Die Wall Street ist Sitz der weltgrößten Wertpapierbörse, der New York Stock Exchange. © Spencer Platt/Getty Images

Langsam schraubt sich der Helikopter im Frankfurter Ostend in die Höhe. Er dreht eine Runde über dem neuen Hauptquartier der Europäischen Zentralbank (EZB) und fliegt dann in Richtung Innenstadt. An Bord: säckeweise Bargeld, das über den Straßen und Plätzen der Mainmetropole abgeworfen wird. Wenig später starten im ganzen Land Hubschrauber, und ein Geldregen geht über der Republik nieder.

Klingt durchgedreht? Ist aber ein Szenario, das der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman vor einem halben Jahrhundert in einem berühmten Fachaufsatz erstmals beschrieben hat – und das seriöse Wissenschaftler in diesen Tagen auf seine Praxistauglichkeit hin abklopfen, um der Weltwirtschaft endlich wieder zu mehr Wachstum zu verhelfen.

Das Helikoptergeld soll die Menschen in die Geschäfte treiben und so die Konjunktur beleben. Dass über eine solche Maßnahme überhaupt nachgedacht wird, zeigt, wie ratlos man in Expertenkreisen inzwischen ist. Denn obwohl die Notenbanken das Geld so billig gemacht haben wie selten zuvor, korrigieren Ökonomen reihenweise ihre Wachstumsprognosen nach unten. Allein in China drohen Schätzungen zufolge knapp zwei Millionen Arbeitsplätze verloren zu gehen.

Wenn Mario Draghi an diesem Donnerstag die Führungsriege der Europäischen Zentralbank in Frankfurt zusammenruft, um die Zinsen noch einmal zu senken, dann lässt sich deshalb nicht mehr länger leugnen: Er hat die Kontrolle verloren.

Mario Draghi - EZB senkt Leitzins auf null Prozent Die Europäische Zentralbank hat ihre Geldpolitik erneut gelockert, um für Wachstum in der Eurozone zu sorgen. Zugleich wurde der Strafzins für Bankeinlagen erhöht und das Anleihenprogramm ausgeweitet.

Und nicht nur er. In Schweden, in Dänemark, in Japan und sogar in der soliden Schweiz liegen Zinsen inzwischen unter der Nulllinie. Allein die Notenbanken der führenden Industrienationen haben in den vergangenen sechs Jahren für mehr als fünf Billionen Dollar Aktien, Anleihen und andere Wertpapiere gekauft, um noch mehr Geld unter die Leute zu bringen. Inzwischen haben viele deutsche, dänische oder japanische Staatsanleihen eine negative Rendite. Das bedeutet: Anleger bezahlen den Staat dafür, dass sie ihm ihre Ersparnisse zur Verfügung stellen.

Es ist ein entscheidendes Merkmal des Kapitalismus, dass alles seinen Preis hat. Für das Geld gilt das nicht mehr. Es ist im Überfluss vorhanden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

Wie kommen wir da raus?

Eine einfache Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Wie in der Medizin hängt in der Wirtschaftspolitik die Wahl des richtigen Medikaments von der Diagnose ab. Die Suche danach führt mitten hinein in einen Gelehrtenstreit unter den großen Ökonomen unserer Zeit. Sie beginnt in Shanghai.

Skepsis gegenüber den Notenbanken

Holger Fabig ist Wolfgang Schäubles Mann fürs Grobe. Er kümmert sich im Bundesfinanzministerium um die Beziehungen zu den 20 wichtigsten Schwellenländern und Industrienationen. Wenn die Finanzminister und Notenbankchefs der illustren Gruppe über die Lage der Weltwirtschaft beraten, muss Fabig in einem Nebenzimmer zusammen mit seinen Kollegen aus aller Welt die Abschlusserklärung aushandeln.

Normalerweise geht es dabei hoch her. Die Amerikaner sehen die Dinge anders als die Deutschen oder die Chinesen. Die Russen haben sowieso ihre eigene Agenda, und dann gibt es noch unzählige kleinere Staaten, die nicht übergangen werden wollen. In der Regel ringen Fabig und seine Kollegen dann bis in die frühen Morgenstunden hinein um Formulierungen. Beim jüngsten G-20-Treffen vor zwei Wochen in Shanghai allerdings war in Rekordzeit ein Text fertig, den alle Teilnehmer mittrugen – und der die Skepsis gegenüber weiteren Interventionen der Notenbanken gleich im zweiten Absatz zum Ausdruck bringt.

Shanghai könnte in Zukunft einmal als historischer Wendepunkt gesehen werden. Nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008 haben die Notenbanken im Wochenrhythmus die Zinsen gesenkt, um den drohenden Zusammenbruch des Finanzwesens abzuwenden. Ihr Erfolg hatte aber eine Schattenseite: Weil sich Regierungen auf die Zentralbanken verlassen konnten, haben sie den Kampf gegen die Krise nur halbherzig geführt – und damit die Währungshüter unter Zugzwang gesetzt.