Julian Prégardien, Tenor der betörend zarten Töne, macht sich auf, dem Mainstream die Stirn zu bieten. Gemeinsam mit ein paar speziellen Freunden hat er nun eine Schubertiade realisiert: mit dem hochklassigen Gitarristen Xavier Díaz-Latorre, dem Traversflötisten Marc Hantaï und einem Gambisten auf dem historischen Instrument Baryton, das zwischen Bratsche und Cello im wahrsten Wortsinne schwebt, wenn man es so anrührend spielt wie Philippe Pierlot. Zu Schuberts Zeit war eine solche Besetzung nicht nur Mode, sondern beliebt, weil sie die Musikausübung unabhängig machte vom immobilen Klavier. Allerorten konnte man so um die Stimme herum launig-improvisatorisch, volkstümlich-tänzerisch Musik machen – und eben traurig-froh: wofür dann Schubert sorgte. Für die Zwischentöne.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17. März 2016.

Was uns erwartet? Wohlbekannte wie wenig geläufige Schubert-Gesänge, durchsetzt von kleinen instrumentalen Intermezzi aus Tänzen oder dem liebenswerten Notturno von Matiegka , das Schubert bearbeitete; auch Tänzerisches aus der späten G-Dur-Klaviersonate (D 894), was ein wenig gewöhnungsbedürftig klingt. Zwar wird nur manchmal über der Gitarre das fehlende Klavier, Schuberts Instrument, vermisst. Kaum bei den leichteren Liedern; beim Wellenspiel der Klavierbegleitung von Auf dem Wasser zu singen allerdings irritiert das Streichinstrument das Schubertsche Transzendieren, bei Lachen und Weinen gar verhindert die Flöte dasselbe. Und so beginnt man die Arrangements, meist aus der Feder der Interpreten, zu hinterfragen. Schubert scheint sich diesem Ensemblespiel vorsichtig zu entziehen, bei Goethes Harfner- Gesängen etwa – nicht zuletzt durch die viel zu harmlosen instrumentalen Improvisationen zwischen den Stücken. Schmerz bereitet bei Auf dem Strom von 1826 das Fehlen des originalen obligaten Horns – unersetzlich, weil gleichsam aus der "anderen Welt" her tönend, wohingegen die Baryton-Version eher ins Behagliche rutscht. Das ist überhaupt der schmale Grat dieser Schubertiade: dass sie Tragisches und Kritisches bei Schubert wie aus Versehen dann und wann unterspielt – allerdings durchaus meisterhaft.

Verzichtbar sind die von Prégardien allzu elaboriert gesprochenen Texte aus poetischen Dokumenten der Schubert-Freunde und Zitaten aus Härtlings (1992) wie Stegemanns (1996) fiktionalen Schubert-Bildern, die schlichtweg zu überholt sind. Den Ohrenschmaus für zartbesaitete Hörerschaften mindert das kaum.

Julian Prégardien: Schubertiade (myrios classics)