DIE ZEIT: Frau Fischbach, wenn sich die Vorstellungen von Liebe und Partnerschaft ändern – wie verändert sich dann die Partnersuche?

Lisa Fischbach: Die Ansprüche steigen, vor allem bei Frauen. Der Partner muss immer mehr erfüllen. Heute wählen wir nicht mehr nur den passenden Partner, sondern den besten. Das zeigen viele Studien, und so beobachten wir es auch bei den Mitgliedern des Portals Elitepartner.

ZEIT: Woran konkret?

Fischbach: Jeder Nutzer kann seine Vorstellungen vom Wunschpartner äußern: Soll der Akademiker sein? Darf er oder sie bereits Kinder haben? Sollte er oder sie auf jeden Fall welche wollen? Ist Attraktivität wichtig? Wir beobachten, dass vor allem Frauen mittleren und höheren Alters sich mit niemandem zufriedengeben wollen, der nicht optimal zu ihnen passt. Sie bleiben lieber Single, als Kompromisse einzugehen – früher galt eher das Motto: Hauptsache Sicherheit.

ZEIT: Heute können Frauen sich meist selbst versorgen. Wie beeinflusst das ihre Vorstellungen?

Fischbach: Erstaunlicherweise nicht so, wie man es erwarten würde. Selbst finanziell unabhängige Akademikerinnen wünschen sich beruflich erfolgreiche Männer, die Geld haben. Das Aufweichen traditioneller Rollenbilder lässt nicht gleich altmodische Wunschvorstellungen schwinden. Eher kommen neue hinzu. Viele Frauen suchen den Alpha-Softie.

ZEIT: Den was?

Fischbach: Den selbstbewussten, durchsetzungsstarken Alpha-Mann, der aber zugleich empathisch und kommunikativ ist und sich hingebungsvoll an der Kindererziehung beteiligt. Kochen gilt mittlerweile als sexy.

ZEIT: So viele Alpha-Softies dürfte es nicht geben.

Fischbach: Das stimmt, die meisten Männer sind besser in Entweder-oder als in Sowohl-als-auch. Die verschiedenen Ansprüche verwirren sie.

ZEIT: Was verwirrt die Männer konkret?

Fischbach: Das fängt schon beim Flirten an. Viele Frauen haben nach wie vor die Erwartung, dass der Mann den ersten Schritt macht, also den aktiven Part übernimmt. Dabei darf er aber bitte nicht zu anzüglich oder offensiv sein. Allerdings auch nicht zu schüchtern. Eben charmant. Der akzeptierte Verhaltenskorridor ist sehr eng, und obendrein lässt er sich von kaum einer Frau ganz konkret beschreiben, das ist eher so ein "Von allem etwas zum richtigen Zeitpunkt". Die Balance zu halten ist knifflig; manche Männer frustriert das.

ZEIT: Birgt es auch Konfliktpotenzial für eine spätere Partnerschaft?

Fischbach: Wenn ich an die Paare denke, die zu mir in die Beratung kommen, habe ich teilweise den Eindruck, dass die Männer mit den Ansprüchen der Frauen überfordert sind. Übrigens auch beim Thema Sex. Frauen haben höhere Erwartungen als früher, sie wollen vor allem Abwechslung. Das gilt auch für Frauen mittleren Alters, die schon länger in einer Beziehung sind – gerade wenn sie davor nicht so viele Sexualpartner hatten.

ZEIT: Haben Sie da einen bestimmten Fall aus Ihrer Praxis vor Augen?

Fischbach: Ich denke gerade an eine Klientin, so um die 40, die zu mir kam, weil sie sexuell gelangweilt war. Eigentlich hatten sie und ihr Mann eine glückliche Beziehung und erfüllten Sex, sogar einigermaßen regelmäßig. Aber als sie dann bei einem Mädelsabend mit ein paar jüngeren Frauen von deren Erfahrungen hörte, wurde sie neidisch. Sie hat dann versucht, ihren Mann zu animieren: Wollen wir nicht auch mal etwas ausprobieren? Einen Dreier oder einen Pärchentausch?

ZEIT: Ist das der Optimierungswahn, der uns heute angeblich antreibt? Hält der nun auch im Schlafzimmer Einzug?

Fischbach: Ich würde das nicht so negativ formulieren. Zustände, mit denen man unzufrieden ist, müssen heute eben nicht mehr hingenommen werden. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, daran etwas zu ändern. Die Bereitschaft zur Trennung wächst zwar – aber bei vielen Paaren besteht auch der Wille zur aktiven Beziehungsarbeit.

ZEIT: Wer ergreift da eher die Initiative, die Männer oder die Frauen?

Fischbach: Eindeutig die Frauen. Es sind fast immer Frauen, die mit mir Kontakt aufnehmen. Die Männer sagen dann oft, dass sie die Beratung "der Frau zuliebe" mitmachen.

ZEIT: Woran liegt das?

Fischbach: Frauen sehen es nicht als Schwäche, sich Hilfe zu holen. Wenn Männer unzufrieden sind, lösen Sie das Problem öfters auf eine unpartnerschaftliche Weise: Sie gehen fremd.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

ZEIT: Frauen nicht?

Fischbach: Natürlich gehen auch Frauen fremd. Aber bei ihnen kommt es häufiger vor, dass sie ihre Unzufriedenheit frühzeitig ansprechen. Zu mir kommt seit zwei Jahren ein Paar in die Beratung. Sie Pädagogin, er in der Werbung. Um die 40, verheiratet, zwei Kinder – im Prinzip glücklich. Aber sie war unzufrieden, weil bei ihm die Lust auf Sex deutlich weniger wurde und er beispielsweise am Wochenende viel lieber mit seinen Jungs zum Fußball ging, als mit ihr einen romantischen Abend zu verbringen. Eine Trennung aber kam für beide nicht infrage. Die Frau kam dann auf die Idee, eine Paarberatung zu machen.