Die Autorin Ronja von Rönne © Carolin Saage

Fieses kleines Buch. Kommt daher wie ein aufgeblasener Blog-Eintrag, mit ebendiesem lässigen Bescheidwisser-Ton, und das ist Ronja von Rönne ja auch, neben ihrer Rolle als Feuilleton-Redakteurin der Welt: eine Netz-Autorin, die ihren Account mit Bonmots befüllt. Die sind größtenteils exzellent; Frau Rönne kann, sollte aus der Literaturkarriere nichts werden, in jedem Fall als Texterin für Comedians oder Talkshows arbeiten. Bei Böhmermann die besseren Pointen liefern, das wäre ein Job für sie.

"Poetry-Slam ist der Segway der Literatur", "Weihnachten ist, wenn Papa das WLan ausmacht", "Meine Mitbewohner haben Namen auf das Essen im Kühlschrank geschrieben. Ich esse jetzt Käse namens Julia" – das ist der Rönne-Sound, erprobt vor allem im empörungsbildenden Pamphlet. Man denke nur an den Artikel Warum mich der Feminismus anekelt, mit dem die damals 23-Jährige im April letzten Jahres über Nacht zum Medienphänomen wurde, einschließlich Shitstorm und angeblicher Morddrohungen. Aber in diesem Stil ein ganzer Roman, auch wenn er schmal ist, 206 Seiten? Das wird kokett sein, dachte man, und auf altkluge Weise aufmüpfig, ein Recycling der popjournalistischen Idee, dass einer nur defätistisch auftreten und seinen Stil einem Stammtischgespräch angleichen muss, um als schlau und ambitioniert zu gelten.

Und der Plot von Wir kommen ist ja auch eine Zumutung, unter dem Gesichtspunkt konventioneller Dramaturgie jedenfalls: Zwei Paare aus der Großstadt, eine Ménage-à-quatre. Die Ich-Erzählerin Nora hat Depressionen, geht in Therapie, was die Gruppe nicht von einem gemeinsamen Strandurlaub abhält. Gegen Ende gibt es eine Party mit viel Drogen und Streit und dann im Finale eine Reminiszenz an die Jugendfreundin, eine gewisse Maja, die man in Rückblenden kennengelernt hat, Typ Tschick, nur in weiblich und sehr neurotisch.

Videolesung - Ronja von Rönne liest aus "Wir kommen" Nora will nicht zur Beerdigung ihrer Freundin, auch nicht in ihre Sendung "Die Super-Shopper", lieber ans Meer. Die Autorin Ronja von Rönne liest aus ihrem Debütroman "Wir kommen".

Das alles holpert so hintereinanderweg, ein Episoden-Potpourri mit den üblichen Verdächtigen des modernen Wohlstands-Ennuis: Leonie, eine Ernährungsberaterin, die heult, weil sie das Wort Poststrukturalismus nicht kennt. Jonas, der Grafikdesigner mit enormem Talent zur passiv-aggressiven Gängelung seiner Umwelt. Karl, Autor von Ratgebern übers Glücklichsein und entsprechend unglücklich.

Und eben Nora, Moderatorin einer Fernsehsendung namens Die Supershopper. Da werden Übergewichtige für die Vorher-nachher-Bloßstellung zurechtgemacht, und allein für diese Berufswahl der Hauptfigur hätte man das Lektorat gern gefragt, ob so ein Faible für Trash nicht doch sehr gestrig ist. Oder haben wir wieder 1990, und der Typus des medial depravierten Menschen gilt als letzter Schrei der Kulturkritik?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

Aber dann schaute man noch mal aufs Cover. Da ist ein Streichholz zu sehen, und man erinnert sich, dass Nora von ihrem Therapeuten ein Notizheft zwecks Aufzeichnung ihrer Nöte erhalten hat, ein Heft mit einem Streichholz darauf, was den Psychologen zum Wortspiel verleitet: "It’s a match!" (match von Streichholz, aber auch Volltreffer). Der vorliegende Roman ist also Noras Tagebuch, und in dieser Perspektive ist das Sprunghafte und Episodische, der Mangel an erzählerischer Stringenz, der Überschuss an Assoziation und Zerstreuung kein Manko, sondern Teil des Konzepts. Außerdem erinnert man sich an eine Stelle, wo sich Noras Verzweiflung gegen Kinder richtet: "Vielleicht sagt es (das Kind) später 'zum Bleistift' statt 'zum Beispiel' und findet das lustig." Das Wortspiel, die rhetorische Masche sind also nicht nur titelgebend, sie markieren auch einen Grundkonflikt der Hauptfigur.

Und dann sondiert man den Text noch einmal auf diese Idee hin, dass es neben den vielen hübsch zeitgeisthaft aufgetakelten Problemen der Figuren vielleicht eine strukturelle, das Sprechen und Schreiben selbst betreffende Krise geben könnte. Dass es womöglich nicht nur um diese verstrahlten Späthipster geht, die koksen und Sex zu viert haben (sehr keusch, in Fontane-hafter Dezenz angedeutet) und irgendwie versuchen, aus der Ironie heraus- und in eine Form charakterlicher Integrität hineinzukommen, sondern auch um die Frage, wie das moderne Selbst noch von sich und seinen Zuständen berichten kann, wenn die Sprache leer geworden ist über ihren amüsanten Anwendungen.