Anfang der vergangenen Woche hat die Hamburger Innenbehörde ihre Polizeistatistik für das Jahr 2015 vorgelegt. Seither gibt es eine Debatte über ein "Zehn-Jahres-Hoch" der Kriminalität. Dieses Hoch will die CDU erkannt haben, aber die Steigerung ist eigentlich keine. Sie ist im Kern die Summe kleiner Veränderungen durch Bevölkerungswachstum und flüchtlingstypische Vergehen gegen die Bestimmungen des Aufenthaltsrechts.

Die wirkliche Überraschung und damit eine zutiefst beunruhigende Entwicklung, ist etwas anderes, weitaus Komplizierteres. Es geht um die sogenannte Tatverdächtigenbelastungszahl – etwas verkürzend gesagt: ein Maß für Kriminalität. Diese Kennzahl ist für Ausländer in den vergangenen vier Jahren rasant angestiegen. Für nicht deutsche Jugendliche und junge Erwachsene hat sie sich in dieser kurzen Zeitspanne verdoppelt.

Der kriminelle Ausländer – dieses Klischee ist in den vergangenen Jahrzehnten mit so viel falscher Bedeutung aufgeladen worden, dass selbst der korrekte Gebrauch der Formulierung einer Erklärung bedarf. Es geht hier nicht um Hamburger mit Migrationshintergrund. Ausländische Wurzeln hat hier inzwischen nahezu jeder Dritte, und dass die Zahl der Straftaten insgesamt trotz echter Krimineller aus dem Ausland nicht nennenswert gestiegen ist, liegt ganz offensichtlich auch daran, dass die Kriminalitätsbelastung der Deutschen – einschließlich derjenigen mit Migrationshintergrund – seit Jahren kräftig sinkt. Das ist ein Erfolg sowohl der zugewanderten Bürger selbst, die sich in der Mehrheitsgesellschaft hocharbeiten. Und es ist auch ein Erfolg der Integrationspolitik, die sich seit Jahren um Schulabschlüsse und Berufsübergänge für Benachteiligte bemüht.

Die kriminellen Ausländer, um die es in der Polizeistatistik geht, sind einfach zu erkennen – daran, dass sie keinen deutschen Pass besitzen. Ein nennenswerter Anteil dieser Gruppe, das jedenfalls legt die Kriminalstatistik nahe, ist in den letzten Jahren zusehends häufiger in Straftaten verwickelt.

Dies ist der Punkt, an dem die Debatte beginnen muss. Diskutiert werden muss nicht nur über mögliche Ursachen, sondern zunächst über das Phänomen selbst: Stimmt das wirklich? Gibt es wirklich eine steigende Anzahl krimineller Ausländer in Hamburg?

"Letztlich wissen wir nur von 2,6 Prozent der Täter, wer sie sind", sagt ein Kriminologe

Der erste Einwand kommt aus der Kriminalwissenschaft. Dirk Baier, Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention der Uni Zürich und Mitautor einer neuen Untersuchung über Einbruchdiebstahl in deutschen Großstädten, weist am Beispiel von Einbrüchen auf gewaltige Wissenslücken hin. Der weitaus größte Teil der Eigentumsdelikte geschieht, wie die Wissenschaftler formulieren, in einem Dunkelfeld: Über die Täter kann man nur Vermutungen anstellen – und ein Tatverdächtiger in der Polizeistatistik ist etwas völlig anderes als ein verurteilter Täter.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 13 vom 17.3.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Nur ein kleiner Teil der Eigentumsdelikte wird aufgeklärt, mangels Beweisen wird nur eine Minderheit der polizeilich ermittelten Verdächtigen angeklagt, und von den Angeklagten wird, ebenfalls mangels Beweisen, nur eine Minderheit verurteilt. "Letztlich", schreibt Baier, "wissen wir nur von 2,6 Prozent der Täter, wer sie sind."

Was, wenn die Vermutung falsch wäre, die übrigen 97,4 Prozent seien von der gleichen Sorte? Was, wenn womöglich die Art der Ermittlungen, ausgehend von Vorurteilen oder falschen Hypothesen, den Blick der Kriminalisten auf eine nicht repräsentative Teilgruppe lenkt?

Über diesen Punkt allerdings führt der Einwand nicht hinaus.