Es gibt einen Unterschied zwischen Leben und Lebendigkeit, lange hatte man das nicht mehr so deutlich gespürt wie in dieser Stadt, in dieser Straße.

London. Eine Stadt wie im Lampenfieber, voller Unrast, Ungeduld und Verkehr – eine Stadt voller Leben. Und mittendrin diese Straße. Oxford Street, Londons bedeutendste Einkaufsmeile. Zweieinhalb Kilometer lang, zieht sie sich durch den Nordwesten der Innenstadt, noch voller von Leben als der Rest der Stadt, noch voller von Menschen, ein ständiges Verstricken der Bewegung mit dem Dasein, dem Miteinander und seinen Geschichten – eine Straße voll aufputschender Lebendigkeit. Die einen zu jedem Moment anstößt, anrempelt und die pulsiert und verzaubert und mitreißt, "auf den Wellen gegen die Flut / der Gesichter, / gegen die rhythmische Brandung körperhafter Wogen", schreibt Günter Kunert. Aber wieso eigentlich "gegen", immer dagegen?

Marble Arch, am westlichen Ende der Oxford Street. Nebenan, als wäre der Marmorbogen ein Eingang, liegt der Hyde Park. Eigentlich ist der Bogen eher ein Übergang: ein Tor zwischen der grünen Weite des Parks und dem Trubel der Einkaufsstraße.

Und während man noch dort steht, ganz am Anfang, wo die ersten Souvenirshops Brotdosen mit dem Konterfei Queen Elizabeths verkaufen, während man sich fragt, ob man so eine königliche Dose für seine Stulle brauchen könnte oder vielleicht doch eher den Salzstreuer mit dem Foto von Prinz Charles, während man bemerkt, dass die roten Doppeldeckerbusse aussehen wie rollende Toaster und während einem Menschen im Vorbeihasten Gesprächsfetzen ins Ohr schleudern und ein Rikschafahrer fast überfahren wird und sich gerade noch vor das Schuhgeschäft namens Schuh rettet, das direkt neben dem Schuhgeschäft Russell & Bromley liegt, unweit des nächsten Schuhgeschäfts Aldo – kurz: Während man zum ersten Mal beobachtet, wie sich das Leben auf der Oxford Street fast in sich selbst verknäult, da denkt man sich, ja, natürlich, es ist leicht, gegen all das hier zu sein.

Gegen den Verkehr. Gegen den Konsum. Gegen die Masse.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

Man kann sich aber auch einfach in die Strömung werfen statt dagegen. Den "Sog" spüren, den Kunert beschreibt, auch wenn es für ihn kein guter Sog ist, sondern einer, gegen den man zu kämpfen hat. Aber wenn man nicht kämpft, wenn man einfach eintaucht: erstaunlich, was man dann alles sehen und fühlen und kaufen kann in der Oxford Street.

Es ist irgendein Mittwoch, irgendein Vormittag, irgendwann im Jahr. Und trotzdem so voll, als stünde Weihnachten bevor. Die Temperaturen sind mild, zehn Grad, vielleicht elf, für viele Londoner zumindest warm genug, um ohne Jacke vor die Tür zu gehen. Das unterscheidet sie von den Touristen, die hektisch ihre dicken Mäntel aufreißen, sobald sie ein Geschäft betreten. Also alle paar Meter. Gerade ist sale in vielen Kaufhäusern, "50 % off", steht auf Plakaten, "70 % off", und die Menschen strömen in die Häuser, als würden sie hineingezogen und voll bepackt mit Tüten und Sonderangeboten wieder ausgespuckt.

Dabei müssten sie doch nicht auf Rabattaktionen warten, um hier Schnäppchen zu jagen. In der Oxford Street sei es immer günstig, sagen die Londoner. Billig, sagen viele. Oder gleich: ramschig.

Aber gut, das kommt darauf an, wo man steht. Also ob man, finanziell gesehen, unten steht oder oben und lieber in den luxuriösen high streets kauft, in denen high auch die Preise beschreibt. Aber es kommt auch darauf an, wo man in der Oxford Street steht, die kilometerlang wie ein Riegel über den Stadtteilen Mayfair und Soho liegt.

Wer die Oxford Street hochläuft, von Westen nach Osten, läuft erst mal über blitzsaubere Bürgersteige, so breit, dass am Rand noch Platz bleibt für steinerne Bänke. Vor Primark, einem Kaufhaus nach dem Organisationsprinzip des Grabbeltischs, sitzen darauf besonders viele Menschen, haben besonders pralle Tüten vor sich abgestellt, rascheln darin und nehmen in Augenschein, was eben noch nicht ihres war: Socken im Zehnerpack, Ringelpullover, ein Kleid in Kanariengelb. Ein Wühlen, ein Tuscheln: Hätten sie vielleicht doch lieber das dunkelgrüne ...?