Ein gebildeter deutscher Bürger spricht zu uns: Georg Cremer, geboren 1952 in der Bundesrepublik, Volkswirtschaftler und Statistik-Experte, Generalsekretär eines der größten deutschen Wohlfahrtsverbände. Er habe, so gab er vor wenigen Tagen in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung zu Protokoll, erst in der Fremde, während eines Aufenthalts im diktatorisch beherrschten Indonesien der achtziger Jahre, "verstanden, wie wichtig Rechtssicherheit" sei. Seit damals habe er "eine Dankbarkeit entwickelt, Bürger einer gefestigten Demokratie zu sein".

Der Leser stutzt und staunt. Er fragt sich, ob es sein kann, dass dieser weltgewandte Mann nicht weiß, wie lange es in Deutschland gedauert hat, bis hier Rechtssicherheit und Demokratie Wirklichkeit wurden. Ob er nie etwas erfahren hat über all die Kämpfe, die es von der Französischen Revolution bis zur Bundesrepublik brauchte, von all den Frauen und Männern, die dieser Freiheit durch bittere Niederlagen, Krisen und Katastrophen hindurch den Weg bereitet haben. Nein, davon hat dieser wackere deutsche Bildungsbürger ganz offensichtlich nie etwas gehört. Denn sonst hätte es nicht der Erfahrung einer Diktatur am anderen Ende der Welt bedurft, um für den demokratischen Rechtsstaat "dankbar" zu sein.

Ähnlich verblüfft der Kommentar von Katja Thorwarth, einer jungen Journalistin, Online-Redakteurin der Frankfurter Rundschau. Die Parole "Wir sind das Volk", so schreibt sie nach den Exzessen in Sachsen, gehöre "auf die Müllhalde der Geschichte". Allerdings scheint sie diese Geschichte oder Müllhalde nicht sonderlich gut zu kennen, erwähnt sie doch mit keiner Silbe den Ursprung des missbrauchten Wortes.

Er findet sich natürlich weit vor der Pegida-Szene von heute, weit auch vor den Tagen von Leipzig 1989. Der Satz stammt aus dem 19. Jahrhundert. Ferdinand Freiligrath formulierte ihn im Revolutionsjahr 1848, nach Versen des schottischen Barden Robert Burns. Es sollte, wie Michail Krausnick 2010 zum 200. Geburtstag des Dichters in der ZEIT schrieb, Freiligraths "bekanntestes politisches Gedicht werden, trostreich erinnert noch von den Eingekerkerten im KZ Buchenwald, gern auch gesungen von den Liedermachern der siebziger Jahre, im Westen wie im Osten". Freiligrath hatte es dem Ancien Régime entgegengeschleudert: "Nur, was zerfällt, vertretet ihr! / Seid Kasten nur, trotz alledem! / Wir sind das Volk, die Menschheit wir, / Sind ewig drum, trotz alledem! / Trotz alledem und alledem: / So kommt denn an, trotz alledem! / Ihr hemmt uns, doch ihr zwingt uns nicht – / Unser die Welt trotz alledem!" Nicht dieses leidenschaftliche Wort, dies Verlangen nach Freiheit, Brot und Recht, gehört auf den Müllhaufen der Geschichte, sondern das Ressentiment derer, die es heute als völkische Parole missbrauchen.

Schade. Unendlich schade: Die meisten Deutschen wissen nichts von ihrer Demokratie- und Parlamentsgeschichte, nichts von der großen Chronik der Freiheit. Und es sind gerade die vermeintlich Aufgeklärten, es sind die professionellen Politikmacher und -vermittler in den Parteien und Medien, die hier indolent versagen. Sie kennen weder die Vorkämpfer der deutschen Demokratie zur Zeit der Französischen Revolution noch die Vormärzstreiter, die 1832 auf dem Hambacher Fest Flagge zeigten (und zwar die jetzt in Dresden ebenfalls missbrauchte schwarz-rot-goldene), noch die Revolutionäre und Verfassungsautoren von 1848, noch die großen Parlamentarier des Kaiserreichs.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17.3.2016.

Gerade sie, von den Genannten uns zeitlich am nächsten, scheinen besonders vergessen. Im Londoner und Pariser Parlament sind die Vorgänger selbstverständlich gegenwärtig, ob Fox oder Jaurès. Im Bundestag hingegen wird man wohl niemanden finden, dem die Taten und Ansichten von Lasker, Richter oder Windthorst noch ein Begriff sind. Und über August Bebel weiß der gelernte Sozialdemokrat vielleicht gerade noch, dass der eine goldene Taschenuhr besaß.

Wie grotesk ist schon allein der Unwillen, den 18. März zum Gedenktag zu erklären! Den Tag, als 1793 in Mainz die erste Republik auf deutschem Boden ausgerufen wurde, als 1848 in Berlin die Revolution triumphierte und 1990 die Bürger der DDR in ihrer ersten freien Wahl den Weg für die Wiedervereinigung frei machten. Eigentlich müsste dieser Tag Nationalfeiertag sein, aber bis heute hat er es nicht einmal zum offiziellen Gedenktag geschafft.

Warum? Warum nur weiß die Republik nichts von ihren Ursprüngen, von ihrer politischen Leitkultur? Will es offenbar nicht wissen?

Das hängt vor allem mit der Gründungslegende der Bundesrepublik zusammen. Es ist ein zähes "Narrativ" (wie der Historiker à la mode sagt), über Jahrzehnte quer durch alle politischen Milieus kolportiert. Demnach haben erst die amerikanischen Missionare, unterstützt von Briten und Franzosen, 1945 die Demokratie nach Dunkeldeutschland gebracht und die Eingeborenen, politische Analphabeten und Heiden, die weiter Wotan Hitler huldigten, zu frommen Republikanern gemacht. Der Bundeskanzler Helmut Schmidt fasste dieses Narrativ einmal in das etwas beklemmende autobiografische Bekenntnis, er habe "von Demokratie das erste Mal im Kriegsgefangenenlager 1945 gehört". Er habe überhaupt nicht gewusst, was das sei. Die Demokratie, so bekommt man es noch immer in den Festreden zum "Tag der Deutschen Einheit" zu hören, war "ein Geschenk" an die Deutschen, eine Art Überraschungs-Ei, das ihnen letztlich ein göttlicher Zufall beschert hat.