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Überall ist jetzt zu lesen, dass man gegenüber der AfD und ihren Anhängern vor allem eines sein soll: gelassen. Unser Politik-Chef Bernd Ulrich und andere Beobachter schrieben gar, gemessen an einer Million Geflüchteten in unserem Land und den damit verbundenen Umbrüchen seien die Deutschen ja eigentlich ziemlich cool geblieben.

Ich finde das überhaupt nicht. Ich habe mir diese Leute auf einer Demonstration von Pegida in Dresden angeschaut. Einmal inmitten einer Menschenmasse zu stehen, die minutenlang "Lügenpresse!" oder "Wir sind das Volk!" schreit, hat mir jegliche Gelassenheit genommen. Diese Leute waren berauscht, aggressiv und ein bisschen träge. Eine seltsame Mischung. Die Menge hat auf etwas gewartet, so schien es mir.

Nun sitzt die AfD in acht Landesparlamenten. Ich bin deshalb nicht cool und gelassen, sondern wütend. Leute, die andere wegen ihres Andersseins als minderwertig ansehen, Angst vor ihnen schüren und zur Not auf sie schießen lassen wollen, gehören nicht in deutsche Parlamente. Sie profitieren von der Demokratie, verhalten sich aber anderen Bürgern gegenüber undemokratisch. Sie geben vor, die Einzigen zu sein, die die Sorgen der Menschen ernst nehmen. Doch sie benutzen diese "Sorgen" nur als politische Währung. AfD und Pegida erzeugen Zorn, um ihn dann abzurufen, abzuschöpfen wie fette Sahne auf der Milch. Sie hetzen die Schwachen gegen die noch Schwächeren auf. Das ist ihr Parteiprogramm.

Warum nimmt gerade kaum jemand Kenntnis von Wutbürgern wie mir? Warum dreht sich alles um jene, von denen man glaubt, dass sie ihre Stimme den Rechten geben könnten?

Das Wort "Sorge" ist unerträglich geworden. Worum geht es da noch mal? Um Muslime, natürlich. Und was tun die uns noch mal an? Sie überfremden uns. Ist das "Deutschsein" denn so flüchtig? Das lassen die AfD und ihresgleichen im Ungefähren, ganz bewusst.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17.3.2016.

Die Menschen, die in ihrer Not zu uns kommen, sind meist Muslime. Es sind sicher nicht nur syrische Ingenieure darunter, klar. Aber bislang hat sich der überwiegende Teil doch friedlich verhalten und niemandem etwas weggenommen. Für den Rest haben wir Polizei und Verfassungsschutz. Ich kann nicht verstehen, warum man ihnen nicht einmal das Feldbett in der Turnhalle gönnt. Oder warum derjenige als "Gutmensch" verunglimpft wird, der möchte, dass sie vernünftig behandelt werden. Der es nicht erträgt, dass ein Kind vor Angst weint, weil es aus einem Bus aussteigen muss, vor dem eine schreiende, bedrohliche Menge wartet, wie in Clausnitz.

Ein rechtskonservativer Publizist sprach kürzlich allen Ernstes vom "Totalitarismus des Guten". Ich nenne diese Worte: Verrohung.

Die Etablierten sind aus Duckmäusertum nicht in der Lage, den demokratischen Zorn ihrer Wähler zu organisieren. Zu zeigen, wer Herr im Hause ist und bleiben muss – nämlich die Demokraten, die Offenen und Vernünftigen. Stattdessen gibt es ein verunsichertes Herumgetapse und kleine Zugeständnisse an die Hasser: etwa wenn sich SPD-Chef Sigmar Gabriel in Privatklamotten zu Pegida-Anhängern setzt und einfach mal "zuhören" will. Oder unser Bundesinnenminister, der anfängt, erwachsene Menschen zu duzen, als wären sie ungezogene Teenager: "Kommt nicht hierher!" Eine Julia Klöckner, die alle paar Monate ein Burka-Problem konstruiert, als würden hier schon alle Frauen unter den Schleier gezwungen.

Landtagswahlen - Soll man die AfD ausgrenzen? Jetzt sitzt die AfD also in drei weiteren Landtagen. Andere Parteien dürften sie nicht länger ignorieren, sagen viele. Wirklich nicht?