Wäre die AfD ein Waschmittel, würde ganz Deutschland auf Haßloch schauen. Die Kleinstadt im Südosten der Pfalz ist Deutschlands durchschnittlichstes Dorf – und der wichtigste Testmarkt für neue Produkte. Nur was hier gekauft wird, kommt später bundesweit in die Regale.

Tatsächlich wirkt der Ort, als hätte jemand eine Checkliste mit Deutschlandklischees abgearbeitet: Ein schmuckloses Rathaus aus den 90ern? Check. Samstags Markt von 8 bis 13 Uhr? Check. Ein Kebap-Imbiss? Check. Eine Eisdiele, eine hübsch renovierte Kirche, ein gutbürgerliches Lokal, das von einem Griechen betrieben wird? Check, check, check.

Haßloch ist Miniaturdeutschland. Weil man hier verstehen kann, wie die Deutschen ticken.

Lothar Lorch aber, der Bürgermeister von Haßloch, steht in seinem Amtszimmer im Rathaus vor einer Karte seiner Gemeinde – und versteht überhaupt gar nichts mehr. Es ist der Tag nach den Wahlen, und Lorch hält einen Zettel mit den Wahlergebnissen in der Hand. In sechs der 16 Wahlbezirke von Haßloch hat die AfD mehr Zweitstimmen erhalten als die CDU. Lorch hat sie mit neongelbem Marker angestrichen.

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Jetzt sucht der Bürgermeister auf der Karte nach den betroffenen Wahllokalen. "Das ist eine Gegend mit Einfamilienhäusern", sagt Lorch und zeigt auf ein Wohngebiet am Bahndamm. Auch die anderen Gegenden: bürgerlich, gediegen, keine Brennpunkte. Nur bei einem Straßenzug im Südwesten von Haßloch, der – zumindest für hiesige Verhältnisse – als sozial schwierig gelten könnte, kann Lorch die Ängste und den Neid nachvollziehen. Aber sonst? In Haßloch haben sie die Flüchtlinge dezentral untergebracht, in Wohnungen. Ein Flüchtlingsheim gibt es gar nicht. Die Krise findet nur im Fernsehen statt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17. März 2016.

Was sagen die Marktforscher dazu? Anruf in Nürnberg, bei den Experten der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Seit 30 Jahren beobachtet die GfK das Einkaufsverhalten der Haßlocher und zieht daraus Schlüsse für das gesamte Bundesgebiet. Die GfK hat die Haßlocher dafür nochmals feinsäuberlich sortiert: nach Haushaltsgröße, Einkommen, Alter und Schulabschluss. Nicht zu jung und nicht zu alt, nicht zu reich, nicht zu arm. Sondern exakt demografischer Durchschnitt.

Andreas Völtl von der GfK will eigentlich gar nichts zu Politik sagen. Sein Thema sind "schnelldrehende Konsumgüter": Waschmittel, Schokoriegel, Eissorten. Produkte, die ständig wieder gekauft werden. Produkte, bei denen die Hersteller bei jedem Einkauf eine neue Chance haben, weil die Kunden nicht so festgelegt sind. Und das bedeutet: Eigentlich ist fast alles außer Autos, Möbeln und Waschmaschinen ein schnelldrehendes Konsumprodukt.

"Viele Produkte, die in Haßloch getestet werden, kommen erst gar nicht deutschlandweit auf den Markt", sagt Andreas Völtl, der Marktforscher. Zu hohe Produktionskosten, zu viele Marken für einen Konzern, zu wenig Platz im Supermarktregal. Es gibt viele Gründe, warum Neuheiten sich nicht durchsetzen.

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Und die AfD? Wie verlief der Test in Deutschlands durchschnittlichstem Dorf?

18,8 Prozent der Haßlocher haben am vergangenen Sonntag die neue Partei gewählt – obwohl sie im restlichen Rheinland-Pfalz nur auf 13,3 Prozent kam. Die AfD bekam in Haßloch auch mehr Stimmen als im Wahlkreis Neustadt an der Weinstraße, zu dem Haßloch gehört.

In Miniaturdeutschland hat sich die AfD schon durchgesetzt.