Der Wiener Prater ist Frauensache: Tochter Katja und Mutter Alice Kolnhof vor ihrer Geisterbahn

Ein kurzes Kreischen, höhnisch-diabolisches Gelächter, dann sticht aus dem Dunkel ein gellender Schrei. Das Geschäft im Geisterschloss läuft. Alice Kolnhofer, die Fäuste energisch in die Seiten gestemmt, nimmt’s zufrieden zur Kenntnis. Sehr faktisch steht die Praterunternehmerin inmitten eines von Sensenmännern, stierenden Monstern und ungelenk winkenden Skeletten bevölkerten Gemäuers, während wieder ein ratterndes Wägelchen zwei Mädchen in den Orcus zieht.

Die 62-Jährige, blondiert, gerade Statur, apart geschminkt, blickt über die Schulter zum Mann im Kassahäuschen: "Und tu schön schrecken, gell?" Rasch schnappt sich der Typ eine Gummilarve und verzieht sich nach hinten, um den Fahrgästen den angeordneten Schrecken einzujagen, während Kolnhofers Tochter Katja daneben steht und vergebens versucht, ein Lächeln zu verbergen. So ist die Mutter eben, scheint ihr Gesicht zu sagen, und ja, viel Stolz schwingt da auch mit.

Schließlich verdingte sich Alice Kolnhofer knapp 40 Jahre in ihrem Schaustellerbetrieb, zu dem heute sechs Fahrgeschäfte und Schießbuden gehören. Seit dem Jahreswechsel ist ihre Tochter Katja die neue Chefin des Gewerbes, in dem während der Hauptsaison, zwischen März und Oktober, 14 Mitarbeiter werkeln.

Mit dieser Übergabe führt die 37-Jährige nicht nur ein Geschäft, sondern eine seit 1921 währende Familientradition weiter. Das 250. Jubiläum des Wiener Praters wird dieser Tage groß gefeiert, und die Kolnhofers gehören seit immerhin 95 Jahren zum Inventar der zwanzig Hektar großen Scheinwelt.

Damals begann alles mit einem Café in der Hauptallee, heute zählt die Familie zu jenem alten Prateradel, der über Jahrzehnte hinweg die Geschicke dieser Wiener Weltinstitution bestimmt. Die Schaustellerdynastien Schaaf, Koidl, Kny, Sittler, Kern oder Lang gehören dazu, bei den Gastronomen ragt vor allem der Name Kolarik, seit 1920 ein Synonym für den Bier- und Stelzen-Tempel Schweizerhaus, heraus.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 12 vom 10.03.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Diese Clans, die sich über Hochzeiten, Liaisonen und Partnerschaften längst miteinander verbandelt haben, betreiben die meisten der 250 Betriebe, aus ihren Reihen kommt der Großteil der etwa 80 Unternehmer – die vor allem Unternehmerinnen sind. Denn der Wurstelprater ist Frauensache. "Weit mehr als die Hälfte der Gewerbe sind in ihrem Besitz oder werden gleichberechtigt mit den Ehepartnern geführt", sagt Alice Kolnhofer. Auch dem Praterverband, der einflussreichen Unternehmervertretung des Vergnügungsparks, standen bereits Präsidentinnen vor.

Draußen mögen die Politiker über Quoten und gläserne Decken streiten, hier ist die Gleichberechtigung längst durchgesetzt. Wobei Mutter und Tochter Kolnhofer das niemals so sagen würden. Für sie und die anderen Unternehmerinnen ist das seit Generationen Normalität. "Wenn es zur Aufteilung des Erbes kam", sagt Alice Kolnhofer, "wurde es an jene weitergegeben, die’s interessiert hat. Und wenn das Mädchen waren: Auch gut, Hauptsach’, sie haben gewusst, worum’s geht."

Warum im Prater seit jeher Frauen das Sagen hatten, lag nicht zuletzt daran, dass die Betriebe meist im Nebenerwerb geführt wurden. "Allein von der Schaustellerei konnte man ja nicht leben, im Winter und während der Woche kommt ja so gut wie nichts rein", meint die pensionierte Seniorchefin und zuckt mit den Schultern. Also verdienten die Männer in zivilen Berufen Geld, die Frauen blieben daheim, schupften den Laden – und ließen sich dann beim Geschäft nichts mehr vormachen. So auch Alice Kolnhofer, deren Vater Fleischhauer war und im Wurstelprater einige Fahrgeschäfte betrieb.