Das neueste Werk des Statistischen Bundesamts ist ein Grund zum Jubeln. Vielleicht nicht gerade optisch, da kommt der Band aus der Fachserie Gesundheit eher grau daher, aber er hat es in sich: Die Zahl der Abtreibungen geht rasant zurück, haben die Statistiker festgestellt, bundesweit und gerade auch in Hamburg. Vor 15 Jahren wurden in der Stadt fast 5.000 Schwangerschaften abgebrochen. Vor drei Jahren waren es noch mehr als 4.000. Und jetzt, im vergangenen Jahr, ist die Zahl auf 3.324 gesunken. Das ist in 15 Jahren ein Rückgang um ein Drittel – und das in einer wachsenden Stadt. Woher kommt dieser enorme Einbruch?

Wer sich die Zahlen genauer ansieht, stellt fest, dass die Abtreibungen bei Frauen aller Altersstufen deutlich abgenommen haben. Bei Hamburgerinnen unter 15 Jahren gab es im vergangenen Jahr gerade noch sieben Fälle. Bei den 15- bis 18-Jährigen hat sich die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche mehr als halbiert (von 175 im Jahr 2001 auf 79 im vergangenen Jahr). Auch in der mit Abstand größten Gruppe der Frauen, jener zwischen 20 und 40, sanken die Zahlen eindrucksvoll. Einen winzigen Anstieg gab es nur bei den 45- bis 50-Jährigen, der in der Gesamtzahl jedoch vernachlässigbar ist.

Was also steckt dahinter? Ein Anruf bei Kerstin Falk, Landesgeschäftsführerin von pro familia. Ihr Verband beschäftigt zehn Beraterinnen in Hamburg, die jedes Jahr rund 2.000 "Konfliktberatungen" durchführen. Es ist das ganze Leben, mit dem es die Beraterinnen zu tun haben. Zu ihnen kommen noch immer sehr junge Mädchen, denen es an Geld fehlt für Verhütungsmittel. Aber auch verheiratete Paare, die schon zwei Kinder haben und ihre Familienplanung eigentlich abgeschlossen hatten. Oder junge Frauen, die arbeiten, in einer Fernbeziehung leben und sich fragen, wie sie das schaffen sollen mit einem Kind. Eine belastbare Beziehung, das erfahren die Beraterinnen immer wieder, ist oft das entscheidende Kriterium für oder gegen eine Abtreibung.

Bei pro familia sinkt die Zahl der Beratungen seit Jahren. "Es gibt insgesamt weniger Frauen, die schwanger werden können", sagt Kerstin Falk, der demografische Knick sei schon der erste Teil der Erklärung. Dazu kommt: "Die Frauen sind heute auch besser informiert", sagt Falk. Ihren ersten Sex haben sie, das haben Studien herausgefunden, heute auch nicht früher als vor zehn Jahren, allem Gerede über die Generation Porno zum Trotz. Aber sie wissen deutlich mehr darüber, natürlich auch dank des Internets.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 13 vom 17.3.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Die Zahl der sogenannten Teenie-Schwangerschaften sei deutlich zurückgegangen, berichtet auch der Gynäkologe Wolfgang Cremer. Er selbst hat im vergangenen Jahr drei Fälle in seiner Praxis am Klosterstern begleitet. Nebenbei ist er Landesvorsitzender des Berufsverbands der Frauenärzte. Vor etwa zehn Jahren, sagt Cremer, hätten viele Gynäkologen die Mädchensprechstunden eingeführt: spezielle Sprechzeiten für junge Mädchen, die nicht zur Untersuchung kommen, sondern zu einem entspannten Gespräch. Es geht um Impfung und Verhütung, es geht vor allem auch darum, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, noch bevor ernste Probleme auftreten. Cremer glaubt, dass das viel gebracht habe. Hilfreich seien auch die Besuche von Ärzten in Schulklassen. Denn in den Schulen werde den Kindern alles Mögliche beigebracht, "nur eine vernünftige Verhütung nicht". Die gesunkenen Abtreibungszahlen sind für ihn ein gewaltiger Fortschritt, "aber immer noch zu hoch".

Seit März 2015 gibt es eine weitere Neuerung: Wer Angst vor einer Schwangerschaft hat, kann sich die "Pille danach" in der Apotheke kaufen, auch ohne Rezept und Zustimmung der Eltern, gleich nachts beim Apotheken-Notdienst. Ob die "Pille danach" dazu beiträgt, dass die Zahl der Abtreibungen sinkt? Gut möglich. Aber seriöse Auswertungen zu dieser Frage gibt es noch nicht.

Wolfgang Cremer ist jedenfalls optimistisch, dass die Zahlen weiterhin zurückgehen werden. Und dass der etwas graue Bericht des Statistischen Bundesamts ein Grund zur Freude bleibt.