Sein Ton ist klagend, klar, strahlend, schön, übermütig, verloren, dunkel, leuchtend, weich. Avishai Cohen, der Trompeter, ist ein Meister der Nuancen. Er nimmt uns mit in die nächtlichen Straßen Manhattans oder winkt uns kurz zu aus dem Osten der europäischen Klassik. Schwarze Tradition, russische Schwermut und eine Unbefangenheit dem Jazz gegenüber, die vielleicht nur jemand haben kann, der von ganz woanders kommt. Ob Blues oder Avantgarde, alles scheint dem 38-Jährigen aus Tel Aviv gleich nah zu sein, er eignet es sich auf berückende Weise an. Nachdem er bei kleineren US-Labels großartige Trioplatten herausgebracht hat, folgt nun sein Debüt auf dem Münchner Label ECM mit einem Quintett. Into the Silence hebt ihn im Nu auf die große Bühne. Euphorische Besprechungen allerorten, von Miles Davis ist die Rede, so eine irisierende Kraft.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17. März 2016.

Aber Vorsicht. Alles hat seine Zeit, Miles hatte seine Zeit. Avishai Cohen spielt ganz im Hier und Jetzt, ist weder retro noch futuro, noch ein Eklektiker, der sich beliebig hier und da bediente. Er findet zwischen allem Vergangenen und allem Verschiedenen seine eigene Stimme, die ihn sofort heraushebt. Hier spricht einer, zu sich, zu uns, zu mir. Vergangene Woche stellte er im Gretchen, einem Berliner Szeneclub, die neue Platte vor. Da steht er, ein groß gewachsener Hipster mit Fusselbart über der Jeansjacke, ernst, ruhig, begrüßt seine Zuhörer mit betörend sanfter Stimme. Und dann krümmt er sich um seine Trompete. Viele junge Leute, geschlossene Augen, Körper, die sich wiegen. Kennt man vom Jazz so kaum. Die Tourneebesetzung ist anders als die auf der Platte. Der Saxofonist Bill McHenry fehlt, am Bass spielt Yoni Zelnik statt Eric Revis. Der Musik macht es nichts, sie wirkt sogar noch eindringlicher. Größere Dynamik, trockenerer Klang, ohne jenen gekünstelten Nachhall der Innerlichkeit, den ECM nicht abzustellen weiß.

Die fünfteilige Suite des Albums ist eine Hommage an seinen verstorbenen Vater. In aller Trauer schimmert die Schönheit gelebten Lebens auf, und wenn die Intensität des Gefühls im Gretchen mal kurz nachlässt, kann man sich immer noch am Ideenreichtum der Musiker freuen. Der Pianist Yonathan Avishai mit seinen abgebrochenen Läufen, als würde er sich nur Notizen machen. Der Schlagzeuger Nasheet Waits mit einem Solo, dem jeder klare Beat fehlt und das gleichwohl von Minute zu Minute dringlicher wird, bis es sich schließlich auflöst.

Avishai Cohen: Into the Silence (ECM/Universal)