Anruf in einem Hotel in Philadelphia: Hélène Grimaud ist gerade auf USA-Tournee und hat unter einem Pseudonym eingecheckt, das wir natürlich nicht verraten, sonst hätten die Stalker und Fans, die mit Stofftier-Wölfen hinter ihr her sind, leichtes Spiel. Seit ein paar Jahren lebt die 46-jährige Französin wieder in New York. Etwas weiter nordöstlich, in South Salem, liegt das Wolf Conservation Center, das sie 1999 zur Rettung wild lebender Wölfe gegründet hat. Die Musikwelt betrachtete dieses Engagement anfangs misstrauisch und tippte auf eine PR-Aktion. Längst aber spricht der Ernst für sich, mit dem Grimaud ihre Umweltschutz-Projekte vorantreibt. So war es nur eine Frage der Zeit, bis sich Schnittmengen bilden würden zwischen Kunst und Natur, musikalischen und außermusikalischen Ideen. Hélène Grimauds neue CD "Water" legt davon ein exzentrisches Zeugnis ab.

DIE ZEIT: Frau Grimaud, im vergangenen Jahr haben Sie zweimal mit dem bildenden Künstler Douglas Gordon zusammengearbeitet, in zwei spektakulären szenischen Installationen in New York und in Manchester. Jetzt machen Sie eine CD, an der auch Greenpeace Freude hätte. Trügt der Eindruck, dass die absolute Musik Ihnen auf der Bühne nicht mehr genügt?

Hélène Grimaud: Der trügt definitiv! Ich bin gestern aus Detroit gekommen, wo ich mit Leonard Slatkin und dem Detroit Symphony Orchestra beide Brahms-Klavierkonzerte gespielt habe. In Philadelphia spiele ich mit Yannick Nézet-Séguin, wieder Brahms, und der Rest der Saison besteht aus Mozart- und Bach-Konzerten. Das ist mein täglich Brot. Alles andere nimmt nur einen sehr kleinen Teil meiner Arbeit ein. Das ist ein fremdes Reich, das ich ab und zu betrete. Ich finde es enorm wichtig, dass alles Szenische so abstrakt wie möglich bleibt. Es geht nicht darum, den Zuschauern zu sagen, was sie fühlen sollen, es geht darum, eine Welt zu schaffen, die es ihnen ermöglicht, Gefühle zu erleben.

ZEIT: Dennoch könnte man auch Ihre Water-CD als Misstrauensantrag an die Musik verstehen: Die Musik scheint mehr zu brauchen als sich selbst, ein Programm oder ein ästhetisches Surplus.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17. März 2016.

Grimaud: Ich sehe das genau andersherum: Jede Partitur ist eine Art heilige Schrift, die zum Leben erweckt werden will und muss. Dieses Leben kann gar nicht prall genug sein. Ich meine nicht Parameter wie Qualität oder Quantität, die zählen auch, keine Frage. Das Wesentliche aber geht darüber hinaus. Es gibt keinen Grund, eine Partitur nicht voll auszuschöpfen. Verstehen Sie? Solange ich sorgfältig mit ihr umgehe, kann der Musik nichts passieren, sie ist immer stark. Jede Interpretation ist letztlich nur eine Deklination. Und wenn eine bildhafte, szenische oder programmatische Annäherung bedeutet, dass das Repertoire weiterlebt, ergreife ich die Chance.

ZEIT: Fürchten Sie denn, dass ein gewisses Repertoire aussterben könnte? Ihr Water-Programm versammelt Musik aus dem späten 19. und dem 20. Jahrhundert, von Albéniz über Janáček bis Takemitsu.

Grimaud: Auch mit Stücken von Liszt, Ravel und Debussy hätte man ein sehr schönes Water-Programm zusammenstellen können. Aber ich wollte Schönheit, ich wollte Vielfalt, mir ging es um die Korrespondenzen zwischen den unterschiedlichen Sprachen. Und ich wollte auf keinen Fall erzählerisch oder illustrativ werden. Deshalb mochte ich Douglas Gordons Installation tears become ... streams become... in der New Yorker Armory auch so sehr ...

ZEIT: ... einer ehemaligen Waffenhalle. Gordon setzte sie unter Wasser und platzierte Sie mit dem Flügel mitten hinein, wo Sie das Programm von Water im Dunkeln spielten.

Grimaud: Das war hochsinnlich und blieb doch abstrakt. Ich bin nicht die Retterin der musikalischen Moderne, wenn Sie das meinen, die Moderne muss man nicht mehr retten. Es geht um die Ernsthaftigkeit und Tiefe der Auseinandersetzung. Das gilt auch für Nitin Sawhney, der die Überleitungen zwischen den einzelnen Stücken komponiert hat. Er hat nicht gesagt, gib mir die Liste, ich mache das, sondern er hat überhaupt erst angefangen zu schreiben, als er mich hat spielen hören. Es ging ihm um die konkreten Tempi und Phrasierungen, um den Sound, den spezifischen Flow der Musik. Der Strom seiner Transitions trägt von der ersten bis zur letzten Nummer. Wie der Raum, wie das Licht in Douglas Gordons Installation.

ZEIT: Wasser als Quelle des Lebens und der Inspiration, klingt das nicht ein bisschen esoterisch?

Grimaud: Nach lila Latzhosen und Räucherstäbchen? Ich glaube, die moderne westliche Gesellschaft hat ein Problem mit Spiritualität. Entweder wir machen sie lächerlich, oder wir überlassen sie den Fanatikern und Fundamentalisten. Dazwischen gibt es nichts. Vor 100 Jahren war das noch anders. Wasser ist nicht nur eine Metapher, das wussten die Menschen. Für Komponisten wie Maurice Ravel oder Gabriel Fauré war Wasser eine Quelle der Inspiration, weil es die Quelle allen Lebens ist. Das eine ist vom anderen nicht zu trennen.