Phil Collins wieder cool? So weit kommt’s noch! Es gibt keinen Popstar, der so gründlich aus der Mode gekommen ist wie Phil Collins. Dabei war er nicht einmal zu seinen Hochzeiten cool. Er war omnipräsent. Selbst als er keine Musik mehr machte, liefen seine Lieder einfach immer weiter. Und weiter. Und weiter. Sie waren die Geister, die er rief. Und nichts nimmt das Publikum mehr übel als die ewige Allgegenwart einer Zeit, in der es selbst einmal jung gewesen ist.

Das ist vorbei. Uncool ist es, ihn weiter als kommerziellen Clown zu betrachten. Collins ist nicht wieder cool. Er ist es nach mehr als 150 Millionen verkaufter Platten zum ersten Mal in seiner Karriere.

Bemerkbar macht sich diese Wende in der offenen Wertschätzung, die ihm eine neue Generation von Musikern entgegenbringt. So unterschiedliche Künstler wie Kanye West, Sleater-Kinney, Adele oder Lorde machen keinen Hehl mehr aus ihrer Verehrung. Ihre Liebe gilt nicht etwa dem begnadeten Schlagzeuger, der bei Paul McCartney, Robert Plant, Brian Eno oder Ozzy Osbourne spielte. Nein, sie gilt genau dem knautschgesichtigen Typen mit Halbglatze, den ganze Generationen vor Augen haben, wenn sie an die achtziger Jahre denken.

Es geht um all die Ohrwürmer mit Widerhaken. Der Titel genügt, und all die Melodien rollen wieder ab, zusammen mit den Erinnerungen: One More Night, A Groovy Kind Of Love, Against All Odds, I Wish It Would Rain Down, Easy Lover, Another Day In Paradise, es nimmt kein Ende und nahm es auch damals nicht. Von 1981 bis 1991 hatte der unscheinbare Brite weltweit mehr Hits als die außerirdische, glamouröse oder genialische Konkurrenz von Michael Jackson, Madonna oder Prince. Selbst David Bowie attestierte sich einst abfällig, in jener Ära in seinen "Phil-Collins-Jahren" gewesen zu sein.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

Mit dem Abstand von drei Jahrzehnten hört nun erstmals eine neue Kohorte an Künstlern die Musik von damals – als hoffnungsvollen Aufbruch in eine Welt technischer Innovationen, die sich weitergedreht hat und jetzt wieder bei Phil Collins angekommen ist. Denn der hat diese Welt maßgeblich zu verantworten. Man weiß sogar, wann genau der Urknall sich ereignet hat und wie er klang, im ersten Song auf seinem ersten Soloalbum, Face Value von 1981. Nach mehr als drei Minuten, In The Air Tonight beginnt gerade ein wenig zu langweilen, passiert es: RADAMM RadAMM RadamM radamm ... BAMM BAMM. Andere hätten an dieser Stelle ein käsiges Saxofon oder eine expressive E-Gitarre eingespielt. Phil Collins aber setzte eine eher simple Schlagzeugkaskade mit klanglicher Wucht. Der Effekt wurde als "magischer Break" berühmt, und er legte die rhythmische Grundlage nicht nur seiner eigenen Karriere, sondern der kompletten synthetischen Ästhetik der achtziger Jahre. Was immer Phil Collins an kompositorischem Handwerk in den folgenden Jahren leisten sollte, es ruhte stets auf dem soliden Fahrwerk dieses ganz speziellen Sounds.

Das Timing hat sich der Schlagzeuger bewahrt. Derzeit erscheinen unter dem Titel Take A Look At Me Now seine Alben neu, von Face Value über Both Sides bis No Jacket Required oder Hello, I Must Be Going. Und die Sünden von damals haben sich in Schätze verwandelt.