Insa Sjurts, neue Präsidentin der Zeppelin Universität © Felix Kästle/dpa

An der Zeppelin Universität, Deutschlands südlichster und immer noch ungewöhnlichster Hochschule, gibt es zwei Zeitrechnungen: das Davor und das Danach. Sie begegnen einem in vielen Gesprächen.

"Das war davor", sagt Benjamin Sandler. Vor dem Fenster donnern Schwerlastzüge vorbei, ein paar Meter weiter geht es zum Ufer des Bodensees, und Sandler, 23, überlegt, wann ihm klar geworden ist, dass die Zeit des Aufbruchs vorbei war.

Davor, das war, als Stephan A. Jansen hier noch Chef war. Jansen, der Medienliebling, der Umtriebige, der in seinen ersten Jahren als Zeppelin-Präsident schon mal eine Protestmail schrieb, wenn Journalisten jemand anderen zum jüngsten Uni-Präsidenten Deutschlands ausriefen. Das war doch er, Jansen. Er, der die 2003 in Friedrichshafen gegründete Privathochschule in wenigen Jahren zum Traumziel all jener Studienanfänger pushte, die individueller sein wollten als der Mainstream, der an die überfüllten staatlichen Universitäten drängte. Die "Universität zwischen Wirtschaft, Kultur und Politik" wollte man sein, interdisziplinär, vernetzt, mit Freiraum zum Sich-selbst-Finden. Humboldt im 21. Jahrhundert.

Das Danach begann, als Jansen, mittlerweile 43, im September 2014 nach elf Jahren seinen Rücktritt ankündigte, zusammen mit weiteren Mitgliedern aus dem Präsidium. Er wolle sich wieder mehr der Lehre und Forschung widmen, hieß es offiziell. Allerdings wurden fast zeitgleich Vorwürfe laut, er habe über Jahre hinweg Provisionen kassiert, wenn Unternehmen und Stiftungen an die Universität spendeten. In den meisten Fällen offenbar ohne das Wissen der Spender. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf, plötzlich brach ein Sturm über Jansen und die Zeppelin Universität los. Der Spiegel urteilte über die ZU: "Die Luft entweicht aus dem sorgsam aufgepumpten Image."

Noch ist nicht abschließend geklärt, was an den Vorwürfen im Einzelnen dran ist. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft dauern an. Jansen selbst schreibt auf Nachfrage, dass seine Provisionen vertraglich festgehalten und sowohl innerhalb als auch außerhalb der ZU bekannt waren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

Benjamin Sandler sitzt im Spicy Grill, dem einzigen Treffpunkt zwischen den beiden Campus der Universität, in einer von Industrie und Supermärkten geprägten Gegend, die so gar nicht zum Weltgeistgefühl passen will, das einem schon auf der Website der Hochschule entgegenspringt. "Was macht Studierende zu Pionieren?" steht da vor einer rot eingefärbten Europakarte mit Friedrichshafen als Mittelpunkt.

Der Spicy Grill ist eher das Zentrum von Würstchen, Pizza und Fritten, doch das stört Sandler nicht, während er von dem besonderen Gefühl schwärmt, hier studieren zu dürfen. "Zeppelin University, Benjamin Sandler" steht unter seinen Mails, "Student Sociology, Politics & Economics". "Hier wirst du ermutigt, die Dinge anders zu machen, weiter zu denken, mutig zu sein", sagt der schlaksige junge Mann.

Sätze, die viele aktuelle und ehemalige Angehörige der Hochschule sagen, die sie nur "die ZU" nennen. Sätze, die phrasenhaft klingen, wie aus einer Werbebroschüre, von denen die Universität einige produziert hat in den 13 Jahren ihres Bestehens. Trotzdem wird schnell klar: Die meinen das wirklich so. "Ich glaube, die besondere Leistung der ZU besteht darin, einen bestimmten Typ Mensch herauszufiltern, diese Menschen zusammenzubringen und aufeinander loszulassen", sagt Thomas Herzog, ein Ehemaliger aus dem ersten ZU-Masterjahrgang, der in Berlin ein Start-up für Modehandel gegründet hat. "Man darf nicht vergessen, das sind alles Leute, die freiwillig auf eine Uni gegangen sind, von der keiner wusste, ob es sie in drei Jahren noch gibt."

Ein Gefühl, das in den Jahren des Erfolgs unter Jansen fast schon vergessen war, damals, als die ZU abhob und immer häufiger als Erfolgsgeschichte gerühmt wurde in einer Privat-Uni-Szene, die, so die allgemeine Lesart, von Pleiten und Existenzangst geprägt ist. Forschungsstark, wirtschaftlich gesund, frei von staatlichen Subventionen – das war das neue Image der ZU, als die Zeit des Aufbruchs, die so viele der Ehemaligen beschwören, zu Ende ging, als aus der Start-up-Uni eine Uni für Start-up-Gründer wurde.

Lange hielt es nicht. Jansens Kritiker sagen, der ehemalige Präsident und seine Geschäftsführung hätten das Budget nicht im Griff gehabt. Der neue Kanzler Matthias Schmolz, früher Verlagsleiter beim Spiegel, ist erst seit wenigen Wochen im Amt. Er betont, dass der Haushalt für 2016 "und darüber hinaus" ausgeglichen sei. Überhaupt, die neue Führung der Zeppelin Universität: Sie muss das Danach gestalten, sie muss mit dem Erbe Jansens und seiner Mitstreiter umgehen, finanziell, ideell, emotional. "Die beiden Hanseaten" werden sie an der ZU genannt, Matthias Schmolz und Insa Sjurts, die seit April 2015 Präsidentin ist und vorher Geschäftsführerin der Hamburg Media School war.