KinderZEIT: Wenn Sie sich zwischen einem neuen iPad und einem 30 Jahre alten Computer entscheiden müssten – was würden Sie wählen?

Stefan Höltgen: Den alten Computer!

KinderZEIT: Wieso?

Höltgen: Weil man den viel besser erforschen kann. Ein iPad kriegt man nur mit einem speziellen Schraubenzieher auf und macht es dabei leicht kaputt. Innen drin ist alles sehr dicht zusammengepackt. Einen alten Computer kann man leicht aufschrauben – natürlich nicht, wenn er am Strom angeschlossen ist! Drinnen sind Strukturen und Bauteile zu erkennen. Wenn man sich damit beschäftigt, kann man lernen, wie das Gerät funktioniert.

KinderZEIT: Die meisten Menschen würden sofort das iPad nehmen.

Höltgen: Mag sein. Doch mir begegnen erstaunlich viele, die es als eine Art Sport betrachten, aus alten Geräten irre Leistungen rauszuholen. Sie programmieren zum Beispiel das Handyspiel Flappy Bird um und bringen so dem Vogel bei, auf einem alten Rechner durch ein Labyrinth zu fliegen. Für sie ist das ein richtiges Hobby.

KinderZEIT: Für Sie ist das ein Beruf. Was genau machen Sie als Medienarchäologe?

Höltgen: Wer denkt, dass ich Medien ausbuddele, den muss ich enttäuschen: Ich beschäftige mich mit der Technik, die in alten Geräten steckt. Mich interessiert, wie Wissen gespeichert, verarbeitet und übertragen wurde. Dafür ist es zum Beispiel spannend, sich die frühen Fernseher noch mal anzusehen, die 60 Jahre alt sind. Wie hat ein Fernseher das Bild damals hergestellt? Neue Geräte sind für mich ebenfalls interessant. Wie funktionieren Computerprogramme? Hat es etwas Ähnliches schon früher gegeben?

KinderZEIT: Den meisten Leuten ist die Technik hinterm Bildschirm ziemlich egal. Sie wollen zum Beispiel eine Spiele-App anklicken – und los geht’s.

Höltgen: Dabei lernen sie aber auch etwas. Man macht beim Computerspielen mehr, als man denkt.

KinderZEIT: Was denn?

Höltgen: Man lernt das Programm immer besser kennen. Vielleicht findet man zum Beispiel einen Trick, der nicht im Handbuch des Spiels steht. Das ist kein technisches Wissen, aber man erforscht die Programme durchs Ausprobieren. Das ist total hilfreich für andere Dinge, die man am Computer erledigen will.

KinderZEIT: Oft daddelt man aber einfach nur herum. Nehmen wir ein Spiel wie Candy Crush, das kennt fast jeder vom Handy.

Höltgen: Das stimmt, das Spiel ist ein richtiger Zeittotschläger, viele Leute spielen es, um etwa eine Busfahrt zu überbrücken. Man bringt bunte Steinchen in eine bestimmte Reihenfolge, damit sie verschwinden. So ähnlich war früher Tetris. Wenn man darüber nachdenkt, was man dabei tut, erkennt man vielleicht: Bei beiden Spielen geht es darum, den Bildschirm frei zu bekommen, damit sich nichts anhäuft. Das ist ja wie bei einem vollen Schreibtisch. Wir fühlen uns wohler, wenn der frei und aufgeräumt ist.

KinderZEIT: Wenn man mit den Eltern streitet, ob man am Computer spielen darf, sollte man also einfach sagen: Ich übe aufräumen?

Höltgen: Gute Idee! Und am besten erklärt Ihr Euren Eltern auch, was Ihr für Spiele spielt, wie sie funktionieren und warum sie Spaß machen.

KinderZEIT: Was spielen Sie gern?

Höltgen: Minecraft schätze ich sehr. Denn da daddelt man nicht einfach nur, läuft herum, schießt oder sammelt Dinge. Es geht darum, etwas zu bauen. Man kann neue Konstruktionen und Strukturen anlegen. Ein bisschen wie beim Lego-Spielen und beim Programmieren.