Pro: Bretter in der Not

Am Hang gestanden, auf das verschneite Bergpanorama geblickt, ein Loblied gesungen: auf die Hamburger Frühjahrsferien. Schöner gesagt: die Skiferien. Die haben zu dieser Zeit nur wir!

Der Rest der Republik verstopft zu Ostern die Autobahnen und Flughäfen, Hamburg urlaubt ein paar Wochen früher. Für die Skifahrer unter den Stadtbewohnern ist das ein Träumchen: Abseits der Hauptsaison ins Skigebiet! Ab und an kreuzt den Weg des einsamen Hamburger Skifahrers ein russischer Oligarch samt trophy wife in cremefarbenen Overalls mit Pelzbesatz. Oder ein paar Niederländer und Briten kurven fröhlich angetrunken über die Hänge. Ansonsten: freie Fahrt. Kein halbstündiges Warten an überfüllten Skilifts, kein Après-Ski-DJ-Ötzi-Ballermann-Terror. Früh schlafen gehen, den ganzen Tag an der frischen Luft verbringen, im Sessellift fröhlich "Moin!" sagen. Gibt es Schöneres?

Seit über einem halben Jahrhundert gibt es die Hamburger Skiferien. Eine echte Hamburgensie: Einmal im Jahr, wenigstens ein einziges Mal, haben die Menschen des Stadtstaats in der norddeutschen Tiefebene antizyklisch frei. Innerhalb der beiden Wochen vor und nach Ostern machen bis zu 60 Millionen Bundesbürger Urlaub, Anfang bis Mitte März aber können nur die Hamburger Eltern weg.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

"Das ist unsozial!", jammern die Kritiker und die Wanderfreunde, die sich in ihrem Urlaub nichts Schöneres vorstellen können, als zu Fuß durch die Uckermark oder den Harz zu stapfen. "Um diese Zeit kann man nur in die Berge fahren – und das können sich bloß die Bessergestellten leisten." Ach ja? Für die weniger Bessergestellten sind die Hotels in der Nebensaison doch überall günstiger!

Und abgesehen davon lässt sich in der ersten Märzhälfte mit ein bisschen Vorplanung noch eher etwas halbwegs Bezahlbares in der Nähe eines Skigebiets finden. Man muss ja nicht Vollpension im Vier-Sterne-Resort buchen. Man kann Ferienwohnungen durch konspirative Überbelegung preiswerter machen, man kann sich als Erwachsener mit günstigen Kinderskipässen durch die Schranken am Lift schummeln, mit einem vollgestopften VW-Bus kommt man (wenn auch im Zeitlupentempo) auch über den Brenner, und abgelegte Skier inklusive Skischuhe gibt’s bei eBay-Kleinanzeigen für 45 Euro. Diverse meiner prekär beschäftigten Bekannten aus den üblichen linksalternativen Vierteln machen das so. Ist alles eine Frage der Prioritäten: Manche kaufen kleiderschrankgroße Flachbildschirme, andere sparen auf die Berge.

Gegensätze ziehen sich an – vielleicht drängt es die Menschen der Tiefebene deshalb besonders eifrig in alpine Gebiete. Manche schätzen, dass bis zu einer Viertelmillion aus Hamburg in Richtung Berge aufbrechen. Überprüfen lässt sich diese Zahl schlecht. Aber ganz offensichtlich sind es nicht bloß die oberen Zehntausend, die sich gerne im Tiefschnee tummeln.

Als der Senat vor zwanzig Jahren darauf drängte, die Skiferien abzuschaffen und stattdessen Osterferien einzuführen, protestierten viele. Eine Umfrage der Schulbehörde ergab: 56 Prozent der Befragten lehnten die geplante Verlegung ab. Eine Manipulation der skifahrenden Wohlstandsbürger? Vielleicht. Vielleicht sind die Hamburger aber einfach auch früher im Jahr urlaubsreif als die anderen Bundesbürger – nach vier Monaten nasskalter Winterdepression. Der Umstand, dass der Hamburger Regen zu Ostern meist ein bisschen wärmer ist, lohnt das Warten nicht. Außerdem fliegen die Hamburger zu Ostern sowieso nicht nach Malle, wo es zu dieser Jahreszeit noch ziemlich zugig sein kann. Sie verbrennen lieber riesige Stapel von Altholz an der Elbe und betrinken sich dabei.

Christoph Twickel