1. Trugschluss: Wer AfD-Politikern nicht die Hand gibt, stärkt die Demokratie

Dies ist eine bittere Wahrheit: Nein, die AfD verschwindet nicht, nur weil man ihren Abgeordneten auf dem Flur den Guten-Morgen-Gruß verweigert. Schlimmer noch: Sie wird sogar stärker. Die Verweigerung zwischenmenschlicher Höflichkeitsformeln ist nicht praktische Politik, sondern praktizierte Feigheit. Aus dem Thüringer Landtag – jenem Parlament, in dem die AfD schon länger besonders radikal auftritt – ist überliefert, dass viele Abgeordnete, von Linken bis CDU, betreten zu Boden gucken, wenn ihnen AfD-Kollegen begegnen. Aber von Repräsentantenverachtung ist es nicht weit zur Verachtung der Repräsentierten. Mit der AfD ist der wütende Bürger in Truppenstärke in Sachsen-Anhalts Landtag eingezogen. Nur weil der Bürger wütend ist, hat er noch lange nicht sein Recht auf Freundlichkeit verwirkt. Außerdem wollen CDU, SPD oder Linke die AfD-Wähler am liebsten zurückgewinnen. Wer würde denn morgen einen wählen, der ihm gestern auf die Schuhe gespuckt hat?

2. Trugschluss: Wenn sich nur alle Demokraten verbünden, geht es der AfD schon an den Kragen

Wer in diesen Tagen Sachsen-Anhalts AfD-Strategen zuhört, der erfährt, was aus deren Sicht der größte Gefallen ist, den die etablierten Parteien der AfD jetzt tun könnten. Nämlich: eine Art Einheitsfront gegen die AfD zu bilden.

Das Problem ist, dass die etablierten Parteien gerade wirklich drauf und dran sind, genau das zu tun. Aber wenn CDU, Linke, SPD und Grüne in Sachsen-Anhalt jetzt in allen wesentlichen Punkten versuchen, gemeinsam gegen die AfD zu opponieren, dann bekommt die AfD genau das Image, das sie gerne hätte – die einzige echte Oppositionspartei zu sein. Und mancher wütende Bürger wird sich erst recht mit einer Fraktion solidarisieren, die zwar die zweitgrößte und allerlauteste ist, aber dennoch so tut, als sei sie das Opfer.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 13 vom 17.3.2016.

Ganz praktisch gesagt: Vermutlich gehört zum qualvollen Prozess der Erkenntnis in diesen Zeiten, dass es nicht zwangsläufig des Teufels ist, wenn die AfD fordert, ein Schlagloch möge beseitigt werden. Denn nur weil die AfD gegen ein Schlagloch ist, ist das Schlagloch noch lange nicht super. Und nur weil die AfD für eine Abwasserleitung kämpft, ist die Abwasserleitung noch lange nicht Mist. Man darf ja nicht vergessen: Landespolitik dreht sich zu 90 Prozent um Schlaglöcher und Abwasserleitungen.

Landtagswahlen - Soll man die AfD ausgrenzen? Jetzt sitzt die AfD also in drei weiteren Landtagen. Andere Parteien dürften sie nicht länger ignorieren, sagen viele. Wirklich nicht?

Es müssen alle zu unterscheiden lernen: zwischen den nachvollziehbaren Vorschlägen dieser Partei – und den Momenten, in denen ihre Leute Unsinn erzählen oder gar geistig brandstiftend auftreten. Nur wer diese Unterscheidung macht, ist auch glaubhaft, wenn er den Unsinn und die Bösartigkeiten der AfD kritisiert.

Katrin Budde, die Spitzenkandidatin der SPD, sagte im Wahlkampf, die Demokraten müssten sich "alle gemeinsam positionieren gegen jede Form der Zusammenarbeit mit der AfD und gegen deren Einzug in den Landtag". Sie sagte auch: "Ich setze darauf, dass wir Demokraten uns in Sachen AfD genauso einig sind, wie wir es schon gegenüber der DVU und der NPD waren." Mit ziemlicher Sicherheit haben solche Sätze der AfD mehr geholfen als geschadet.

3. Trugschluss: Wären die Nichtwähler auch diesmal zu Hause geblieben, stünde es besser um unser Land

Historisch hohe Wahlbeteiligung in Sachsen-Anhalt – und trotzdem trifft man überall Journalisten und Politiker, die das unter der Hand zum Gruseln finden, weil aus ihrer Sicht die Falschen zur Wahl gegangen sind. Im Ernst? Die Falschen? Ist jetzt schon hohe Wahlbeteiligung ein Problem, wenn sie nicht einem selbst hilft? Erstmals – und das ist fast ein kleines ostdeutsches Wunder – ist in Sachsen-Anhalt ein beachtlicher Teil derjenigen zur Wahl gegangen, die für unsere Demokratie beinahe verloren schienen. Die Frustrierten haben sich selbst ermächtigt.

Dabei hatten viele sich schon damit abgefunden, dass ein Drittel der Ostdeutschen demokratiefern, abgemeldet, verloren ist.

Die Flüchtlingskrise hat die Ostdeutschen politisiert, wie nur ganz wenige Ereignisse seit der Wiedervereinigung es vermochten. Darin liegt eine Chance.