FPÖ-Vorsitzender Heinz-Christian Strache (Mitte) im Oktober 2015 in Wien © Patrick Domingo/AFP/Getty Images

Donnerstag, 11 Uhr. Eine neue Ausgabe des FPÖ-TV-Magazins geht online, wie jede Woche, seit vier Jahren. Der junge Moderator steht in Wien-Brigittenau, in der Nähe jenes Jugendzentrums, wo sich afghanische und tschetschenische Jugendliche vor Kurzem eine Massenschlägerei geliefert haben. Der Vorfall ist eine Steilvorlage für rechte Propaganda: Hier zeige sich das Versagen der Integrations- und Flüchtlingspolitik, heißt es in dem Beitrag. Der Bezirk entwickle sich zu einem kriminellen Brennpunkt der Stadt, hier müssten Bürger in Angst leben. Das gefällt: Innerhalb weniger Tage wird das Video auf Facebook über 65.000-mal angeklickt.

Das FPÖ-TV-Magazin ist eine Angstsendung für Angstbürger auf der Suche nach Sündenböcken – präsentiert von der stärksten Oppositionspartei Österreichs. Und es ist nicht der einzige Kanal dieser Sorte. Während herkömmliche Medien einen Vertrauensverlust erleiden und mit dem Vorwurf kämpfen, die "Lügenpresse" würde in der Flüchtlingskrise Informationen schönen oder gar unterdrücken, wuchert im Internet ein immer größeres Netz alternativer Medien, die in Österreich maßgeblich von der FPÖ und ihrem Umfeld betrieben werden. Die Partei nutzt dafür soziale Netzwerke wie Facebook und schafft so eine parallele Medienwelt, mit ihrer eigenen Version der Wirklichkeit.

Die blauen Kommunikatoren wissen Reichweiten und Algorithmen geschickt zu nutzen. Der YouTube-Kanal von FPÖ-TV, die Facebook-Seite von Heinz-Christian Strache oder das Onlineportal unzensuriert.at, das auf den früheren freiheitlichen Nationalratspräsidenten Martin Graf zurückgeht, erzeugen für ihre Leser eine sogenannte Filterblase: Facebook sortiert die Einträge so, dass sie zum Benutzer passen. Wer gerne auf HC-Strache-Postings klickt, dessen Onlinewelt wird zusehends blauer. Die Kommentare unter den Einträgen sind ein Sammelsurium aus aggressiven Botschaften und kruden Verschwörungstheorien. Enttäuschte und Verunsicherte finden hier Verständnis und Bestätigung.

Das Flaggschiff dieser Gegenöffentlichkeit ist das TV-Magazin, das wie ein etwas verjüngerter Ableger der ORF-Sendung Bundesland heute daherkommt. Mit verwackelten Amateurvideos hat das Format nichts zu tun. Es ist professionell gestaltet, manche Ausgaben vermitteln gar den Anschein von investigativem Journalismus. Als die Finanzpolizei im März 2014 das Schloss des Künstlers Hermann Nitsch durchsuchte, war ein FPÖ-TV-Kamerateam dabei. Woher die Information kam? Die Partei berief sich auf das Redaktionsgeheimnis.

Zu sehen sind viele Interviews mit Heinz-Christian Strache, seinem Wiener Statthalter Johann Gudenus oder dem Bundespräsidentschaftskandidaten Norbert Hofer. Dazwischen fangen die Reporter bei Straßenbefragungen Empörung über die altbekannten Feindbilder ein.

Die Sendung ist ein Werkzeug zur schleichenden Radikalisierung der Sprache und des Denkens. Den Zusehern wird mit drastischen Worten eine einfache Welt vermittelt, die in Gut und Böse, in Freund und Feind aufgeteilt ist. Jede Komplexität wird vermieden, für alles ein klarer Schuldiger benannt. Es wird die eigene Klientel bedient, und es werden Feindbilder geschürt.

"Jörg Haider musste noch zusehen, wie er Leute im ORF unterbringt"

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 13 vom 17.03.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Als "erstes und einziges objektives Fernsehen" bejubelte ein freiheitlicher Sprecher den Start des hauseigenen Nachrichtenkanals: "Das Warten hat ein Ende." Abwägung, Einordnung, Differenzierung sucht man in den Beiträgen vergeblich. Kriminelle Ausländer, Barackenlager für "Asylanten" in Wien und immer wieder die "Völkerwanderung" werden thematisiert, vieles davon verzerrt oder falsch dargestellt. Doch Korrekturen dringen nicht vor. Die eigenen Sympathisanten werden in dieser Blase vor anderslautenden Meinungen geschützt. Zitate von politischen Mitbewerbern kommen nur indirekt vor, illustriert von unvorteilhaften Porträts. Dafür erklären anschließend Vertreter der FPÖ, warum Rot-Grün versagt habe oder wie der "Genderwahn" die Erziehung der Kinder gefährde.

Der Kampf um die Aufmerksamkeit in Zeitungen und Fernsehen ist hart und wird von allen Parteien mit viel Aufwand betrieben. Die FPÖ kann darüber zunehmend lächeln. Sie entscheidet selbst über Inhalte, Gewichtung und Sendezeit. "Jörg Haider musste noch zusehen, wie er Leute im ORF unterbringt", sagt Fritz Hausjell, Professor für Publizistik an der Universität Wien. "Er hatte noch nicht die Möglichkeiten eines Heinz-Christian Strache, der jederzeit ungefiltert seine Botschaften an ein großes Publikum richten kann."

Früher, in vordigitalen Zeiten, waren öffentliche Debatten eine oft abgehobene Diskussion zwischen Politikern und Journalisten. Mittlerweile kann jeder mit einem Internetanschluss daran teilhaben. Und die Politik ist immer weniger auf Medien als Torwächter der öffentlichen Aufmerksamkeit angewiesen. Konsequenterweise blieben Anfragen an die FPÖ zum Thema unbeantwortet.

Dabei sind alternative Medien im rechten Eck keine neue digitale Erfindung. Schon Mitte der neunziger Jahre, als Parteizeitungen längst keinen mehr interessierten, gründete der FPÖ-Politiker Andreas Mölzer die rechtskonservative Wochenzeitung Zur Zeit, die sich bis heute als Gegenpol zum Mainstream sieht. In der Debatte um die vermeintliche Lügenpresse sieht der frühere EU-Abgeordnete eine große Chance für sein Blatt. Auflagenzahlen möchte er nicht nennen, aber: "Wir merken schon eine verstärkte Nachfrage."

Zwischen Infobeiträgen werden die Zuseher zu Aktionen aufgerufen

Mit der Reichweite der Netzwerkmedien können die klassischen Blätter des rechten Spektrums nicht mithalten. Über 37.000 Menschen folgen allein der Plattform unzensuriert.at auf Facebook, die im Rhythmus eines professionellen Nachrichtenportals Meldungen am laufenden Band produziert. Es finden sich dort Berichte über vermeintlichen Asylmissbrauch, Lobpreisungen auf die Politik Viktor Orbáns, Meldungen über vermeintliche "Sex-Attacken" auf Kinder in Schwimmbädern oder ein Videobeitrag, der zeigen will, wie die Familie Rothschild angeblich von der Unterbringung von Asylwerbern profitiert habe. Hinter dem Onlineportal steht die 1848 Medienvielfalt Verlags GmbH., Geschäftsführer ist Walter Asperl, früher Büroleiter von Martin Graf.

FPÖ-TV wird direkt von der Partei und dem Parlamentsklub produziert. Als Moderatoren treten unter anderem Elisabeth Ullmann, Abgeordnete im Wiener Gemeinderat, und Petra Steger, Nationalratsabgeordnete und Tochter des früheren Parteichefs Norbert Steger, auf. Zwischen den Infobeiträgen werden die Seher auch zu Aktionen aufgerufen: Jede Woche solle gegen die Regierung demonstriert werden, donnerte Parteichef Strache bei einer Rede Anfang des Jahres, die in der Sendung ausführlich gezeigt und kommentiert wurde. Dazu gesellen sich Gesinnungsgenossen aus dem Ausland: Die Chefin der AfD, Frauke Petry, war ebenso bereits zum Interview geladen wie der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders.

Die Wiener Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl verfolgt die konservativ-nationale Medienszene und hat zuletzt zwei Bücher über neue rechte Bewegungen und deren Strategien veröffentlicht. "Die Welt, die diese Medien darstellen, befindet sich immer im Ausnahmezustand. Es herrscht Krieg, den man gegen die bösen Linken, gegen die Flüchtlinge und andere gewinnen muss", sagt sie. Die Flüchtlingsdebatte komme gelegen, denn Asylwerber könnten als Belastung dargestellt werden. "Jeder Einzelfall wird kollektiviert und steht stellvertretend für alle anderen", sagt Strobl, die auch Sprecherin der Offensive gegen Rechts ist.

Aber welches Publikum lässt sich damit überhaupt erreichen? "Einerseits lassen sich bestehende Wähler mobilisieren und andererseits erreicht man auch jene, die sich etwa wegen des Flüchtlingsthemas von ihrer bisherigen Partei verabschieden wollen", sagt der Publizistikprofessor Fritz Hausjell.

Eine mediale Parallelgesellschaft sieht aber selbst der frühere FPÖ-Politiker und Zeitungsgründer Andreas Mölzer kritisch: "Es besteht die Gefahr, dass sie von der Wirklichkeit abgekoppelt ist und sich mit ihr nie eine Mehrheit erreichen lässt."