Junge konservative Protestanten freuen sich auf das nächste lange Wochenende nach Ostern. Um Himmelfahrt steigt ihr Kongress "Christival" in Karlsruhe. Die Veranstalter erwarten 13.000 Besucher. Damit gehört das Christival zusammen mit dem 100. Katholikentag Ende Mai um Fronleichnam in Leipzig zu den größten christlichen Treffen des Jahres. Der Kongress will tanzen. Er möchte fromme junge Leute versammeln, über den Glauben reden und feiern. Die AfD spielt keine Rolle. Politik wird kleingeschrieben. Und das Treffen möchte nicht gern evangelikal genannt werden wie die bisherigen fünf Christivals, sagt sein Pressesprecher Michael vom Ende. Es will mit Kampfbegriffen nichts zu tun haben.

Die junge Generation setzt sich ab. Sie feiert gegen die Verknöcherung an. Denn der konservative Protestantismus, der sich unter dem Begriff "evangelikal" versammelt, steckt in der Krise. Seine Führung schlägt verbissen die Schlachten von gestern um Homosexualität und Bekenntnistreue und hat sich in die rechte Ecke manövriert. Da müsste die Bewegung herauskommen, um eine Spaltung zwischen den Generationen und auch zwischen ihren Gruppen abzuwenden. Doch ist noch nicht klar, ob ihre Führung den Ausgang aus der selbst verschuldeten Unsinnlichkeit suchen will. Und ob sie noch Zeit dafür hat. Zum Jahresende wird sie ihren Vorsitzenden Michael Diener verlieren. Er sei überlastet, sagt er, und kündigte in der vergangenen Woche seinen Rücktritt an. Diener stand für eine Öffnung.

Zwar sprechen auch auf dem Christival konservative Stimmen. Im Vorstand sitzt Johannes Müller, ein Jugendreferent der Bremischen Evangelischen Kirche. Mit seinem Projekt "Lighthouse" macht er "Worship", Gottesdienste mit viel Popmusik, in der alten Bremer Kirche Unserer Lieben Frauen. Das kommt an. Die Besucher verzeihen es Müller, dass er mal gesagt hat, ein Mann müsse seine Frau "jesusmäßig führen und leiten".

In Bremen lief vor acht Jahren das letzte Christival. Es geriet in die Schlagzeilen. Denn dort demonstrierten Grüne und andere Gruppen gegen evangelikale Organisationen wie "Wüstenstrom" und ein "Deutsches Institut für Jugend und Gesellschaft", die Homosexuellen Therapien anboten. Der Streit stürzte die evangelikale Bewegung in einen Dauerkonflikt. Ein Teil setzt sich seither von dem Begriff "evangelikal" ab und von allen, die ihm Heimat geben. Der konservative Flügel fühlt sich umstellt und verfolgt. Immer schon sprach er gern vom "evangelikalen Lager". Erbittert trat er den Rückzug in die Ecke der Moraldebatten an, die dort Tradition haben. Alte Moralvorstellungen finden in der Bewegung einen lockeren Humus. Sie gehen aus einem Bibelglauben hervor, der das Nachdenken verweigert. Schließlich sagt die Bibel nichts Freundliches über Homosexualität. Und auch nicht zur Ehescheidung. Wer sie ungeschichtlich liest, muss das auch heute vertreten. Daher gilt das Nein zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, zum Sex vor der Ehe und auch zur Abtreibung als Ausweis des Gehorsams gegenüber der Heiligen Schrift. Manche Evangelikale verbünden sich gern mit Rechtskatholiken und mit Anti-Abtreibungsinitiativen, deren Repräsentanten mit AfD-Funktionären verbunden sind: Für die Ordnung und die guten alten Sitten ist ihnen jede Koalition recht.

Die Breite der Bewegung ist anders unterwegs. Fromm und tüchtig betreuen evangelikale Gemeinschaften, Freikirchen und Jugendorganisationen Flüchtlinge, schenken in ihren Cafés fair gehandelten Kaffee aus und suchen nach neuen Ausdrucksformen für den Glauben. Oft sind sie unpolitisch. Wer die Internetseiten der Gemeinschaften in Sachsen und Sachsen-Anhalt aufruft, sucht vergebens danach, wie sie sich zu Pegida und AfD positionieren. Vom Dachverband, der Evangelischen Allianz, die das Unwort "evangelikal" verteidigt, als stehe es in der Bibel, fühlen sich immer weniger Gruppen vertreten.

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Michael Diener hat das Problem erkannt. In den fünf Jahren, seit er zum Vorsitzenden der Allianz gewählt wurde, kämpfte er für Vielfalt und Offenheit. Und gegen die Moralfahnenschwinger. Viele, die ihm schrieben, sorgten sich um die uneheliche Partnerschaft des Bundespräsidenten, aber nur wenige über Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrinken, hat er einmal gesagt.

Vor drei Monaten baute die evangelische Kirche ihren konservativen Mitgliedern eine goldene Brücke. Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wählte Michael Diener in den 15-köpfigen Rat der EKD, das höchste Gremium des Protestantismus.

Doch das Imperium schlägt zurück. Seit Diener seiner Bewegung öffentlich Selbstkritik empfahl, sammelt Ulrich Parzany, der bald 75-jährige Star des ersten Christivals 1976, ein "Netzwerk Bibel und Bekenntnis" um sich (Christ&Welt berichtete darüber am 21. Januar). Der Pfarrer im Ruhestand wirft Diener Untreue zur Heiligen Schrift in besonders schwerem Fall vor. Jetzt will Parzanys Netzwerk mit dem Vorstand der Evangelischen Allianz reden. Geht der darauf ein, hat er einen Wächterrat installiert.

Diener kann das jetzt, mit dem angekündigten Rücktritt, gelassen sehen. Er leitet nach wie vor den in der Bewegung mächtigen Verband der Landeskirchlichen Gemeinschaften. Er braucht die Allianz nicht, aber sie ihn. Und die junge Generation setzt sich ab.