotografin erst später: Es war der 24. Oktober, der Dow Jones raste in den Keller, am Tag darauf kollabierte die New Yorker Börse. Was auf den Fotos aussah, als sei es für die Ewigkeit gebaut, stürzte zusammen wie ein Kartenhaus.

Gutes böses Geld heißt eine große Ausstellung der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden, auf der die Fotos von Bourke-White zu sehen sind, gleichsam als Teil einer langen Bildgeschichte der Ökonomie. Diese Geschichte beginnt nicht, wie man hätte erwarten können, mit den Florentiner Medici, sie beginnt früher, nämlich schon Mitte des 13. Jahrhunderts, als die Kaufleute von Siena eine florierende Geld- und Handelswirtschaft etablierten, in der sogar bargeldlose Überweisungen möglich waren. Ob Zufall oder nicht – der Zeitpunkt der Ausstellung ist gut gewählt. Die große kapitalistische Maschine läuft nicht mehr rund; sie hinterlässt sensationelle Schuldenberge und schafft Ungleichheit von märchenhafter Obszönität – die 400 reichsten Amerikaner zum Beispiel besitzen so viel Vermögen wie die unteren 61 Prozent. Gerade macht das Wort vom "Ende des Kapitalismus" die Runde, und in dieser Dämmerung beginnen die Eulen der Kunstgeschichte ihren Flug.

Ist das Geld nun gut oder böse? Das Geld ist historisch alt, die ersten Münzen wurden bereits 600 vor Christus im Königreich Lydien ausgegeben, im Westen Anatoliens. Geld ist eine spektakuläre Erfindung, eine magische Macht, die es erlaubt, Ungleiches miteinander zu tauschen. Doch der Allesverwandler, Allesdurchdringer und Allesschöpfer scheint den Künstlern unheimlich zu sein. Auf den Bildern des Niederländers Marinus van Reymerswaele (1497 bis 1567) verwandelt Geld nämlich nicht nur die Seele der Dinge, sondern auch das Herz der Menschen; andere Künstler verstecken das Geld in schwarzen Säckchen, ganz so, als könne bereits sein Anblick die menschlichen Laster entsichern, die Habgier und den Geiz. Auf Lucas Cranachs d. Ä. Ungleichem Paar (1522) sieht man einen hässlichen, reichen Greis, der eine junge Frau wie sein Eigentum behandelt, während sie ihm lächelnd in den Geldbeutel greift – als Tausch "Liebe gegen Geld". In diesem erotischen Investment ist Geld eindeutig böse; gut hingegen scheint es, sobald es die Emanzipation des Bürgers ermöglicht, die Befreiung vom feudalen Herrn. Mehrere Bilder zeigen erfolgreiche Kaufleute mit aufgestelltem weißem Kragen, eine neue Klasse, stolz und ehrenhaft. Mit ihren Porträts unterstützten die Künstler den Bürger beim Aufstiegskampf; mit einer ästhetischen "Transaktion" reinigten sie ihn vom Ruch des schmutzigen Geldes und adelten den Händler zum künftigen Helden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

Man sieht, die Ausstellung interessiert sich nicht für das Geld an sich; sie interessiert sich für die Wirkung des Geldes auf die menschlichen Verhältnisse, kurz: für die Ökonomie des Lebens. In einem wunderbaren Arrangement öffnet der Direktor der Kunsthalle dem Besucher dafür die Augen. Johan Holten zeigt Andy Warhols 40 Two Dollar Bills, eine Demonstration kalter Serialität. Diese Geldzeichen spiegeln sich nur in sich selbst, sie sind ein signifikantes Nichts und haben keinerlei Bindung an einen realen Wert. Daneben hängt Hanne Darbovens große Arbeit Soll und Haben. Darboven hat die 263 Doppelseiten eines alten Rechnungsbuches kopiert und dort, wo die Aufzeichnungen abbrechen, die leeren Spalten mit eigenen Notationen gefüllt, mit Subjektivität. Das heißt: Geld ist zwar, wie Warhol zeigt, ein leeres, gleichgültiges Zeichen, doch in dem Moment, wo es durch die Wünsche zirkuliert und alles nach Soll und Haben berechnet, verdinglicht Geld das Lebendige und konsumiert das Präsens der Gegenwart. Darbovens Datumsangabe lautet übrigens "Heute".

Darbovens Soll und Haben ist nicht nur ein hinreißend subtiler Widerstand gegen die Mathematisierung der Zeit; ihr Werk spielt auch auf die theologische Geldkritik an, wonach Geld, das sich im göttlichen Medium der Zeit durch Zins vermehrt, eine Sünde wider die Schöpfung ist. In einer teuflischen Transsubstantiation verwandelt der Kapitalismus die göttliche Zeit in weltliche Geld-Zeit und metaphysische Schuld in profane Schulden.

Der moderne Künstler ist der neue Midas. Was er berührt, wird zu Geld

Auch wenn die theologische Kritik heute nicht mehr zählt, so ist doch die Furcht vor der dämonischen Macht des Geldes geblieben. Mit fasziniertem Schrecken beobachten Künstler die "Religion" der Moderne und staunen darüber, wie es ihr gelingt, profanes Geld wie ein heiliges Objekt anzubeten. So hat Maria Eichhorn eine eigene Aktiengesellschaft gegründet, die den Teufelspakt von Geld und Zeit auflösen soll – das Geld darf keinen Gewinn bringen (das tut es derzeit in der Realwirtschaft auch nicht). Und im Hades der Tiefgarage lärmen Benedikt Brauns Förderbänder, die mit mythischer Monotonie, rauf und runter, fünfzigtausend Ein-Cent-Münzen umschichten. Der sinnlose Kreislauf des Geldes konvergiert hier mit dem Kreislauf des Lebens, und hin und wieder fallen ein paar Cent zu Boden und bilden armselige Häufchen. Das ist der Abfall des Kapitals, der Abfall für alle.