Man muss in Hamburg nicht über Salafisten oder missionierende Sekten schreiben, um das Gefühl zu bekommen, in einen Glaubenskrieg geraten zu sein. Es reicht schon, sich mit Flüchtlingen und einer vollkommen diesseitigen Frage zu beschäftigen. Einer Frage, die lächerlich einfach klingt:

Geht es, oder geht es nicht?

Die Antwort, würde man denken, liegt direkt vor der Tür. Denn "Geht es, oder geht es nicht?" zielt auf eine Idee vieler Hamburger ab: Wäre es machbar, künftig nur noch Flüchtlingsunterkünfte mit höchstens 300 Bewohnern zu planen? Und wäre es zusätzlich möglich, zwischen den Quartieren einen Mindestabstand von einem Kilometer einzuhalten?

Das geht, behaupten die Bürgerinitiativen. Man müsse nur wollen. Das geht nicht, entgegnet der Senat. Hamburg habe nicht genug Platz für so viele kleine Standorte.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 13 vom 17.3.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Beide Seiten haben in den vergangenen Wochen in der ZEIT ihren Standpunkt beschrieben, erst Bürgermeister Olaf Scholz, dann der Sprecher der Initiativen, Klaus Schomacker (ZEIT Nr. 11 und 12). Gemeinsam war beiden: Sie können ihre Version nicht belegen. So existieren in der Stadt zwei Wahrheiten nebeneinander, getrennt von einer Glaubensgrenze. Und zwischen den Fronten ist Leere – weil niemand eine Antwort hat.

Offene Gleichungen statt Lösungen: Das ist, geht es um eine so praktische Frage, eine ungewohnte Situation im Jahr 2016. Auf Google Maps können wir vom Sofa aus durch Hamburg schweben, fast jede Frage lässt sich im Netz innerhalb von Sekunden klären. Aber an einem stadtplanerischen Rechenbeispiel scheitern wir?

Wohl oder übel müssen wir das akzeptieren: Das Leben mit der Lücke wird normal werden. Während Zehntausende Flüchtlinge in Hamburg Schutz suchen und das Ende des Zustroms trotz Grenzschließungen nicht absehbar ist, wird die Lücke immer größer: eine Lücke an Gewissheiten, an Sicherheiten, an Vertrauen. Das wird nicht folgenlos bleiben. Das Debattenklima in der Stadt verändert sich.

Wenn schon grundlegende, scheinbar einfache Frage offenbleiben, fressen sich Skepsis und Furcht in die Debatte und lassen die Menschen zweifeln. An der Politik, der Verwaltung, den Mitbürgern. Das ist nicht ungefährlich für die Demokratie, wie das Abschneiden der AfD bei drei Landtagswahlen vor Kurzem gezeigt hat. Und doch kann gerade darin eine Chance für die Demokratie liegen – das hat die hohe Beteiligung an diesen Wahlen gezeigt.