Nicht mehr im Gleichgewicht: Die Gesellschaft driftet auseinander, sagt Marcel Fratzscher.

DIE ZEIT: Herr Fratzscher, Ihr neues Buch trägt den Titel Verteilungskampf. Unser Eindruck ist: Es kämpft gar keiner.

Marcel Fratzscher: Ihr Eindruck trügt. Die große Koalition hat die Bürger lediglich ruhiggestellt. Sie hat Geschenke verteilt, etwa die Mütterrente oder die Rente mit 63. Trotzdem ist die gesellschaftliche Ungleichheit enorm. Die Bürger spüren das.

ZEIT: Eine andere Erklärung wäre: Die Löhne und Renten steigen, und die Leute sind einfach mit ihrer Lage zufrieden.

Fratzscher: Das trifft, wenn überhaupt, nur auf einen Teil der Bevölkerung zu. Wir vergessen die Menschen am unteren Rand der Gesellschaft. Unser momentaner wirtschaftlicher Erfolg hat uns blind gemacht für deren Probleme. Dabei geht die Schere immer weiter auseinander.

ZEIT: Tut sie das? Sie interpretieren viele Zahlen ganz anders als die meisten deutschen Ökonomen. Woran liegt das: An den Zahlen oder an den Ökonomen?

Fratzscher: An den Ökonomen. Meine Vermutung ist: Sie glauben, dass die Ungleichheit zu einer gut funktionierenden Marktwirtschaft dazugehöre, weil sich niemand mehr anstrengen würde, wenn alle dasselbe verdienten.

ZEIT: Was ja auch nicht ganz von der Hand zu weisen ist.

Fratzscher: Natürlich nicht. Tatsache ist jedoch: Die Ungleichheit ist in Deutschland nicht deswegen so hoch, weil die Marktwirtschaft so gut funktioniert, sondern weil sie eben nicht funktioniert. Ich habe kein Problem mit den oberen zehn Prozent. Ich habe aber ein Problem damit, dass die unteren 40 Prozent abgehängt werden. Ich will nicht die Reichen ärmer machen, sondern die Armen reicher.

ZEIT: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin – dessen Präsident Sie sind – hat kürzlich eine Studie veröffentlicht, wonach die Ungleichheit der Einkommen bis 2005 gestiegen sei, danach aber nicht mehr. Wie passt das zu Ihrer These, dass Deutschland immer ungleicher wird?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17. März 2016.

Fratzscher: Wenn wir uns die Lohnentwicklung ansehen, dann hat die Ungleichheit sehr wohl erheblich zugenommen. Es geht in dieser Studie um das verfügbare Einkommen – also Lohn zuzüglich staatlicher Leistungen. Der Staat hat diese Leistungen erhöht, um durch diese zusätzliche Umverteilung die wachsende Ungleichheit der Arbeitseinkommen auszugleichen. Das beste Beispiel dafür ist der sogenannte Aufstocker, also ein Arbeitnehmer, dessen Einkommen so gering ist, dass er zusätzliches Geld vom Staat erhält.

ZEIT: Man könnte auch sagen: Das zeigt, dass der Sozialstaat funktioniert. Er stützt die Schwachen.

Fratzscher: Ludwig Erhard – der Vater der sozialen Marktwirtschaft – hat einmal gesagt, dass der Staat dafür Sorge zu tragen habe, dass jeder mit seiner eigenen Kraft und seinen Möglichkeiten für sich selber sorgen könne. Wenn die Menschen nur mithilfe von Sozialtransfers über die Runden kommen, dann widerspricht das diesem Ideal.

ZEIT: Dafür ist es durch diese Zuschüsse gelungen, zahlreiche Menschen in Arbeit zu bringen, die vielleicht keinen Job bekommen hätten, wenn die Unternehmen höhere Löhne bezahlen müssten.

Fratzscher: Aber was sind das für Jobs? Es darf nicht Ziel der Politik sein, Menschen in irgendeine Beschäftigung zu bringen. In vielen Fällen handelt es sich um prekäre Arbeitsverhältnisse ohne Aufstiegschancen. Der Punkt ist doch: Wenn ich als Staat Ihnen von Geburt an Steine in den Weg lege, indem ich Ihren Eltern keinen Kita-Platz anbiete oder sie mit einem Betreuungsgeld besteche, damit sie Sie gar nicht in die Kita schicken, wenn Sie in Ihrer Grundschule nicht angemessen betreut werden und deshalb keine ordentliche Berufsausbildung machen können – wenn ich Ihnen also alle Chancen im Leben nehme und dann sage: Jetzt regen Sie sich doch nicht so auf, Sie haben zwar einen öden Job und verdienen nichts, aber dafür legen wir etwas Geld obendrauf: Ist das eine sinnvolle Politik? Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen von ihrem Lohn leben können, statt auf den Staat angewiesen zu sein.