Mercedes-Benz Limousine der Baureihe W124 © Daimler

Die Beziehung zwischen Peter und meinem Benz ist kompliziert. "Es wäre echt schade um das Auto", hat der Kfz-Meister gesagt, während er bei meinem Mercedes-Benz 320 E, Baujahr 1994, das Öl wechselte. Ich habe nicht weiter nachgehakt. Peter heißt mit vollem Namen Peter Polzer; seit ich den Benz besitze, bringe ich ihn in Peters Werkstatt. Der Kfz-Meister mag mein Auto. Was die Beziehung zwischen ihm und dem Mercedes so kompliziert macht, ist die Tatsache, dass dem 320er meistens kaum etwas fehlt. Er fährt zuverlässig. Seit Jahrzehnten. Peter hat also wenig zu tun.

Gekauft habe ich den Mercedes im Sommer 2003, für 5.000 Euro von einem Autohändler in Pfaffenhofen an der Ilm. Inzwischen ist der Kilometerstand längst sechsstellig, knapp 200.000 steht da, mehr als 100.000 davon bin ich selbst gefahren, auch mal von München aus in die Toskana oder an die Ostsee. Der Mercedes fährt und fährt und fährt, springt immer an, liegen geblieben ist er noch nie. Sein Spritdurst erscheint mir akzeptabel, egal ob auf der Autobahn oder im Stadtverkehr. Im Durchschnitt sind es, bei zurückhaltendem Gasfuß, etwa zehn bis zwölf Liter Super oder E10. Komfortabel fährt sich der Benz sowieso, er kann auch mal schneller als 200 Stundenkilometer, wenn es denn sein muss.

Einen Neuwagen dieser Klasse hätte ich mir nicht leisten können. Nach einem Jahr schon hätte das Auto an Wert verloren, ein Viertel des Kaufpreises gewiss. Der für den Erhalt der Garantie verpflichtende Kundendienst würde jährlich einen halben Tausender kosten. Bei meinem Oldie hingegen sind die Reparatur- und Wartungsaufwendungen niedrig. In den vergangenen zwölfeinhalb Jahren habe ich dafür insgesamt 2.500 Euro zahlen müssen, einschließlich aller Ersatzteile, Öle und der Arbeitszeiten, die Kfz-Meister Peter in Rechnung gestellt hat. Hinzu kamen jeweils vier neue Sommer- und Winterreifen.

Beim Kostenvergleich schneidet meine Limousine sehr günstig ab. Laut DAT-Report 2015, der die Trends im deutschen Kfz-Gewerbe analysiert hat, lag der durchschnittliche Wartungsaufwand pro Pkw, egal ob alt oder neu, im Jahr 2014 in Deutschland bei 245 Euro. Hinzu kamen 171 Euro für Reparaturen.

Mein Benz gehört noch zur Modellreihe W124, deren Langlebigkeit fast schon legendär ist. Er braucht wirklich nicht viel, um Jahr für Jahr zuverlässig seinen Dienst zu verrichten. Ölverbrauch? Minimal. Niemals musste ich zwischen den Ölwechseln nachfüllen. Motoröl und Filter ließ ich in der Regel nach circa 15.000 Kilometern wechseln, von Zeit zu Zeit waren neue Bremsbeläge und -scheiben fällig. Auch die Bremsflüssigkeit, den Keilriemen, den riesigen Einarm-Scheibenwischer und das Öl fürs Automatikgetriebe durfte Kfz-Mann Peter schon mal austauschen. Der elektrische Fensterheber auf der Fahrerseite hat mal geklemmt. Für einen Fünfziger konnte Peter den kleinen Defekt schnell beheben. Die neue Batterie habe ich eigenhändig eingebaut.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

Vor der Hauptuntersuchung im April 2015 musste Peter allerdings etwas mehr werkeln als die Jahre davor: vorne links das Radhaus geschweißt, Radhausschale, Scheinwerfer und Scheibenwaschbehälter ausgebaut, Bleche angefertigt, abgedichtet und lackiert. Das Ganze für 193 Euro brutto. Für Kontrolle, Schweißmaterial, Karosseriedichtmasse, Unterbodenschutz und Kleinmaterial hat er zusätzlich 63,50 Euro berechnet. Ansonsten waren keinerlei Reparaturen oder Ersatzteile nötig, um die Plakette für die nächsten zwei Jahre zu erhalten.

Der W124 könnte ein echter Kult-Oldtimer werden, sagt Peter. Mein 320er, eine viertürige Limousine, hatte Mitte der neunziger Jahre mit allen Extras neu rund 90.000 D-Mark gekostet – ich habe das Auto für 5000 Euro bekommen. Inklusive Reihen-Sechszylinder mit 220 PS und Automatikgetriebe. Mit glänzendem, fast fabrikneu anmutendem blauschwarzem Metallic-Lack, selbstverständlich noch ohne sichtbaren Rost. Mit grün kolorierten Scheiben, elektrischem Schiebedach und beigefarbenen Stoffsitzen. Alles tipptopp. Ein echtes Schnäppchen. Dazu die 225er Breitreifen auf den silbrig glänzenden, frisch aufpolierten Alufelgen. Damit wirkte der 320er damals richtig bullig. Heutzutage erscheint der alte Benz neben all den neuen SUVs und Geländewagen, den BMW X5 oder Audi Q5, fast schon zierlich.