Eben noch hat es ein wenig geschneit, die Narzissen im Garten von Pembroke College liegen wie gelbe Inseln im frostigen Grün, und die Kälte scheint ihnen so gleichgültig zu sein wie den Studenten in ihren T-Shirts. Die eilen ohne Mantel, die mittelalterlichen Mauern entlang, durch die St Ebbe’s Street in ihre Hörsäle. Es ist Winter in Oxford, sie nennen es spring term, es herrscht Hochbetrieb, auf die britische Art: Die Tische draußen vor den Straßencafés sind dicht besetzt, in der eisigen Sonne beugen sich die Zwanzigjährigen konzentriert über ihre Laptops. Entschuldigung, wo das Centre for Effective Altruism im Littlegate House sein mag, nirgends ein Schild, ein Hinweis? Die Studentin, die sich lesend die Finger am Kaffeebecher wärmt, sieht kurz auf, mustert mich, ein Hauch von Professorin in ihrer Stimme: "Der gläserne Neubau dort hinten, die Straße runter, erster Stock, Raum zwei, linke Seite, im Institut für die Zukunft der Menschheit. Dort finden Sie auch 'Giving what we can' ."

Denkt sie, ich wolle spenden? Der Blick ist schon wieder gesenkt.

Die Idee spricht sich gerade herum: Effective Altruism, das ist das Schlüsselwort zu einer sozialen Bewegung mit philosophischem Spitzenpersonal, die sich aus den alten Gemäuern der Universität Oxford heraus verbreitet und gegenwärtig den intellektuellen Nachwuchs elektrisiert. Die Frage der neuen Altruisten heißt: "Wie kann ich am meisten bewirken und der größtmöglichen Zahl von Menschen zu einem besseren Leben verhelfen?"

Für die Antwort bauen sie auf die Arbeit anderer auf, etwa vom MIT in Boston: auf der Basis von Big Data, experimenteller Feldforschung, naturwissenschaftlichen Kontrollverfahren. Moralphilosophie mit leistungsfähigen Rechnern. In den angelsächsischen Zeitungen und Blogs brummt die Debatte: Endlich mal wirksames pragmatisches Denken, loben die einen. Kapitalistischer Kinderkram, ärgern sich andere. Technikversessen! Unpolitisch! Dann sind da noch viele, die fasziniert sind von der Idee, auch wenn sie Effective Altruism etwas sektenhaft finden.

Aber vor einem haben doch alle Respekt: William MacAskill. Er ist der Kopf der Bewegung, ein 28-jähriger Philosoph, der hier in Oxford am Lincoln College als Associate Professor lehrt und jüngst eine Art entwicklungspolitischer Programmschrift verfasst hat, die jetzt auf Deutsch erscheint: Doing Good Better, Gutes besser tun. Das Ziel, das er im Buch entfaltet, klingt für kontinentale Ohren paradox: Empathie muss sich rechnen. Er will kalkuliert gemeinnützig denken und handeln – nicht für die eigenen Nächsten, sondern für die Ärmsten der Armen weltweit.

Wenn je das verbrauchte Wort der Weltverbesserer auf eine Gruppe von Akteuren gepasst hat, dann auf diese: Die Welt besser machen, das genau ist auf den Websites der Effective Altruists wörtlich ihr Plan. Mehr nicht. Weniger auch nicht. Sie neigen überhaupt zur prägnanten Kürze. Effektiver Altruismus heißt abgekürzt, noch effektiver: EA. Fast ebenso kurz waren auch die Mails von William MacAskill, in denen er mir Treffpunkt und Uhrzeit für das Gespräch vorgeschlagen hat. "Could we do 1 p. m.? And meet at Suite 2, Littlegate house, St Ebbe’s Street. Best wishes Will"

Der Treffpunkt ist Programm, das Buch stellt klar: Denken soll Folgen haben, deshalb gibt es das Centre. MacAskill hat mit Freunden zwei Organisationen gegründet, die hier residieren und so angelsächsisch wirken wie die T-Shirts im Schnee: "Giving what we can" und "80,000 hours". Nützlichkeit ist ihr Leitstern, ein ferner Pate der Brite Jeremy Bentham, Vordenker des Utilitarismus, der als Erster den möglichst größten Nutzen der möglichst vielen suchte. Wie das bei den Effective Altruists geht, stellt MacAskills Buch dar: "Giving what we can" evaluiert rechnerisch die Leistungsfähigkeit von wohltätigen Organisationen, im Weltmaßstab, um für die wohlhabenden Spender der westlichen Welt das beste Investment zu finden. Wo nützt mein Geld den meisten am meisten? Auch in Silicon Valley findet man daher die effektiven Altruisten hochinteressant.

Die andere Initiative, "80,000 hours" – so viele Stunden arbeitet ein Mensch in seinem Leben –, verwandelt das Nützlichkeits-Wissen in eine Beratung für Studenten, die individuell wissen möchten, wie sie sich beruflich am besten orientieren können. Am besten, um Gutes zu tun, das kann auch mal heißen: Verdiene mit einem Start-up oder als Banker möglichst viel Geld, und spende davon das meiste. Wer sich an diese beiden Initiativen wendet, bekommt also handfeste Ratschläge. Im Centre in der St Ebbe’s Street werden sie ausgerechnet, und eine dritte Initiative, "Global Priorities Project", arbeitet unterdessen als Thinktank mit, politikberatend.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17.3.2016.

Das alles ließe sich nun leicht als letzter Auswuchs des modernen Effizienz- und Maximierungswahns von heillosen Individualisten abtun, wäre da nicht die Odysseus-Methode: "Sich selbst an den Mast binden", gegen alle Verführung des Geldes, so nennt es MacAskill. Als Effective Altruist geht man auch eine Verpflichtung ein, durch freiwillige Selbstbindung: Zumindest zehn Prozent des eigenen Einkommens gilt es zu spenden, lebenslang.

Allein durch diese Verpflichtung sind in den letzten sechs Jahren eine halbe Million Pfund bloß aus den studentischen Stipendien und den schmalen akademischen Assistenten-Gehältern zusammengekommen. Umgerechnet in Moskitonetze, wenn man sie zum Schutz vor Malaria über das Bett spannt: ungezählte gerettete Leben. Fast eine Million Menschen sterben jährlich an Malaria, ein Netz kostet, inklusive der Sorge darum, dass es schützend eingesetzt wird, ein paar Dollar. All dies hat die Forschung der Ökonomen Esther Duflo und Abhijit Banerjee am MIT zutage gefördert, auch darauf stützt sich MacAskill, und die " Against Malaria Foundation" knüpft daran an, setzt 100 Prozent der Spenden in Netze um. Ein gangbarer Pfad durch die Wüsten der Armutsbekämpfung, in denen es keine Patentlösungen gibt.

Es ist nun fast eins, 1 p. m., eilt also. Die Straße runter, endlich den Eingang gefunden, Treppe rauf, linke Seite, Raum zwei: Kann er das sein? Hier sitzen auf wenigen Quadratmetern, dicht an dicht, acht junge Leute an ihren Laptops, und es herrscht die völlige Stille unabgelenkter Arbeit. Besuch? Keiner sieht auf. In einer Ecke ein rotes Sofa, daneben stapelweise MacAskills Buch, ein riesenhafter Plastikball, die Wände sind mit Waldtapete tapeziert, alles baumgrün, eine Küchenecke, ein runder Tisch mittendrin. Etwas Klösterliches geht von dem Raum aus.

Ein Intellektueller, der über Entwurmung nachdenkt

Dann ist es eins, 1 p. m., und die Atmosphäre verwandelt sich, als habe jemand eine Glocke geläutet. Plötzlich steht ein junger Mann im Raum, der die Hand ausstreckt, unrasiert, Jeans, Hemd, Pullover, die einfache Variante, formvollendet jungenhaft: Er sei Will. Ein paar britisch freundliche Worte, wie wäre es, erst mal mit allen zu essen, der 28-Jährige bittet zu Tisch, um den schlagartig auch die anderen acht sitzen: Lunchtime. Salattüten aus Plastik werden aufgerissen, Avocados zerteilt, Granatapfelkerne aus der Schale gekratzt, Toast geht von Hand zu Hand. Suppe kommt aus der Mikrowelle. Fleisch isst hier keiner.

Eine Chinesin erzählt von der chinesischen EA-Website, die sie erstellt, eine Biologin aus Essen mit frischem Staatsexamen fürs deutsche Lehramt ist für ein Praktikum hier, einer studiert Medizin, eine andere Ökonomie, ein Mathematiker ist als Fellow dabei, ein Doktorand der Philosophie, Stefan aus Schweden, Kevin aus den USA, Nora aus Frankreich, ein Australier. Alle reden gleichzeitig, gestikulierend, Medien, die ZEIT, Malariaforschung, Konferenzen, die Salatsoße bitte, S-C-I, es ist kein Wort zu verstehen. Mitschreiben unmöglich. Nur dass die Entwurmung von Kindern die wirksamste Investition in die Bildung der Ärmsten ist, nachweislich. SCI heißt: " Schistosomiasis Control Initiative", sie kümmert sich um Entwurmung und steht auf Platz zwei des Empfehlungs-Rankings von "Giving what we can".

Das also ist EA.

Wie wird ein Intellektueller zum effektiven Altruisten, der über Entwurmung nachdenkt? Eine halbe Stunde später sitzen alle wieder still an ihren Laptops, in einem Nebenraum legt William MacAskill die langen Beine auf den flachen Tisch, Handy aus, Zeit fürs Gespräch. Was kam in seinem Leben zuerst, der Altruismus oder die Effizienz? "Es fing klassisch an, Pfadfinderarbeit mit Kindern, als Schüler habe ich im Altenheim gearbeitet, in der Pflege, um etwas Gutes zu tun. Dann habe ich Dostojewski gelesen, kam in die existenzialistische Phase, wollte Schriftsteller werden. Ich habe mich an einen Roman gesetzt, im Stil von Salingers Fänger im Roggen, zwei junge Leute ziehen in die Weite Kanadas ..." Der wurde nicht fertig.

Mehr als zehn Jahre ist das her, er lacht über sich, in seinem ausgeprägten Schottisch rollt er das R, ein Klang weicher Strenge. Glasgow, protestantisches Elternhaus, es kommt ihm heute konservativ vor. Würde er einem Freund, der an einem Roman sitzt, vom Schreiben abraten, unter Nützlichkeits-Gesichtspunkten? Er antwortet ernst: Gewiss, Oliver Twist, Onkel Toms Hütte, es gebe diese Romane, die den Blick für die Ärmsten öffnen. Aber deshalb auf die minimale Chance zu setzen, selbst einen solchen Roman in die Welt zu bringen? Besser nicht, der Wettbewerb ist zu hart, Leidenschaft allein reicht nicht als Wegweiser. Für einen Moment ist in MacAskills Freundlichkeit ein harter Ton eingezogen. Ein Shakespeare-Sonett könnte an dieser Haltung glatt zerschellen.

Was hat ihn damals zum Effizienzgedanken geführt? Er hat mit 17 den Philosophen Peter Singer gelesen, dessen legendären Aufsatz von 1972, Famine, Affluence, and Morality, in dem Singer den Grundgedanken des effektiven Altruismus erstmals entfaltet: den maximalen Nutzen des eigenen Handelns zu ermitteln, für die Ärmsten der Welt. Das hat sich MacAskill eingeprägt. "Und ich merkte, meine Beschäftigung mit der Literatur drängte eigentlich zur Philosophie." Er begegnete sodann den statistischen Kurven, die angeben, wie sich der Wohlstand von sehr wenigen in kürzester Zeit exponentiell vom Elend der meisten entfernt hat, und die wenigen, das sind im reichen Westen sehr viele: "Wer im Jahr mehr als 34.000 Pfund verdient, gehört zum reichsten Prozent aller Weltbürger."

Als er in Oxford auf die Armutsforschung von Toby Ord traf, der errechnete, dass manche Hilfsorganisationen um den Faktor 1.000 wirksamer arbeiten als andere, fiel die Entscheidung, mit dem Freund Ord zusammen daraus die praktischen Konsequenzen zu ziehen: EA.

Staaten zerfallen, Europa zerbricht, 60 Millionen Menschen weltweit sind auf der Flucht, ist EA angesichts der neuen Weltunordnung ein resignativ postpolitisches Denken? Amia Srinivasan, eine indisch-britische Philosophin in William MacAskills Alter, die in London lehrt, hat ihn unlängst scharf angegriffen: Doing Good Better sei Wohlfühl-Denken von Individualisten, die Konsumtipps verbreiteten, ohne die Ursachen des Elends zu bekämpfen. Der Kapitalismus habe sich mal wieder seine stärksten Kritiker einverleibt.

Sie hat recht: Wenn EA wirklich den Anspruch hätte, politisch im klassischen Sinne zu sein, dann fehlte eine Theorie der Institutionen, von Staatengefügen und Normen, dann müsste von Macht die Rede sein, von Gewaltenteilung, Rechten, Interessen. Dann wäre die Stärkung handlungsfähiger und legitimierter Institutionen ein maßgebliches Ziel. Und wenn EA wirklich den Anspruch hätte, für ökonomische Gerechtigkeit für die Allerärmsten der Welt zu sorgen, dann wäre eine makroökonomische Analyse notwendig, um umsteuern zu können. Gibt es bei EA beides nicht.

Nicht weniger schwer wiegt der Einwand, den etwa der Philosoph Bernard Williams geltend macht, dass es dem effektiven Altruismus an einer Vorstellung vom guten Leben mangele, von den Werten also, die Gesellschaften kostbar sind und für den Einzelnen so etwas wie eine moralische Hintergrundlandschaft bilden: Solidarität mit Nahestehenden, die Sorge um eine Familie, um Freunde, die Liebe zur Natur, die Bindung an das eigene Land. Wie sollte man sinnvoll handeln, ohne durch diese Werte von innen heraus motiviert zu sein? Es führe schlicht in die Entfremdung vom Selbst, wenn man sich zum Teil eines utilitaristischen Kalküls mache.

Ein Anflug von Ungehaltenheit ist jetzt im Raum, nur kurz. Geschenkt! William MacAskill ist mit all diesen Einwänden bestens vertraut, besonders der Name Amia Srinivasan ist hier in Oxford Gemeingut, aber die Kritiker bringen ihn nicht aus der Ruhe, im Gegenteil: "Effective Altruism ist nur ein Instrument unter anderen, die Welt zu verändern, nur ein ethischer Ansatz unter mehreren. Wir raten vielen Studenten, in die Politik zu gehen, in den öffentlichen Dienst, zu den UN oder ins Parlament. Aber ich will mit meinem Buch deutlich machen: Zu einem guten Leben gehört es, die Schwächsten zu stärken." Und genau dies fasst er als eine moralische Notwendigkeit auf, die durch die räumliche und emotionale Entfernung der Schwächsten nicht weniger wird.

Die Politik gibt kein überzeugendes Bild ab, werden abends dann die Studenten beim Bier versichern. Die Ärmsten hätten ein Recht darauf, dass sich die Reichen nicht hinter ihrer Ohnmacht verschanzen. Einer sagt: "Ich bin kein Individualist, ich bin solidarisch mit den Hunderttausenden von Kindern, die jährlich an Durchfall sterben. Seit ich für die Effective Altruists arbeite, fühle ich mich nicht mehr machtlos." Das kann man für eine Art Nächstenliebe als Solidarität mit den Fernsten halten, aber weil der moralphilosophisch geschulte Verstand sie gebietet, ist sie für diese jungen Intellektuellen keineswegs einfach Fernstenliebe. Sie ist eine neue, eine andere Art von politisch. Und es macht einen Unterschied im Selbstgefühl, wenn man weiß, dass das eigene Handeln etwas bewirkt, als Motiv und Belohnung zugleich. Ein gemeinnütziges Ziel zu formulieren, den eigenen Weg dorthin zu finden, ihn für viele zu öffnen, ihm einen institutionellen Rahmen zu geben, und all dies jenseits des eigenen Profits: Das ist kein kapitalistischer Kinderkram.

Und nein, bei diesen skeptischen Aktivisten herrscht auch nicht der Rigorismus des einzig möglichen Wegs. Tatsächlich muss man MacAskills Buch nur mit dem fast gleichnamigen von Peter Singer vergleichen, dem der junge Kollege ursprünglich so viel an Ideen verdankte. Singers Buch The Most Good You Can Do, das auf Deutsch Anfang April bei Suhrkamp unter dem Titel Effektiver Altruismus erscheint, trägt nicht umsonst den Superlativ im Originaltitel, was den Wert und die Werte jedes Individuums hinter dem maximierten Guten verschwinden lässt. Bei Singer herrschen auch in diesem neuen Buch ein moralischer Absolutismus der einzig möglichen Vernunft und eine Strenge gegenüber dem individuellen Leben. Immer wieder hat er dadurch erbitterte Kritik auf den Plan gerufen, bis in die Gegenwart: Sein enger Utilitarismus sei eine Provokation für das Leben Behinderter, zu unnütz könnte es in einer Gesellschaft sein.

MacAskills weit gefasste Nützlichkeits-Abwägungen hingegen sind weder rigoros, noch wollen sie, dass man sich ihnen unbedingt beugt. Sie sind ein ernst gemeinter Vorschlag zu handeln. Ein Oxford-Mix aus politischem Aktivismus, Moral, finanzieller Cleverness, Politikverdruss und unabweisbarer Verantwortung für die Welt. Mehr nicht. Weniger auch nicht. Für MacAskill führen viele Wege nach Rom.

Auf der Straße dann, bei den Fahrrädern, schnell noch ein Bild für die Zeitung, da steht er im offenen Hemd, nur ein leichtes Jackett hat er drübergezogen, "Junge, du erkältest dich doch", fast hätte ich es wirklich gesagt. Aber das würde nichts nützen, frieren ist kontinental, und da ist der Mann auf dem Rad sowieso schon auf und davon.

William MacAskill: Gutes besser tun. Wie wir mit effektivem Altruismus die Welt verändern können; a. d. Englischen von Stephan Gebauer; Ullstein Verlag, Berlin 2016; 288 S., 18,–, als E-Book 14,99 €. Das Buch erscheint am 24. März 2016

Peter Singer: Effektiver Altruismus. Eine Anleitung zum ethischen Leben; a. d. Englischen von Jan-Erik Strasser; Suhrkamp Verlag, Berlin 2016; 240 S., 24,95 €. Das Buch erscheint am 11. April 2016