Ein Literaturkritiker pilgert nicht. Er reist nicht nach Paris, um dort einem Autor zu huldigen, auch wenn der mit nur drei Büchern die Genres Reportage, Autobiografie und Roman in einer Weise bereichert und zusammengeführt hat, dass die Lektüre lebensverändernd ist, sowohl für den professionellen Rezipienten als auch für den, der aus persönlichem Interesse hinabsteigt in diese Texte und als Veränderter, Bereicherter, Geläuterter (was für ein Wort! Man darf es eigentlich nicht schreiben als Berufserklärer von Dichtung) wieder heraustritt.

Vor allem wird sich der Kritiker davor hüten, vom Werk auf den Autor zu schließen, auf seinen Charakter, gerade wenn dieser Autor mit einem literarischen Ich hantiert.

Dieses verdammte, trickreiche Ich des Emmanuel Carrère!

Es agiert in jedem seiner bedeutenden Werke und tritt nun, in seinem neuesten Buch Das Reich Gottes, wieder in Erscheinung, obwohl es sich um die monumentale Doppelbiografie zweier zentraler Figuren des frühen Christentums handelt. Die Geschichte von Lukas und Paulus, dem Evangelisten und dem Apostel, zwei – man muss es auf Neudeutsch sagen, um die Ehrfurcht ein wenig abzuschütteln –, zwei key players der Geistes- und Glaubensgeschichte. Und selbst diese Story hat Carrère wieder mit seinem Ich verknüpft.

Ist das nicht egozentrisch? Ja.

Ist das nicht wieder dieser geniale Trick? Ja!

Deshalb wird man also noch vorsichtiger sein als sonst, wenn man diesen geschätzten Ich-Sager trifft. Man wird der Versuchung widerstehen, alles Gesehene und Erlebte mit Bedeutung aufzuladen. Nein, es hat nichts mit dem Werk zu tun, dass Carrère in der Rue Martel wohnt, in Rufweite zur Rue de Paradis (Paradies! Darum geht es doch letztlich in diesem Buch! – Reiß dich zusammen, du Fan am Rand deiner hermeneutischen Paranoia).

Nein, es hat nichts zu sagen, dass im Hinterhof dieses Loftgebäudes – Carrère residiert im schick-räudigen 10. Arrondissement, wo die Gentrifizierung noch ein freundliches, multiethnisches Gesicht trägt –, dass in diesem Hinterhof ein kleines Guerilla-Gardening-Areal vor sich hin blüht (eine Oase inmitten der Wüstenei, wie sie die Apostel durchqueren! – Hör auf mit deinem semiotischen Kitsch!). Das alles sind nur Gespinste eines vom Auslegungsweihrauch benebelten Bewusstseins, und dann öffnet er die Tür, sagt "bonjour!", und man denkt, entgegen allen Vorsätzen: Hoffentlich ist er für eine Offenbarung gut.

Das Reich Gottes ist ein großes Buch. Es kommt zur rechten Zeit, weil das Thema – Glaube und Religion – vergiftet ist mit Gewalt und Fanatismus. Jetzt gibt es diese 500 Seiten über zwei Männer, die um ihr Seelenheil ringen und gleichzeitig eine historische Mission erfüllen. Über das frühe Christentum und darüber, wie es sich in den Jahren 50 bis 90 konsolidiert als revolutionäre Heilsidee. Es ist ein historischer Wälzer mit dem Sound einer lässigen Reportage, aber der Ton ist niemals kokett oder eitel. Es ist eine biografische Spurensuche quer durch die antike Welt, aber ohne die Kulissen des Sandalenfilms. Und es ist eine Selbstinspektion des Autors als ehemaliger Gläubiger, der ein seelisches Leiden erst mit Therapie, dann mit dem Christentum kurieren wollte und nun als anscheinend glücklicher Agnostiker der Welt ein herrliches Buch über den Glauben beschert hat.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17.3.2016.

Denn das ist das Verfahren des Emmanuel Carrère: dass er ermittelt wie ein Reporter und die Ermittlungen synchronisiert mit der Erklärung des eigenen Schreibimpulses. Dass er in seinen wichtigsten Büchern – Amok (2000), Alles ist wahr (2009) und Limonow (2011) – dramatische Fälle aufrollt, aber diese Inspektionen durchdrungen sind von Selbstbefragung. Dass er über Gott und die Welt schreiben kann und am Ende diese Texte eine bestürzende Intimität entwickeln, dabei jedoch intellektuell redlich bleiben bis an die Grenze zur Kaltschnäuzigkeit.

Im Reich Gottes handeln die ersten hundert Seiten von der Existenzkrise des Autors Mitte der neunziger Jahre. Carrère war zu dieser Zeit bereits prominent, noch nicht der Superstar, den die Kritik mit Truman Capote vergleichen sollte, aber doch ein vielfach besprochener Autor, dessen Romane und Essays mit Preisen ausgezeichnet wurden. Dann der Bruch: "Ich konnte nicht mehr schreiben, ich verstand nicht zu lieben, und mir wurde bewusst, nicht liebenswert zu sein. Ich zu sein wurde mir buchstäblich unerträglich." Ein klassischer Burn-out, könnte man sagen. Das Von-sich-selbst-erschöpft-Sein des kreativen Narziss, den noch so viel Ruhm und Anerkennung nicht glücklich machen. Und dann die Rettung: Eine Patentante, eine eifrige, aber in missionarischen Dingen ebenso behutsame Katholikin, empfiehlt Glaubensarbeit. Konkret: tägliche Bibellektüre und Kommentierung eines Verses aus dem Evangelium. Der Starautor kapituliert vor dem eigenen Nimbus und vertraut sich der Kraft der Worte in neuer, spiritueller Weise an.

Hinter jedem Bekenntnis zu Christus stehe ein Satz, schreibt Carrère, jeder Mensch habe seinen eigenen, "der für ihn gemacht ist und auf ihn wartet". Für den mit Preisen dekorierten, die Literatursendungen ebenso wie die Cannes-Jury bespielenden Künstler (Carrère ist auch Dokumentarfilmer und Drehbuchautor) war das eine Passage aus dem Johannes-Evangelium. Da spricht Jesus zu Petrus:

"Wahrlich, ich sage dir: Als du jung warst, gürtetest du dich selber und gingst, wohin du wolltest. Wenn du aber alt sein wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich dorthin führen, wohin du nicht gehen wolltest."

Man möchte sie gerne sehen, die Kladde, in die er diesen irgendwie schockierenden, irgendwie tröstlichen Satz eingetragen hat, der sein Credo wurde. Darf man?

"Ja, ja, bitte!", sagt er und geht zum Bücherregal. Sein Arbeitszimmer ist klein, aber alles ist von edelster Qualität, maßgeschneiderte Regale, ein um die Ecke gebauter Schreibtisch, eine eigens für den Raum gestaltete Chaiselongue mit grauen und schwarzen Samtkissen.

Er zieht eines der 18 Hefte heraus und drückt es einem in die Hand. Nicht so grob, möchte man sagen, das sind doch Glaubensbekenntnisse! Die Schriften eines postmodernen Augustinus! Auf den Seiten zieht das elegante Französisch in akkurater Schrift vorbei, und man schaut so andächtig, dass er sagt: "Die meisten Tagebücher sehen doch so aus, oder?"

Da wird einem klar, dass dieses Ich, das in den Kladden zum Ausdruck kommt, das flehende hilflose Künstler-Ich, das in Depressionen versinkt, ein anderes ist als das des Autors, der Das Reich Gottes geschrieben hat, und natürlich auch noch einmal ein ganz anderes als jenes, das da vor einem Gestalt angenommen hat, ein drahtiger 58-Jähriger, der sich mit Yoga in Schuss hält und dessen gebräuntes Gesicht so kostbar mit Falten gemasert scheint wie das Schreibpult, auf dem einige wenige Accessoires – ein Handy, ein iPad, ein paar Moleskine-Notizbücher – die Atmosphäre kreativer Geschäftigkeit verbreiten.

"Es war einfach interessant, sich an eine Zeit zu erinnern, in der ich die Heilige Schrift mit anderen Augen las", sagt er nachsichtig, während man gierig den Leineneinband der Kladde befühlt, als sei es eine Reliquie. "Mit den Augen des Gläubigen oder zumindest mit den Augen eines Menschen, der glauben wollte und der fast ein Fundamentalist geworden wäre."

So geht der Carrère-Trick: mit dem Ich ganz persönlich werden und zugleich Abstand nehmen. Ich sagen und dabei diese Subjektivität als fragwürdige Größe beschreiben. Das Problem – oder das Glück, je nach Perspektive – ist: Für den Leser existiert das Ich eines Textes immer in der absoluten Gegenwart; es gehört ganz in die Zeit dessen, der liest. Bei Autoren größter Meisterschaft wird dieses "ich" so suggestiv, dass es sich in eine Figur verwandelt, die vom Leser Besitz ergreift, die ihm aber auch gehört bis an die Grenzen der Selbstauflösung. An diesem magischen Umschlagspunkt wird man selbst dieses Ich, das den Text lenkt. Das ist bei Amok so, einem Buch über den Mehrfachmörder Jean-Claude Romand. Carrère hatte dessen Gerichtsprozess verfolgt und sich jahrelang mit ihm getroffen, bis er das Buch schrieb. Es ist das Stilprinzip von Alles ist wahr, dem doppelten Bericht über eine Tsunami-Katastrophe in Sri Lanka und den Krebstod einer Verwandten. Und es ist die dramaturgische Idee von Limonow, einer Biografie des gleichnamigen russischen Skandalautors und Polithasardeurs, mit dem Carrère befreundet ist.

Jedes Buch eine Ermittlung in fremden Leben (Alles ist wahr heißt im Original D’autres vies que la mienne, "Andere Leben als meines"), und weil der Autor seine Verstrickung in den jeweiligen Fall mit auffächert, sind es zugleich Porträts des modernen Schriftstellers beim Zurechtkommen mit und Verzweifeln an einem Stoff.

Das Reich Gottes ist erst einmal das: eine ergreifende Darstellung des Künstlers als nicht mehr ganz so junger Glaubenssucher, und im Blick dieses literarisch hochversierten, seelisch zerbeulten Charakters wird die Heilige Schrift wieder ein lebendiger, aufwühlender, radikaler Text. "Wir sprachen nie anders als mit einem Grinsen im Gesicht", beschreibt sich Carrère im Buch. "Das war ermüdend und dumm, aber wir waren uns dessen nicht bewusst."

Das ermüdende dumme Grinsen, diese süffisante Haltung des Intellektuellen noch dem größten Leid gegenüber, um ja nicht als sentimental zu gelten, sie geht einem verloren bei der Lektüre des Buchs, und das ist ein Glück. Deshalb möchte man gern Besitz ergreifen von diesem Demuts-Ich aus dem Text, dem man sich lesenderweise hingegeben hat und das man ein bisschen – wenigstens ein bisschen – selber geworden ist.

Aber Carrère sagt: "Ich empfinde zwar immer noch eine große Liebe für die Evangelien. Doch ich bin keinesfalls versucht, wieder zu glauben." Er sagt das energisch, verschränkt die Arme vor der Brust. Merkwürdig, dass man nun das Gefühl hat, ihm zu nahe getreten zu sein, wo er doch das ganze Buch hindurch dieses Hin und Her zwischen Glauben und Nichtglauben beschrieben hat und am Ende offenlässt, wie seine persönliche Geschichte weitergeht. Als Story eines mit dem Leben ausgesöhnten Skeptikers? Oder als Lebensroman eines Mannes, der noch nicht fertig ist mit der Idee eines Christus als Erlöser der Welt?

Man fragt noch mal: "Ihr Agnostizismus ist irreversibel?" Er: "Weiß ich nicht. Die Tatsache, dass ich nicht mehr glaube, heißt nicht, dass ich recht habe." Die Publikation des Buches liegt zwei Jahre zurück, die französische Kritik überschlug sich mit Lob, Le Monde nannte ihn in einem Atemzug mit Houellebecq. Carrère schreibt nun eine Fernsehserie über die erste christliche Gemeinde: Korinth im Jahr 50, wenn sich HBO der Sache annimmt, wird es sicher großartig. Lukas, der vom Judentum faszinierte Grieche, der Paulus kennenlernt, den intellektuellen Querkopf, der erst Christen verfolgt und dann zu ihrem leidenschaftlichsten Vordenker wird; der Briefe schreibt, nach Korinth, nach Thessaloniki und nach Rom, Texte, deren Punch einen heute noch umhauen kann.

Das ist auch der Hauptteil des Buches: Lukas, der Autor, und Paulus, der Missionar, auf ihrem Höllen-, Glaubens- und Bekehrungstrip durch die Antike. Es treten auf: Nero, Claudius, Seneca, die christliche Kernfamilie mit Jakobus und Josef, Petrus und natürlich Jesus – Figuren, die vielen per Institutionalisierung verleidet wurden und die hier wieder Helden werden, die einen angehen, weil sie die entscheidende Frage stellen: Wie geht ein von Liebe, Glaube und Hoffnung getragenes Leben?

Paulus wurde erleuchtet, und Carrère beschreibt die Konsequenzen dieser Wandlung als schrecklichen Gewissenskampf. Denn wenn einer vom Saulus zum Paulus werden kann, ist auch das Gegenteil denkbar: dass er zurückfällt in den Verblendungszusammenhang. Paulus hat sich davor zeit seines Lebens gefürchtet, so sehr, dass er seine Gemeinde anhielt, im Zweifelsfall nicht ihm zu glauben, selbst wenn er vor ihr stünde, sondern nur dem, was er geschrieben habe. Der Text ist mächtiger als sein Autor – wenn das keine moderne Poetik avant la lettre ist.

"Saulus ist der Albtraum von Paulus und Paulus der von Saulus", sagt Carrère, und natürlich weiß er, dass er die Revision dieses Dilemmas in seiner Konfession beschrieben hat. "Ich will keinesfalls die Erfahrung von damals wiederholen. Einmal hat mir gereicht!"

Der Autor hat Tee gebracht in edlen Porzellanschälchen. Kurz war seine Frau aufgetaucht, Hélène Carrère, eine Fernsehmoderatorin. Das ist also die Hélène aus Alles ist wahr, mit der er den Tsunami überstand. Wenn man sie casten müsste für die Filmversion, sie sähe genauso aus, auf beiläufige Weise elegant und souverän.

Auch seine Mutter heißt Hélène, Hélène Carrère d’Encausse, Historikerin, Russland-Expertin, Putin-Freundin. In Paris nennen sie sie halb ehrfürchtig, halb mokant "die Zarin", aber als Secrétaire perpétuel, als oberstes Mitglied der Académie française, ist ihr gesellschaftlicher Rang unumstritten.

Kurz gleitet man gedanklich ab – was die doppelte Hélène wohl bedeutet? –, aber dann müssen die Teeschälchen zurück in die Küche, auf dem Weg dorthin ein schneller Blick ins Wohnzimmer, noch mehr Bücher, Designklassiker, abstrakte Kunst. Die Kulisse eines gelungenen Lebens, denkt man, obwohl man sich derartige Mutmaßungen eigentlich verboten hatte. Dann steht man auch schon wieder draußen, Rue Martel, Nummer 15. Gegenüber wirbt ein Café mit "handgebrühten Kreationen".

War das also der Carrère, dessen "ich" man selber geworden war, lesend, staunend, fasziniert von den Möglichkeiten einer Fakten und Spekulationen verschmelzenden Literatur?

Nein. Der wahre Carrère bleibt im Buch. Das Leseexemplar steckt im Rucksack, man glaubt, sein Gewicht zu spüren. Mit Absicht hatte man nicht um ein Autogramm gebeten .

Emmanuel Carrère: Das Reich Gottes. Aus dem Französischen von Claudia Hamm; Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2016; 524 S., 24,95 €, als E-Book 19,99 €