Was für Autoren! Karen Duve und Maxim Biller, Heinz Strunk, und Schorsch Kamerun. Mit Büchern über, mit, aus, von, gegen Hamburg!

Sicher bedeutet das einen frischen Blick auf das Gemeinwesen, dachte man kulturpatriotisch erregt. Literatur jenseits der Mittelalterromantik von Petra Oelker (nein, nein, sie macht das schon gut, dieses Name der Rose-meets- Störtebeker-Ding, aber muss man davon 20 Fortsetzungen haben?), weitab von der Lifestyle-Dichtung von Kürthys, in der sogenannte Powerfrauen Schokolade essen und sich dabei subversiv fühlen.

In vier viel besprochenen Werken, so die Hoffnung, wird die Stadt im Brennspiegel des literarischen Intellekts neu erstehen, schärfer, präziser konturiert. Die Bücher:

Karen Duve: Macht

Spielt im Jahr 2031, Olaf Scholz ist Kanzler, in Hamburg hat sich aufgrund der Erderwärmung ein ökofaschistisches Regime etabliert. Man hasst CO₂ und das andere Geschlecht. Männer und Frauen sind Todfeinde geworden.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 13 vom 17.3.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Heinz Strunk: Der goldene Handschuh

Hamburg in den Siebzigern. Der Gelegenheitsarbeiter und Alkoholiker Fritz Honka flutet sein Leben mit Schnaps in der titelgebenden Kneipe und ermordet vier vom Leben schlimm zerbeulte Frauen.

Schorsch Kamerun: Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens

Der Erzähler durchleidet eine Jugend in Timmendorfer Strand und verlegt sich in Hamburg aufs Subkulturell-Werden. Hierbei erweist sich die Gründung eines Clubs namens Golden Pudel als hilfreich.

Maxim Biller: Biografie

Die Geschichte von Soli und Noah, zwei Freunden, die in Hamburg aufwachsen und von dort aus die Welt unsicher machen: Los Angeles, Prag, Tel Aviv – überall Sexskandale und/oder Familiendramen, auch weil Noahs Vater als mutmaßlicher Geheimagent enttarnt werden muss.

Mit einer Mischung aus narzisstischer Bestätigungsgier und Vor-Ort-Checkertum ging man also ans Werk. Man justierte die Optik auf vier bewährte Hamburg-Themen – Wetter, Stadtbild, Medien und gute Gesellschaft – und las los.

1. Wetter

Das Wetter ist immer scheiße in diesen Büchern. Sorry, dass man das jetzt so hinschreibt, literaturkritisch akkurat müsste es heißen: Die meteorologische Darstellung in diesen Texten entspricht einem über die Jahrzehnte etablierten Standard. Aber man war eben enttäuscht.

Bei Strunk regnet es pausenlos, "seidenweicher Regen", "dünnste Fäden", "tropfenloser Sprühregen". Wie geht das eigentlich, kondensations- und niederschlagstechnisch, so ein Sprühen ohne Tropfen? Mach was draus, Max-Planck-Institut.

Bei Duve ist es auch nicht besser. Da gibt es Tropfen, "groß wie Kaulquappen", was bedeuten würde, dass diese Tropfen im geringsten Fall sieben Zentimeter (Kaulquappe des Grasfroschs), im äußersten Fall aber 18 Zentimeter (Knoblauchkröte) lang oder breit wären, wie auch immer sich die Autorin das vorstellt. Achtzehn Zentimeter lange Regentropfen. Keine Ahnung, warum das Lektorat da nicht eingeschritten ist.

Bei Biller beginnt eine Passage mit: "Am Morgen jenes kühlen traurigen Hamburger Sommertags". Warum reicht es nicht, dass der Hamburger Sommertag kühl ist, also weniger sommerlich als sagen wir der Bielefelder oder Osnabrücker Sommertag? Warum muss er auch noch traurig sein? Genügt es nicht, dem Hamburger Sommertag vorzuwerfen, er sei eigentlich eine Ansammlung verkappter Herbstmomente, muss man ihm auch noch eine Depression andichten?

"Am Morgen verschwanden die rauchschwadenhaften ewigen Scheißwolken über Hamburg." Auch ein Satz aus dem Biller-Roman. Heißt das, diese Wolken strömen aus einem imaginären Himmelsschlot heraus? Und warum Scheißwolken? Wegen der Farbe? Sind die Wolken braun? Riechen sie schlecht? Können Wolken überhaupt riechen? Man wird einen Experten fragen (Fallschirmspringer).