In diesem Wildwasserkanal sollen zwei Männer ein Mädchen bedrängt haben. © Lukas Schulze/dpa

In der Wasserrutsche eines Schwimmbads in Norderstedt bedrängen zwei Männer, 14 und 34 Jahre alt, massiv sexuell ein Mädchen, so der Verdacht. In Harburg vergewaltigen mutmaßlich vier Männer im Alter zwischen 14 und 21 Jahren eine 14-Jährige und lassen sie dann halb nackt fast im Hinterhof erfrieren. Die beiden Männer, denen die Tat in Norderstedt zur Last gelegt wird, wurden gefasst. Von den vier Harburger Tätern war bei Redaktionsschluss am Dienstag nur noch einer, 16 Jahre alt, auf der Flucht.

DIE ZEIT: Herr Professor Briken, neben ihrer Brutalität haben die beiden Fälle von vergangener Woche eines gemein: Die mutmaßlichen Täter sind extrem jung.

Peer Briken: Das ist leider kein neues Phänomen. Minderjährige haben seit Langem einen substanziellen Anteil an der Gruppe der Tatverdächtigen.

ZEIT: Aber wir reden hier über 14-Jährige. Das sind fast noch Kinder, die Kinder vergewaltigt haben sollen!

Briken: Mit 14 sind Jungen in ganz unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Die Ausbildung der Pubertätsmerkmale wie Behaarung, Hodenwachstum, Stimmbruch kann sich bei ihnen über bis zu drei Jahre streuen. Also kann der eine 14-Jährige wie elf wirken, während der andere wirkt wie 17 und körperlich gesehen ein Erwachsener ist. Wenn es darum geht, die Entwicklung von Jugendlichen einzuordnen, achten Mediziner im Gegensatz zu Juristen deshalb auch nicht so sehr aufs Alter wie auf das körperliche Pubertätsstadium.

Professor Peer Briken ist Direktor am Institut für Sexualforschung und Forensische Psychatrie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. © Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf

ZEIT: Ein 14-Jähriger kommt heute im Internet ohne Weiteres an Pornofilme ...

Briken: Ja, wir gehen davon aus, dass 60 bis 80 Prozent der minderjährigen Jungen schon Kontakt zu pornografischem Material hatten.

ZEIT: Auch der Zugang zu harten Pornos fällt schon jungen Menschen leicht. Häufen sich dadurch Sexualdelikte jugendlicher Täter?

Briken: Nein. Wer ohnehin anfällig für sexuelle Gewaltfantasien ist oder für pädophile Neigungen, bei dem kann der Konsum von gewalttätiger Pornografie oder sogenannter Kinderpornografie einen unheilvollen Verstärkungsmechanismus in Gang setzen. Studien zeigen allerdings, dass in Ländern, in denen der digitale Zugang zu Pornoseiten erst kürzlich erlaubt wurde, kein Anstieg sexueller Gewalt festzustellen ist.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Ein Teil der Tatverdächtigen von vergangener Woche soll Wurzeln in Afghanistan und in Serbien haben. Sind junge Männer, die mit anderen sexuellen Tabus sozialisiert wurden, von der Freizügigkeit in Deutschland schneller überfordert?

Briken: Wie hoch ganz aktuell der Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund unter den minderjährigen Sexualstraftätern ist, wissen wir nicht. Vor allem werden aber unter dem Begriff Migrationshintergrund unterschiedlichste Gruppen zusammengefasst, für die ganz Unterschiedliches gelten dürfte. Gerade über die aktuellen Entwicklungen haben wir keine Hintergrundinformationen und Hypothesen. Daher lässt das ausdrücklich keine Schlussfolgerung auf die Herausforderungen durch die aktuelle politische Lage in Deutschland zu. Wir wissen viel zu wenig über die sexuellen Biografien der Menschen, die zu uns kommen. Welche Erfahrungen, welche Erziehungsverhältnisse prägen sie? Welche kriegsbedingten sexuellen Traumata mussten sie womöglich erleiden oder miterleben? Für die Prävention ist es essenziell, hier mehr zu erfahren und dann spezifisch darauf zu reagieren.