Kinder im Flüchtlingslager Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze © Lousia Gouliamaki/AFP/Getty Images

Unlängst auf einer Veranstaltung zur Offenen Gesellschaft im Deutschen Theater in Berlin meldete sich eine 17-jährige Schülerin. Sie wundere sich, sagte sie, was "die Älteren" alle für eine Panik hätten wegen der Flüchtlinge. "Ich sag denen: Hey, Leute, das ist jetzt einfach ’ne neue Phase, das ist nichts Schlimmes!" Ein guter Satz. Moderne Gesellschaften bekommen ihre Modernisierungsimpulse nicht von innen heraus. Denn im Innenraum sitzen ja die, die sich in den Verhältnissen gut eingerichtet haben und an nichts so wenig interessiert sind wie an Veränderung.

Warum hat sich der Kapitalismus seine ganze Geschichte hindurch modernisiert, woher rührt seine im Vergleich zu anderen Wirtschafts- und Gesellschaftsformen ungeheure Modernisierungsfähigkeit? Er hat gewissermaßen einen eingebauten Dynamo in Gestalt von geopolitischen Wandlungsprozessen, natürlichen und politischen Katastrophen, aufbegehrenden Gruppen, was ihn beständig zu Modernisierungen zwingt, zu denen Marktmechanismen allein nicht führen. Zur Modernisierung moderner Gesellschaften braucht es Impulse durch soziale Bewegungen, die die kapitalistische Welt nicht nur gerechter, sondern auch überlebensfähig machen.

Nur ein Drittel der Jugendlichen möchte die Zuwanderung begrenzen

Die Frage nach flüchtenden, aus- und einwandernden Menschen ist eine Frage von epochaler Bedeutung. Sie wird für die nächsten Jahrzehnte bestimmend bleiben und ist damit viel zu groß, zu wichtig und zu ernst, als dass man sie nach den Freund-Feind-Bedürfnissen von Männern diskutieren könnte, die nicht mehr so recht in die Zeit passen. Sich vor "Überrollung" und "Flutung" zu fürchten, wie es Peter Sloterdijk tut (ZEIT Nr. 11/16), ist in einer multipolaren Welt mit ökologischen und wirtschaftlichen Ungleichheiten von gestern. Man würde sich von Denkern wie ihm und Rüdiger Safranski gerne mehr Frische und mehr Mumm wünschen und vor allem mehr Beherztheit. Wie viel könnten sie dabei von den Jüngeren lernen! Die Shell-Jugendstudie vom vergangenen Jahr fragte junge Menschen nach ihrer Haltung zur Zuwanderung. Noch nie zeigten sich die 15- bis 24-Jährigen so aufgeschlossen wie heute: Nur noch etwas mehr als ein Drittel der Jugendlichen wünscht sich, dass sich die Zuwanderung verringert. Vor zehn Jahren wollten das noch 58 Prozent. So schnell verändert sich die Welt. Und im selben Jahrzehnt ist zugleich das Politikinteresse bei den 15- bis 24-Jährigen von 39 auf 46 Prozent gestiegen.

Man sollte diese Werte in Beziehung zu jener sozialen Bewegung setzen, der man das unpolitische Wort "Willkommenskultur" angeheftet hat. Im vergangenen Spätsommer betrachtete eine Bevölkerungsmehrheit die "Flüchtlingsfrage" ganz und gar phobiefrei. So trieb sie die Politik im Modus der gelebten Verantwortungsübernahme vor sich her. Obwohl Politik und Medien beständig argwöhnten, dass "die Stimmung kippt", gab die Mehrheit unverdrossen zu Protokoll, dass sie für die Aufnahme von Flüchtlingen sei. Man kann dieses unglaubliche praktische Engagement in der Flüchtlingshilfe als Sternstunde der Demokratie und der offenen Gesellschaft würdigen. Doch die mediale und politische Optik fokussierte sich in äußerster Detailverliebtheit auf erstens "Probleme" und zweitens "Rechtsextreme". Und beides wurde dabei in der Ökonomie der Aufmerksamkeit ebenso aufgewertet, wie es die atemberaubende Demokratiefähigkeit der Mehrheit abwertete.

Wenn man wohlwollend ist, nimmt man an, dies sei absichtslos geschehen. Doch die rasante begriffliche Aufrüstung von Cicero bis FAZ lässt daran leider zweifeln. Sie hat den Diskurs über eine große gesellschaftliche Herausforderung immer weiter hysterisiert. Statt mit der normativen Kraft des Faktischen haben wir es mit einer normativen Kraft des Fiktiven zu tun. In Staaten wie dem Libanon ist jeder Fünfte ein Flüchtling. Jordanien gibt ein Viertel seines Staatshaushaltes für Flüchtlingshilfe aus. In Deutschland ist nicht mal jeder Vierzigste ein Flüchtling, und die Staatsausgaben für Zuwanderer liegen im niedrigen einstelligen Bereich. Trotzdem konstatieren Kommentatoren "Staatsversagen". So hält das völlig fiktive Bild eines kollabierenden und überrannten Landes dafür her, harte Maßnahmen zu fordern. Wer hier die öffentliche Ordnung kollabieren sieht, redet wohlgemerkt von Deutschland im Jahr 2016 und nicht von Syrien, Afghanistan oder Somalia. Nicht die Realität, sondern Übertreibung und Phantasma begründen die immer stärkere begriffliche Aufrüstung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17.3.2016.

Jede gesellschaftliche Herausforderung ging und geht einher mit Umbrüchen und mit Überforderungen. Und immer wieder gibt es Menschen, die das Gefühl haben, "nicht mehr mitzukommen". Das produktiv Verstörende hat die Überforderten noch immer gegen jeden Modernisierungsschub wettern lassen. Die Geschichte der Frauenbewegung, die Initiative zur Abschaffung der Sklaverei oder die blutigen Querelen im Kampf um humane Arbeitsbedingungen geben davon beredtes Zeugnis. Stets wurden von ihren Gegnern der Verfall der Sitten und eine Katastrophe mit unabsehbaren Folgen konstatiert. Am Ende aber hat jede soziale Bewegung das Leben in unserer Gesellschaft lebenswerter gemacht.

Die Migrationsbewegung, die wir derzeit erleben, ist keine sozialrevolutionäre Vereinigung. Aber sie ist eine Herausforderung an unsere kapitalistische Gesellschaft, die neue Impulse setzt, weil sie zum Umdenken zwingt. Weil sie uns dringlich vorführt, was wir alle wissen: wie unfair die Chancen auf ein erfülltes Leben in der Welt verteilt sind. In diesem Bewusstwerden von Unfairness liegt ihr gesellschaftlicher Sprengstoff. Wie früher die Sklaverei, die Frauenfrage oder die Arbeiterfrage haben wir die ungleiche Verteilung von Ressourcen und Lebenschancen lange als naturgegeben betrachtet. Aber sie ist ebenso wenig naturgegeben wie einst die Rolle der Sklaven, der Frauen oder der Arbeiter. Die weltweit wachsende Zahl von Flüchtlingen ist eine soziale Tatsache, und das 21. Jahrhundert zwingt uns, sie ernster zu nehmen als zuvor.