Manches hatte man ja für Fortschritt gehalten. Etwa: keine arrangierten Ehen in der westlichen Welt, freie Wahl der Liebenden. Geburtenkontrolle selbst bei Katholiken, Präservative in Nude oder Neon, mit Himbeer- oder Aprikosengeschmack. Elternurlaub und ein bisschen Steuerrückzahlung, also Kindergeld, man darf auf High Heels das Baby im leichtfedrigen Buggy zur lokalen Krippe navigieren, ohne gesteinigt zu werden, wie es im Herrschaftsbereich des IS wahrscheinlich wäre. Nahezu 40 Prozent aller Frauen machen Abitur und haben Aussichten auf einen tollen Job. Man kann wählen zwischen Elternauszeit und Betreuungsgeld und familienfreundlicher Arbeitszeit. Was also gibt es zu jammern?

O, viel. Es begann leise im letzten Jahr, die Wienerin Gertraud Klemm veröffentlichte den Roman Aberland (Droschel Verlag), der im Retro-Muster ausgeliefert wurde, mattes Pink zu Gelbbraun, darauf Rhomben und Rosetten. Das Buch entfaltet zwischen Ehe-Ödnis und Baby-Hass eine schrille Prosa, etwa: "... steht sie vor dem Stubenwagen und starrt in das dunkelviolette, vibrierende Loch hinein, aus dem sie die Schallwellen kommen sehen kann, wie sich die Luftmoleküle unter dem Gebrüll erschreckt zusammenpressen und in den Raum geschleudert werden, wie das Gebrüll sich in jedes Eck des Hauses verbreiten wird ..." Eine junge Frau zwischen Ablehnung des Kindes und schwindender Faszination für dessen Vater. Man dachte: Oooooch! Falsch gedacht, das Buch schaffte es im Januar auf die Longlist für den Preis der Leipziger Buchmesse.

Klemms Werk war der Roman zum Aufschrei #regrettingmotherhood, der sich 2015 viral im Netz ausbreitete, nachdem die israelische Soziologin Orna Donath eine Studie publiziert hatte, in der sie mit 23 Frauen in Interviews eine qualvolle Ablehnung der Mutterrolle entfaltet. Frauen mit ein oder zwei oder vier Kindern, junge Frauen, ältere Frauen, tiefunglücklich mit ihrer Mutterschaft, einige kurz vor dem Breakdown, andere danach. Na ja, Israel!, konnte man denken. Wo Frauen zwischen Militärdienst und Raketenbeschuss circa drei Kinder gebären, am Horizont immer der Schatten des Holocaust! Falsch vermutet. Es kamen Hunderte, ja Abertausende von Frauen dazu, auf Foren im Netz, die ähnlich empfanden, auch in Deutschland, wo Frauen das Kinderkriegen bis knapp vor die Menopause aufschieben. Und das zweite Kind schon unter Mutterkreuzverdacht fällt und viele Leute diese Kinder ganz verzichtbar finden, man könne doch die demografische Delle ohne Umweg über Kinderaufzucht mit Migranten auffüllen, mit schon fertigen Menschen! In Deutschland erscheint nun Orna Donaths Studie als Buch, Titel natürlich # Regretting Motherhood (Knaus Verlag), und zeitgleich erscheint von einer Sarah Fischer Die Mutterglück-Lüge (Ludwig Verlag), über 200 Seiten Wutschreie gegen "Milchbreiglückseligkeit" – : "Wie viele schöne Momente braucht es, um den Verlust des eigenen Lebens auszugleichen?"

Dann gibt es noch Die falsche Wahl. Wenn Frauen ihre Entscheidung für Kinder bereuen, darauf selbstredend ein Sticker #regrettingmotherhood. Die Journalistin Esther Göbel addiert, was Muttersein so unerträglich mache, "den Druck der Verantwortung, den Verlust von Selbstbestimmung und Freiheit, die Überforderung, die fehlende Zeit für sich selbst, die Neuordnung mit dem Partner, die teils irreversible Veränderung des eigenen Körpers, ein chronisches Schlafdefizit, die Wut über die mangelnde Unterstützung, die ständige Sorge um das eigene Kind, die Unsicherheit und die Zweifel, eine gute Mutter zu sein, die große Anstrengung, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren, der ständige Stress, die Trauer ..."

Es ist ein Rosenkranz der Schmerzen. Eine Litanei der Zumutungen. Crescendo der Verzweiflung! Zu erwähnen wäre Geht’s noch, Eierloch! Eine Mutter packt aus aus Amerika, Autorin Karen Alpert, ehemals Bundesbeamtin. Stilprobe: "GOTT SEI DANK! Meine Kinder sind ENDLICH alt genug, dass ich sie ohne Aufsicht im anderen Zimmer abhängen lassen kann! ... Es bedeutet, dass ich das Geschirr abwaschen kann, ohne Angst haben zu müssen, dabei auf den Kopf des Kindes zu treten und sein Hirn über den ganzen Küchenfußboden zu verteilen ..." Soundcheck-Ende. Ach ja, die Gegenliteratur. Etwa Alina Bronsky mit der Geburtsbegleiterin Denise Wilk (insgesamt kommen sie auf zehn Kinder!), im Protest gegen Die Abschaffung der Mutter (DVA), was in etwa der schrille Mutti-Ideologie-Stoff ist, vor dem #regrettingmotherhood- Menschen Reißaus nehmen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

Man sucht nach Erklärungen für diese extreme Mutteritis. Was geht ab?

Vordergründig ist es ein toller Hype, der sich toll verkauft: "Die März/April #Emma jetzt im Handel: über #koelnhbf und #regrettingmotherhood ." Der Focus, der Spiegel, Brigitte, das Netz – die ganze Medienwelt wird zum Mega-Hallraum. Der Trend folgt der Formel: "Muss man sagen können!" Esther Göbel geht es darum, "auf diese Weise mit einem der letzten großen Tabus unserer Gesellschaft aufzuräumen: dem Mythos der stets und zwangsläufig glücklichen Mutter, die weder Ambivalenz, geschweige denn Reue zeigen darf". In einer emotional hochgepegelten Gesellschaft ist natürlich alles das "letzte Tabu". Und alles dahinter das Allerletzte. Die Debatte wäre, so betrachtet, der Pegida-Zweig der öden Familiendebatte, die sich seit Jahrzehnten um sich selber dreht, von "Väter tun zu wenig" über "Diese Doppelbelastung!" zu "Der Staat tut zu wenig" zurück zu "Väter ...". Unter der Flagge von "Muss man mal sagen" werden jetzt Banalitäten wie Ungeheuerlichkeiten rausgehauen, wie nervig Kinder seien, wie eklig, dass man wünsche, sie wären nie geboren – ähm, also, na ja, man liebt sie natürlich!

Der Kick, der darin liegt, es öffentlich zu sagen. So herzlos betrachtet, ist das Jammern einer unter vielen Streams im Rauschen der modernen Welt, so wie abends im vollgestopften U-Bahn-Waggon eine lauthals ins Handy klagt, sie habe echt keine Lust, ihre sterbende Mutter zu besuchen, schon der Geruch! Weniger herzlos betrachtet, geht es um Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Alles zu viel. Um 6 raus, um 1 ins Bett, dazwischen Hetze, Hetze, Hetze. Darüber muss man Mitleid empfinden. Man kann es auch so empfinden, als würde man zum Mitleid genötigt.