Schüler einer sechsten Klasse in Hamburg © dpa

DIE ZEIT: Herr Rabe, Ihr Pressesprecher hat unser Interview mit dem ehemaligen Schulleiter Kay Stöck an Elternvertreter, Schulleiter und Behördenmitarbeiter verschickt. Warum?

Ties Rabe: Davon weiß ich nichts. Aber ich habe das Interview gelesen. Und fand es interessant. Ich erlebe häufig, dass Lehrer über Schüler schimpfen, Eltern über Lehrer – und alle über den Schulsenator. Gegenseitige Schuldzuweisungen bringen wenig. Schule ist ein Gemeinschaftswerk. Das kommt im Interview gut rüber.

ZEIT: Stöck sagt: Bei den schwächsten Schülern erreicht Hamburg ziemlich wenig. Hat er recht?

Rabe: Wir müssen uns bei den schwächeren Schülern anstrengen, das ist richtig – aber zahlreiche Bildungsstudien bestätigen, dass wir da auch schon viel erreicht haben.

ZEIT: Fast zwei Drittel der Abgänger nach der zehnten Klasse finden keinen Ausbildungsplatz, obwohl Betriebe über zu wenig Bewerber klagen. Ist das ein Erfolg?

Rabe: Als ich mein Amt begonnen habe, hat nur jeder vierte Abgänger nach der zehnten Klasse eine Ausbildung gefunden, inzwischen ist es mehr als ein Drittel. Und nach einem weiteren Jahr der Vorbereitung in den Berufsschulen finden zwei Drittel einen Ausbildungsplatz. Das sind Verbesserungen und Zahlen, die bundesweit beachtet werden. Aber trotzdem bleibt noch viel zu tun.

ZEIT: Zuletzt sind die Zahlen wieder schlechter geworden. Warum?

Rabe: Die Zahlen stagnieren. Deshalb führen wir gerade Gespräche, um weiter voranzukommen.

ZEIT: Es gibt noch weitere erschreckende Zahlen: In den neunten Klassen der Stadtteilschulen schafft jeder zweite Schüler in Mathe das Mindestniveau nicht, in Englisch ist es jeder dritte, in Deutsch jeder achte.

Rabe: Auch daran arbeiten wir. In Mathe haben wir gerade viel geändert: Die Stadtteilschulen müssen mehr Matheunterricht geben – und dieser soll künftig nur noch von Fachlehrern unterrichtet werden. Jede Schule benennt zudem einen Mathematik-Fachleiter, der besonders geschult wird. Aber da bohren wir ein dickes Brett.

ZEIT: Die Stadtteilschulen wurden eingeführt, um den schwächsten Schülern bessere Chancen zu bieten. Inzwischen scheint es, als hätte man dieselben schwachen Schüler auf andere Schulen geschickt, ohne damit viel für sie zu erreichen. Täuscht der Eindruck?

Rabe: Ja. Die Stadtteilschulen sind entstanden als Antwort auf die enormen Probleme bei den Hamburger Hauptschulen. Das waren Schulen mit einem sehr lernfeindlichen Milieu, an dem auch die besten Pädagogen nichts ändern konnten. Auf den Stadtteilschulen sind ganz andere Schüler als auf den ehemaligen Haupt- und Realschulen.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.


ZEIT: In manchen Klassen an Stadtteilschulen hat jeder zweite Schüler sonderpädagogischen Förderbedarf und kein Kind eine Gymnasialempfehlung. Sind das nicht Hauptschulklassen, aufgefüllt mit Sonderschülern?

Rabe: Wir sollten nicht so tun, als ob einige Klassen an wenigen Schulen paradigmatisch für mehrere Tausend Klassen an Stadtteilschulen stünden. Es ist nicht wahr, dass die Hälfte der Schüler an den Stadtteilschulen Förderbedarf hat.

ZEIT: Im Durchschnitt haben etwa acht Prozent der Kinder Förderbedarf. Aber in ärmeren Stadtteilen ist eine Quote von mehr als 40 Prozent Förderbedarf nicht ungewöhnlich.

Rabe: Es gibt da große Unterschiede zwischen den Schulen. Der Fehler vieler Debatten über Schule ist, dass man sich einzelne Beispiele sucht und so tut, als ob das ein Fehler der gesamten Schullandschaft sei. Pauschale Urteile über Stadtteilschulen halte ich für schwierig.