In einer der rührendsten Szenen in einem an rührenden Szenen wahrlich nicht armen Film führt der an einer degenerativen Schwächung des motorischen Nervensystems erkrankte Ex-Boxer, Ex-Knacki und heutige Geldeintreiber und Türsteher Herbert seine Freundin Marlene zum Tanzen aus. Das Tanzcafé Scarlett in Leipzig ist eins dieser Lokale, die aus den fünfziger Jahren übrig geblieben sind: Glitzervorhänge, Plüsch, nur alte Menschen. Die Musikbox spielt den grauenhaft sentimentalen, aber eben auch sehr anrührenden und schönen Schlager Amsterdam von Cora – der Song ist gut gewählt: Wer in den letzten zehn Jahren auf dem Gebiet der ehemaligen DDR in Kleinstadt-Diskotheken und Tanzlokalen unterwegs war, der weiß, dass dieser Song dort tatsächlich läuft und die Menschen sehr glücklich macht.

Marlene und Herbert tanzen sehr eng, sie sehen glücklich aus, sie lächelt, er flüstert ihr etwas ins Ohr, die Krankheit bringt sein riesiges braunes Jackett zum Zittern, er hält sich mehr an ihr fest, als dass er sie führt. Sie sitzen am Tisch, aus ihrem Mund fällt zum ersten Mal der Name seiner Krankheit: "ALS." Und er antwortet: "So heißt das. Meine Muskeln gehen weg. Am ganzen Körper." Cora singen: "Die Liebe hat total versagt / In Amsterdam." Die Musikbox blendet nun in den Fünfziger-Schlager Dreh dich noch einmal um des Capri-Fischer- Sängers Rudi Schuricke über, schmerzverzerrte Geigen, und der Boxer sagt die grauenhaft altmodischen, männlichen und sentimentalen Sätze: "Ich bin Boxer, Marlene. Immer gewesen. Wenn das mein letzter Kampf sein soll, dann ist das so."

Halten wir diesen Film aus, der es auf unsere Rührung, unsere Herzen abgesehen hat?

Gut vierzig Minuten sind an dieser Stelle von Herbert, dem ersten Kinofilm des jungen Leipziger Regisseurs Thomas Stuber, vergangen, einer Charakter- und Milieustudie, einer Krankengeschichte und ja, einem anderen Boxerfilm, und der Zuschauer weiß: Das hier ist definitiv nicht die Berliner Schule, das Kino des harten Sozialdramas eines Christian Petzold und Andreas Dresen, es ist aber auch meilenweit weg vom Todkranker-sucht-das-Meer-Genre, wie es mit Vincent will Meer und zuletzt wieder so erfolgreich mit Matthias Schweighöfers Der geilste Tag im Kino lief. Natürlich, man könnte an Klassiker des amerikanischen Boxerfilm-Genres, an Million Dollar Baby oder The Wrestler denken, schnell ist die Assoziation zu Fassbinders Melodramen da. Das Atemberaubende dieses Films liegt darin, wie er sein herzergreifendes Thema, die Krankheit, den körperlichen Verfall, den Schmerz und die Einsamkeit, als großes Pathos, als Schlager und großes Streichorchester der Gefühle vorführt und feiert. Herbert ist Hardcore-Sentiment, wie es im superironischen Deutschland von Circus HalliGalli, heute show und Jan Böhmermann, so dachte man, gar nicht mehr möglich ist. Mehr als einmal gerät der Film an Grenzen, an denen es rechts und links in den Kitsch, den Schwachsinn, die seichte Lüge geht. Aber komisch: Der Boxer tänzelt, er wankt, doch er stürzt nicht ab. Und wir komischen verklemmten deutschen Kinozuschauer, die wir Pathos sonst nur im deutschen Vorabendprogramm oder im amerikanischen Hollywood-Kino zulassen, müssen uns fragen lassen: Schaffen wir das? Halten wir diesen Film aus, der es auf unsere Herzen, unsere Rührung abgesehen hat, oder machen wir doch zu?

Vielleicht muss man sich ansehen, wie genau und wie fein der Regisseur Thomas Stuber und sein Co-Autor, der Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer – seine Romane und Erzählungen schrammen ebenfalls oft an der Kitschgrenze entlang, ohne jemals abzustürzen –, ihren Stoff getaktet und erzählt haben. In der ersten Einstellung hält Herbert seine tätowierten Hände unter einen Wasserstrahl. Da ist ein Zittern, der Verfall hat begonnen. Noch einmal treibt der Boxer mit dem Kampfnamen "Der Stolz von Leipzig" Geld für seinen Boss ein. Als Herbert einem Schuldner das Nasenbein bricht, "macht er Nase". Stationen des Niedergangs: Herbert klappt unter der Dusche zusammen, er kollabiert in einem Nachtclub, Gestalten der Unterwelt schlagen ihn zusammen. Am Krückstock ist er weder als Geldeintreiber noch als Türsteher, noch als Boxtrainer seines Zöglings Eddy zu gebrauchen. Die Wandlung: Als Herbert seiner Körperkraft nicht mehr trauen kann, tastet er in seinem großen, von Speck, Muskeln und Tätowierungen gepanzerten Körper nach Gefühlen. Er lädt seine Freundin zum Tanzen ein, auf dem Spielplatz lernt er seine Enkeltochter Ronja kennen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17. März 2016.

Die Hauptfigur wird von dem vor allem im Theater prominenten Schauspieler Peter Kurth verkörpert, und es ist wirklich eine Verkörperung: 14 Kilo Gewicht hat sich Kurth in Method-Acting-Manier für seine Rolle angefuttert, und er verliert diese Kilos im Laufe des Films, der chronologisch gedreht ist, bis er, der stolze Boxer, zum Ende des Films ein Wrack ist, von dessen gewaltiger Kraft nur ein Zucken der Unterlippe bleibt.

Diese grausam sentimentale Geschichte zeigt die Sprachlosigkeit eines Teils der Gesellschaft

Krankenfilme sind ein heikles Genre, der Zuschauer distanziert sich, wenn der Hauptdarsteller es nicht bringt. Bei diesem Herbert ist Distanz kaum möglich. Kurths letzter Kampf ist sein Kampf gegen den eigenen Körper. Gegen Ende verlässt die Kamera sich auf sein reduziertes Mienenspiel und verweilt auf seinem Gesicht. Wer den Kopf Peter Kurths sieht, aus dem die Angst, der Schmerz, die Einsamkeit nicht mehr rauskönnen, weil das Sprachzentrum versagt, der spürt: Das ist großes Kino.

Die Sprachlosigkeit von Herbert ist natürlich auch die Sprachlosigkeit eines Teils unserer Gesellschaft, von dem wir, allen wohlmeinenden Zeitungs- und Fernsehreportagen zum Trotz, wenig wissen. Ganz offensichtlich gehört der Held dieses Films zur dunklen Seite des Landes, dem Prekariat, jenen 16 Prozent der Bevölkerung oder 13 Millionen Deutschen, die an der Grenze zur Armut leben. Würde Herbert AfD wählen?

Der Männerfilm Herbert zeigt einen Gestrigen, der im Deutschland der Nachwendezeit noch nicht angekommen ist: Alte Boxerfilme schaut er auf VHS-Kassette, seiner Enkeltochter bespielt er Botschaften auf Musikkassetten. In einem Internetcafé, in dem er Informationen einholen möchte zu seiner Krankheit, fragt der große, hilflose Mann: "Was ist das, googeln?" Man sollte nicht lachen über diese Szenen: Die Politik begreift gerade erst so langsam, dass sie dabei ist, ganze Teile der Gesellschaft zu verlieren, die mit dem modernen Deutschland, mit Demokratie, sozialer Marktwirtschaft und Meinungsfreiheit nichts anfangen können. Und so ist Herbert, diese grauenhaft schmerzhafte und grandios sentimentale Geschichte einer Krankheit, auch ein Porträt unseres Landes.