Es sind zwei Fragen, die sofort im Raum stehen, wenn man jene Leute trifft, die sich von Berufs wegen mit der Sicherheit in Europa befassen. Wann kommt der nächste Anschlag? Und wann wird es Deutschland treffen? Die Frage nach dem "ob" scheint sich niemand zu stellen. Immer heißt es: Wann?

Das haben "Islamischer Staat" und Al-Kaida also schon geschafft: Unser Grundgefühl von Sicherheit, ja von Geborgenheit ist beschädigt. Die Bürger können sich des Schutzes durch den Staat nicht mehr sicher sein, sie müssen jederzeit mit dem Schlimmsten rechnen. Mitten in Europa. Mitten im Frieden.

Niemand findet dafür schärfere Worte als die politische Führung unseres Nachbarn Frankreich. Von "Hyperterrorismus" sprach Premierminister Manuel Valls auf der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz. "Wir befinden uns in einem Krieg, weil der Terrorismus Krieg gegen uns führt." Und Valls warnte: "Es wird weitere Anschläge geben, große Anschläge."

An vielen Fronten wird dieser Krieg gegen den IS inzwischen geführt. Eine Koalition aus sechzig Staaten hat den Kampf im Kerngebiet der Dschihadisten, in Syrien und im Irak, aufgenommen. Aber die Front verläuft auch in Westafrika, auf der Sinaihalbinsel, im Jemen, im Kaukasus, in Afghanistan – bis hin nach Bangladesch und Indonesien.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17.3.2016.

Nirgendwo jedoch rückt sie den Europäern näher als in Libyen. Dort hat sich der IS an der Mittelmeerküste in der Stadt Sirte festgesetzt. Wie die Zeitung Le Monde enthüllte, sind französische Eliteeinheiten inzwischen in Libyen im Einsatz. Auch britische und amerikanische Spezialkräfte führen dort einen geheimen Krieg.

Mehrfach schon haben die USA Ziele in Libyen aus der Luft bombardiert. Im Februar kamen bei einem Angriff auf ein Ausbildungslager des IS westlich von Tripolis 41 Menschen ums Leben. Unter ihnen war nach Angaben des Pentagon auch der IS-Führer Noureddine Chouchane, ein Tunesier, dem mehrere verheerende Anschläge in seinem Heimatland zur Last gelegt werden.

Wie gelang es dem IS, so schnell so nahe zu Europa Fuß zu fassen?

Am 29. Juni 2014 war aus dem "Islamischen Staat im Irak und in der Levante" (Isil) der "Islamische Staat" (IS) geworden. Im November desselben Jahres verkündete die Terrormiliz die Gründung ihrer ersten "Provinzen": auf der Sinaihalbinsel, in Algerien, Libyen, Saudi-Arabien und im Jemen. Es scheint, sagt Nelly Lahoud vom Mittelost-Büro des Londoner Internationalen Instituts für Strategische Studien (IISS) in Bahrain, als sei dieser Schulterschluss lange geplant gewesen. "Es muss zuvor Verhandlungen zwischen dem IS und schon existierenden Gruppen in diesen Ländern gegeben haben, denn sie alle haben IS-Führer Abu Bakr al-Bagdadi am selben Tag die Treue geschworen."

Der globale Machtanspruch des IS war damit angemeldet: Vom Irak und von Syrien aus wollen die Dschihadisten die gesamte muslimische Welt unter der Herrschaft des "Kalifats" versammeln. Bis heute hat der IS 41 "Provinzen" in 14 Ländern proklamiert: in Saudi-Arabien (drei Provinzen), im Jemen (acht), in Usbekistan, Tunesien, Ägypten (zwei, darunter Sinai), Libyen (drei), im Irak (zwölf), in Syrien (sieben), in Dagestan/Tschetschenien, Afghanistan/Pakistan, Westafrika (Boko Haram) und in Algerien.

In den meisten Fällen wurden die "Provinzen" als Anerkennung für mörderische Anschläge ausgerufen. Lokale Terrorgruppen unterstellten sich dem IS und schworen dem "Kalifen" Al-Bagdadi Gefolgschaft. Sie agieren aber weiterhin unabhängig von den IS-Zentralen in Rakka oder in Mossul. Boko Haram etwa, sagen Geheimdienstler, mache in Nigeria und den Nachbarländern "sein eigenes Ding".

Terrorismus - Die Propagandavideos des "Islamischen Staats" Die Terrororganisation "Islamischer Staat" verfolgt zwei Ziele mit ihren aufwändig produzierten Propagandavideos: Rekrutierung und Abschreckung. Yassin Musharbash analysiert einige Beispiele.