Einst Verbündete, heute Antagonisten: Werner Faymann und Angela Merkel im Berliner Kanzleramt © Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Von Österreich ist in Deutschland nun wieder häufiger die Rede. In Talkshows, Pressekonferenzen, Nachrichten, überall im politischen Milieu: Die Ösis sind derzeit Teil der innenpolitischen Szene der Bundesrepublik. Sie mischen mit im europäischen Streit um die "Willkommenspolitik" von Kanzlerin Angela Merkel. Als Zeugen der Anklage.

Das nimmt krasse Formen an. Neulich begann der bundesweit präsente Deutschlandfunk seine Mittagsnachrichten ohne Vorwarnung mit der Meldung, Österreichs Innenministerin Johanna Mikl-Leitner habe deutsche Kritik an Wiens Abgrenzungspolitik zurückgewiesen. So etwas kommt jetzt öfter vor. Im deutschen Fernsehen sind die schwarze Ministerin und ihr roter Kanzler gefragte Interviewpartner, natürlich auch der junge Außenminister.

Das liegt nicht nur daran, dass die Österreicher grammatikalisch und auch phonetisch korrektes Deutsch sprechen, was die Arbeit der Berichterstatter erheblich erleichtert. Man muss ja senden, braucht O-Töne, und Übersetzen ist zu kompliziert. Darüber hinaus verdankt das Wiener Trio – Kanzler, Außenminister und Innenministerin – die Nachfrage deutscher Medien der besonderen Entwicklung in den komplizierter gewordenen Beziehungen zwischen Berlin und Wien. Insbesondere Kanzler und SPÖ-Chef Werner Faymann war seit vergangenem Sommer vor allem deshalb gefragt, weil er der Berliner Kanzlerin und Vorsitzenden der CDU bei ihrer "Wir schaffen das"-Willkommenspolitik in der Flüchtlingsfrage als einer der wenigen europäischen Regierungschefs zur Seite stand. Für ein paar Monate.

Inzwischen haben die drei aus Wien ihren Marktwert gesteigert: die schneidige Obergrenzen-Ministerin mit dem genialen Einfall der Tagesquoten für Flüchtlinge, der artig-effiziente Amateurdiplomat mit der jugendlichen Bereitschaft, von der gesperrten Balkanroute auch "hässliche Bilder" ertragen zu wollen, und der boulevarderfahrene Kanzler, der sich von der Moralpolitik der europäischen Mutti mannhaft emanzipierte.

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Sie haben die Seiten gewechselt. So sind die Österreicher zum aktuellen innenpolitischen Faktor in der deutschen Arena geworden, in Berlin und besonders in München. Dieser österreichische Schwenk ins Lager der europäischen Anti-Merkel-Front, wo die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin trotz – oder wegen – des Lobs von UN, Kirchen, Künstlern und unabhängigen Menschenrechtsorganisationen als naiv und gefährlich gilt, kam für die Berliner aus heiterem Himmel. Eben noch mit Merkel verbündet, sind der Sozialdemokrat Faymann und seine ÖVP-Minister nun Kronzeugen gegen die Kanzlerin, Seit’ an Seit’ mit Ungarns Scharfmacher Viktor Orbán, mit der polnischen PiS-Regierung, mit Prag, Bratislava und den Balkanstaaten. Mit Großbritannien, Frankreich, den Dänen.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 13 vom 17.03.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Das ist keine Katastrophe. Schließlich ist Merkel keine Großmacht abhandengekommen. Doch der Symbolwert des Verlusts dieses benachbarten Partners ist größer als dessen reales Gewicht. Der abrupte Bruch der flüchtlingspolitischen Achse verdeutlicht die zunehmende Isolierung Angela Merkels in Europa einmal mehr. Die Kanzlerin mag den moralischen Führungsanspruch in der Flüchtlingskrise noch eine Weile aufrechterhalten können, wenigstens daheim. Politisch ist sie aber geschwächt. Die meiste Unterstützung genießt sie zurzeit in den rot-grünen Milieus in Mitteleuropa. Und unter den Flüchtlingen.

Zu den politischen Profiteuren der Entwicklung gehören, neben der völkisch-rechtspopulistischen AfD, der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer und dessen publizistische Büchsenspanner. Schon am Tag nach den drei Wahlen in deutschen Bundesländern forderte Seehofer auf allen Kanälen, Merkel müsse nun endlich Konsequenzen ziehen. Die Stimmenverluste der CDU in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt und die massiven Erfolge der AfD seien eindeutig eine Reaktion auf ihre Flüchtlingspolitik. Schluss damit. "Klare Kante!", wie es im politischen Jargon heißt. Es gehe um die Existenz der Unionsparteien.

Wie bestellt bekamen Seehofer und die Anti-Merkel-Phalanx wieder Hilfestellung. Von wem? Genau! Die bayerische Drohung an die Kanzlerin war kaum versandt, da meldete sich der nützliche Wiener Sozialdemokrat Faymann im Sinne Seehofers zu Wort, diesmal in der Welt: Er forderte, wie sich das für starke politische Führungsfiguren gehört, "Klarheit". Die Zeitung zitiert ihn so: "Frau Merkel sei jetzt ein paar Ansagen schuldig." Sie solle "öffentlich klarstellen, dass Deutschland nicht bereit sei, unbeschränkt Flüchtlinge aufzunehmen". Denn, so Faymann: "Es braucht diese Klarheit. Auch Deutschland benötigt einen Richtwert." Politische Führung statt Asyl-Kuschelkurs. Zeit zum Umdenken. Alles klar, Merkel?

Die schwächelnden Sozialdemokraten in Berlin, ohnehin im Schatten der CDU-Kanzlerin, staunen nicht schlecht und schweigen. Auf sie kommt es nicht wirklich an. Umdenken müssten aber auch sie, wenn Merkel sich von Seehofer, Faymann und von Rechtspopulisten zum offiziellen Umsteuern zwingen ließe, zu Stacheldraht, Grenzkontrollen, Tagesquoten. Das politische Debakel der demokratischen Linken wäre dann komplett. Freundschaft!