Unsere stellvertretende Chefredakteurin Sabine Rückert hat hier vor Kurzem einen Essay veröffentlicht, der sich an meine Generation richtet, an Frauen um die 30. "Macht euch nicht klein!", hat sie geschrieben, weder vor den männlichen Chefs im Büro noch vor den jüngeren Männern da draußen. Wir sollten nicht reinfallen auf die "Gutausseher mit dem edlen Gemüt" und die "Lebenslüge der ewigen Liebe". Männer mit Macht oder Geld bekämen "von Frauen vieles billig". Wir seien "leicht zu beeindrucken", im Beruf und im Privaten. Wir sollten uns "nicht unterwerfen, nicht abhängig machen vom Lob".

Einige Ausgaben später meinte meine Kollegin Mariam Lau, wie Rückert eine Vertreterin der Generation 50 plus, uns gegen diese Vorwürfe verteidigen zu müssen. Das ist alles sicher sehr gut gemeint. Und doch kommt es mir falsch vor. Erst störte mich der Ton, dann der Inhalt.

Als Sabine Rückert studierte, in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, wurde an Universitäten über die Gleichberechtigung von Mann und Frau diskutiert. Es gab Gesprächsrunden und AGs zum Feminismus, den die Frauenbewegung in den siebziger Jahren zu einer furiosen und machtvollen gesellschaftlichen Kritik entwickelt hatte. Damals und auch noch lange danach stießen Frauen in Firmen an gläserne Decken, sie wurden benachteiligt und, sicher auch, kleingemacht – privat wie beruflich.

Aber wie viel hat das noch mit unserer Welt von heute zu tun?

Ich bin in einer Zeit erwachsen geworden, in der das Land von einer Kanzlerin regiert und die evangelische Kirche von einer Frau geführt wurde, in der Frauen politische Talkshows moderieren und den Internationalen Währungsfonds leiten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17. März 2016.

Ja klar, ich weiß, dass wir Frauen immer noch weniger verdienen als die Männer. Wir müssen nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes 79 Tage mehr arbeiten, um auf das Gehalt unserer Kollegen zu kommen. Und noch immer schaffen es zu wenige Frauen an die Spitze von Dax-Unternehmen. Aber interessanter finde ich, was sich in den letzten Jahren verändert hat: In unserer Redaktion sind inzwischen etwa 40 Prozent der Führungspositionen mit Frauen besetzt. An manchen Tagen sitzt der Politikressortleiter allein mit sieben Frauen am Konferenztisch und muss sich gegen die geballte weibliche Argumentationswucht behaupten.

Keiner von uns fällt es schwer, den älteren Kollegen zu widersprechen. Mit Status sind wir nicht mehr zu beeindrucken, weder beruflich noch privat. Alle meine Freundinnen verdienen ihr eigenes Geld – die meisten sogar mehr als ihr Partner, weil sie ihr Studium schneller abgeschlossen haben und ehrgeiziger waren. Eine reist gerade als Neurologin um die Welt, um ihre neuesten Forschungsergebnisse vorzustellen, während ihr Freund Gelegenheitsjobs annimmt und lieber in politischen Diskussionsrunden nach dem Sinn des Lebens forscht. Wenn heute jemand "ergattert" wird, wie Sabine Rückert das formuliert, dann die selbstbewusste, erfolgreiche, jüngere Frau – vom staunenden Mann.

Es hat durchaus seinen Reiz, diese groteske Entwicklung endlich mal zu beschreiben, die ich im Laufe meiner elf Redakteursjahre beobachtet habe: Nicht nur der ältere Mann gibt uns jüngeren Frauen Tipps, sondern auch die gestandenen Kolleginnen glauben offenbar, wir brauchten Ratschläge und Warnungen. Dabei verhalten sie sich kaum anders als ihre Widersacher, die Männer ihrer Generation: Sie geben sich als unsere Mentorinnen aus, sogar fürs Private, und glauben immer noch, uns beschützen zu müssen.

Dabei scheinen auch sie, wie die einstigen Patrone, von eigenen Interessen getrieben. So liefen während der Hochphase der Pro-Quote-Bewegung, die ich als Redakteurin beim Spiegel erlebte, Kolleginnen der Generation 50 plus durch die Gänge und wollten uns jüngere Frauen davon überzeugen, die Forderung nach 30 Prozent weiblichen Führungskräften in den Medienhäusern zu unterzeichnen. Eine wunderbare Initiative – und eine erfolgreiche. Trotzdem fühlten wir uns auch damals überrannt und bevormundet. Unsere Unterschriften wurden benötigt, um Karrieren zu befördern. Die Generation 50 plus wollte nach oben. Ob wir sie für fähige Chefinnen hielten, spielte keine Rolle.

Natürlich bin auch ich gescheitert – an fast allem, wovor meine Chefin Sabine Rückert uns jüngere Frauen warnt. Ich habe an die eine wahre Liebe geglaubt. Ließ mich anfangs einschüchtern von älteren Kollegen, die nach einer investigativen Recherchereise stapelweise Aktenordner auf den Tisch des Vorgesetzten knallten und mit verschränkten Armen sagten: "Streng geheim." Während ich meine Neuigkeiten mit dem Satz verkaufte: "War gar nicht schwer." Gescheitert bin ich an Ressortleitern, die sich verbündeten und mich fallen ließen, obwohl sie mich als Chefs hätten schützen müssen. Aufgebaut hat mich dann aber auch ein älterer Mann, der mich aufgrund seiner Position hätte "kleinmachen" können. Beim Mittagessen sagte er zu mir: "Ich weiß, dass Sie es als Frau auch heute noch schwer haben. Aber versinken Sie nicht im Selbstmitleid, sondern nutzen Sie Ihre Vorteile."

Er hatte recht. Seit ich mit 20 Jahren angefangen habe, als Redakteurin zu arbeiten, bin ich die "junge Frau " Beschützt. Begehrt. Gefördert. Wir jüngeren Frauen haben viele Vorteile – vor allem gegenüber gleichaltrigen Männern. Steht ein Chef vor der Wahl, eine Frau oder einen Mann zum Abteilungsleiter zu befördern, dann entscheidet er sich heute häufiger für die weibliche Besetzung. Das verdanken wir zum Teil unseren älteren Vorkämpferinnen, vor allem aber auch uns selbst. Wir vernetzen uns. Sprechen offen in Konferenzen an, was uns nicht gefällt. Verschränken dabei nicht die Arme vor der Brust und werden auch nicht persönlich. Frauen meiner Generation sagen "wir", wenn sie "ich" meinen, und beginnen ihre Sätze mit "Vielleicht wäre es besser, wenn ...". Wir sagen nur dann etwas, wenn wir eine Lösung wissen. Wir sind die Generation Pragmatismus.

Natürlich, so ehrlich müssen wir sein, hilft einer Frau ihre Attraktivität. Sabine Rückert schreibt, Frauen könnten "schief und krumm sein, dick und unsportlich", und das Leben sei immer noch schön. Das klingt nett, entspricht aber nicht der Realität. In meinem Umfeld arbeiten Frauen, die sehr viel Wert auf ihr Äußeres legen. Nach der Arbeit ziehen wir weiter zum Sport, gehen in der Mittagspause zur Physiotherapie und am Wochenende zur Maniküre. Ich bin mir nicht sicher, ob das ausschließlich an unserer eigenen Anspruchshaltung liegt oder vielleicht auch daran, dass die meisten Entscheider noch immer Männer sind. Aber selbst wenn es so ist, dann ist es für uns okay.

Jüngere Frauen setzen heute bewusst ihren Charme ein, auch daran finden wir nichts Verwerfliches. Wir spielen mit einer Mischung aus Naivität, Verletzbarkeit und Härte. Geben wir in einem Moment noch das Püppchen, werden wir im nächsten zum Raubtier.

Wir sind hungrig, aber auch wählerisch. Wir werden nicht mehr allein von dem Willen getrieben, nach oben zu kommen. Überhaupt: Wer sagt eigentlich, dass es oben besser ist als unten? Ich leite seit drei Jahren ein Ressort bei der ZEIT, den Fußball, und arbeite parallel als Redakteurin in der Politikredaktion. Bisher konnte ich noch nicht feststellen, ob es in einer leitenden Position schöner ist oder unter Anleitung. Als Mensch fühle ich mich auf beiden Positionen wertvoll.

Als die Autorin Ronja von Rönne im vergangenen Sommer in einem Essay in der Welt ihren Abscheu gegen den Feminismus skizzierte, war der Aufschrei groß. Rönnes Text war eher flapsig dahingeschrieben als gut argumentiert. Die Alternative zum "senilen Birkenstock-Feminismus" finde sich im Internet, schrieb sie, dieser sogenannte Netzfeminismus sei "die etwas gestörte Tochter des traditionellen Feminismus", dessen Vertreterinnen seien "junge Menschen, die Katzen-Memes, politische Korrektheit und niedliche Dinge stricken" zu ihren Interessen zählten.

Auch beim Lesen dieses Textes ließ mich der Ton zurückschrecken, dem Inhalt aber stimme ich zu: Es ist an der Zeit, ein neues Kapitel in der ewigen Diskussion um weibliche Benachteiligung zu eröffnen, ohne Verbitterung und Moralisierung.

Man muss den Kampf der Älteren nicht verächtlich machen. Man muss aber meiner Generation zugestehen, dass sie in Gender- und Liebesfragen pragmatischer und diplomatischer vorgeht, als es früher der Fall war. Eine Freundin hat ihr Verhältnis zum Feminismus einmal mit dem zu Parteien verglichen, sie sagt: "Ich weiß, dass sie wichtig sind. Und ich weiß, dass ich von ihrer Existenz profitiere. Trotzdem will ich in keiner mitmachen." Ginge es nach uns, könnten wir uns vom Feminismus verabschieden.

Es ist ja nicht mehr die junge Frau, es ist der jüngere Mann, der heute seltsam hilflos, fast schutzbedürftig erscheint. Ein Freund von mir arbeitet für die Stadt München. Als es um die Vergabe einer Führungsposition ging, wurde eine im fünften Monat schwangere Kollegin ihren beiden männlichen Mitbewerbern vorgezogen. Ein Bekannter von mir bewirbt sich gerade auf eine leitende Stelle in einem NS-Dokumentationszentrum. Seitdem er erfahren hat, dass es zwei Mitbewerberinnen geben wird, hat er die Hoffnung auf den Job beinahe aufgegeben. Die Männer sind irritiert, und man merkt, dass sie es nicht gewohnt sind zu kämpfen.

Männer hätten sowieso keine Chance mehr, gegen die Front der Frauen anzukommen, höre ich immer wieder von meinen Kollegen. Dabei wirken sie wie gelähmt von der weiblichen Übermacht. Während die jüngeren Männer in unserer Redaktion noch überlegen, wer der richtige Ansprechpartner für ihr "Problem" ist, sitzen die jüngeren Frauen schon im Büro der Chefs und fordern mehr Gehalt.

Aber nicht nur im Berufsleben ducken sich die Männer meiner Generation weg, sondern auch im Privaten. Viele meiner Freundinnen sind mit deutlich älteren Partnern liiert. Nicht weil sie Lust haben, ein hübsches Statussymbol zu sein, sondern weil sie ein Gegenüber auf Augenhöhe suchen. Die jüngeren Männer sind derweil mit ihren Tinder-Dates beschäftigt.

Ich glaube, die Männer um die 30 wissen noch nicht, wie sie jetzt mit uns Frauen umgehen sollen. Ich möchte nicht beim ersten Date mit einem Mann erfahren, dass er bereit ist, in Elternzeit zu gehen, bevor ich überhaupt weiß, ob er jemals als Vater infrage kommen könnte. Wir jungen Frauen sind uns darüber im Klaren, dass das Arbeitsleben als Mutter komplizierter wird. Aber wir fühlen uns vorbereitet. Und wünschen uns Männer, die uns unterstützen, die aber auch ihre eigenen Ziele verfolgen. Wir haben kein Interesse an der Selbstaufgabe des Mannes. Wir wollen herausgefordert werden. Das ständige Im-Mittelpunkt-Stehen und Optimieren kann nämlich ziemlich müde machen, und die Vielfalt an Möglichkeiten bedeutet auch Druck, den wir mit einem starken Partner teilen und ausgleichen wollen.

Wenn ich also an etwas appellieren würde, dann wäre es nicht an den Mut junger Frauen, sondern an den Mut junger Männer. Macht nicht den gleichen Fehler, den wir Frauen viel zu lange gemacht haben: jammern. Wenn ihr euch benachteiligt fühlt, wehrt euch! Ihr könnt doch nicht ernsthaft wollen, dass wir Frauen euch dabei helfen?