Wenn ich nur weinen könnte, denkt Friedrich Winter manchmal. Weinen tröstet, Weinen lindert den Schmerz, es wäre eine Befreiung – aber es geht nicht. Nicht, als die Ärzte am 29. März 2015 die Maschinen abschalten, die Sigrid, seine Frau – oder das, was von ihr übrig ist –, am Leben halten. Nicht, als er sieht, wie seine Töchter bei der Beerdigung weinen. Nicht, als er die Songs hört, die er für sie ausgesucht hat, Nothing else matters von Metallica, Bachs Air, gespielt von David Garrett, und Scarborough Fair von Simon & Garfunkel. Und auch nicht, als der Trauerredner die Urne in den Boden lässt, darauf ein Zweig des südfranzösischen Lavendels vom Balkon, den sie so liebte.

Nicht einmal da.

Friedrich Winter sagt, er habe sich sogar von seinem Hausarzt untersuchen lassen. Vielleicht bin ich vertrocknet und habe keine Tränenflüssigkeit mehr, dachte er. Aber der Hausarzt sagte, es sei alles okay, und mittlerweile glaubt Winter das auch. Tränen sind ja nur ein sichtbares Zeichen der Trauer, sagt er.

Friedrich Winter ist 80 Jahre alt. Er hat erfahren, was es heißt, einen Menschen zu verlieren: Sein Vater starb, als er zehn war. Er beerdigte seine Mutter, fünf Geschwister und mehrere Freunde, er verlor ein ungeborenes Kind. Winter weiß, dass Menschen in Trauer ertrinken können. Aber eines ist ihm dennoch nicht klar: Warum trauern Menschen? Um zu vergessen oder um sich zu erinnern?

Es war an einem Tag im vergangenen Frühjahr, als er sich an den grünen Sekretär im Flur seiner Wohnung setzte und einen Brief schrieb. Er schrieb ihn an die Zeitung, die er abonniert hat, die ZEIT. Einige Wochen zuvor hatte er schon mal einen geschrieben, es ging um seine beiden Töchter, wie sie am Krankenbett ihrer Mutter saßen und ihre Hand hielten. Der Brief sollte am Muttertag erscheinen, aber Winter zog ihn kurz vor Veröffentlichung zurück. Sigrid, seine Frau, war gestorben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

Jetzt saß Winter also am Sekretär und schrieb wieder, schnell und ohne lange zu überlegen. Wahrscheinlich auch, weil die Trauer sich besser fassen lässt, wenn man sie in Worte kleidet.

Ist das zu kitschig, fragte er sich, als er fertig war, zu rührselig? Nein, das kann nicht sein, dachte er. Weil es so war. Und die Wirklichkeit kann ja nicht kitschig sein, oder? Dann schickte er den Brief ab: "Die Erinnerung an einen Abend im Februar: Ich (80 Jahre): ›Habe ich dir schon gesagt, dass ich dich liebe?‹ Sie (78 Jahre): ›Ja, gestern Abend.‹ Ich: ›Ach so!‹ Sie: ›Sag’s noch mal. Ich höre es gerne.‹ Sie, meine Sigrid, ist vor acht Wochen gestorben. Wir waren 60 Jahre zusammen."

Drei Monate danach, an einem blassgelben Tag im Juli, parkt Winter seinen schwarzen Volvo, 1975er Baujahr, an einem Waldsaum am Ortsrand, Odenthal bei Bergisch-Gladbach, und läuft einen ausgetrampelten Pfad entlang. Friedrich Winter, volles graues Haar, Menjoubärtchen, gefeilte Fingernägel, ist ein charmanter Mann, der nach Aftershave riecht und seine Eitelkeit nicht verbirgt. An seiner linken Hand trägt er zwei Ringe: seinen Ehering und am kleinen Finger den der Frau, die 60 Jahre lang links von ihm am Frühstückstisch saß und ihm eine Tasse Kaffee reichte, schwarz mit einem Löffel Zucker.

Nach ein paar Minuten bleibt er vor einer Rotbuche stehen. Licht bricht durch die Krone, am Stamm klebt eine blaue Plakette wie an allen Baumstämmen hier im Trostwald. Plakette Nr. 1700. Fünf Menschen sind hier bestattet, Sigrid Winter, * 06. 09. 1936, † 29. 03. 2015, liegt auf 11 Uhr. "Die 12 habe ich für mich reserviert", sagt Winter.

Mit seiner Frau habe er nie darüber gesprochen, wo sie beerdigt werden möchte, aber Winter glaubt, dass es ihr hier gefällt. Ihm gefällt es ja auch. Er mag die Stille, weil es keine bedrückende, sondern eine gute Stille ist. Eine Stille, die nicht still ist. Man hört Vogelgezwitscher, die Blätter rauschen.

Winter sagt, er komme jeden Tag her, meistens nach dem Frühstück. Damit Sigrid sich nicht einsam fühle.

Wie würden Sie beschreiben, was Sie verloren haben, Herr Winter?

"Die Worte reichen dafür nicht aus, aber ich würde sagen, ich habe einen Teil meines Selbst verloren. Wir waren eine Einheit."