© Andreas Meier/Reuters

Die Kappeler Milchsuppe von 1529 hat mich zeitlebens fasziniert. Die Geschichte, die davon erzählt, wie Innerschweizer und Zürcher gemeinsam eine deftige Suppe löffelten, anstatt sich in einem Bruderkrieg die Köpfe einzuschlagen. Sie steht für die Vernunft, den Pragmatismus und die Konsensfähigkeit der Schweizer. [Ich hoffe, Professor Thomas Maissen wird mir wenigstens diesen historischen Mythos unbeschädigt lassen ... (ZEIT Nr. 50/14)]

Heute brauchen wir ein neues Suppenmahl. Denn die politische Atmosphäre in der Schweiz ist vergiftet. Das hat uns die Abstimmung über die Durchsetzungsinitiative gezeigt. Für einmal haben diejenigen, die normalerweise gewinnen, verloren – und ich finde das gut so. Wenn immer nur die gleichen gewinnen, dann ist die Demokratie in Gefahr.

Aber die Siegestrunkenheit der Gewinner geht zu weit. Die Aussage etwa, das Abstimmungsergebnis sei ein "Erfolg der Anständigen über die Unanständigen" ist so unglücklich wie unnötig stillos. Die Behauptung, am 28. Februar hätten jene Kräfte gewonnen, welche die Zivilgesellschaft vertreten würden, ist anmaßend – und soziologisch falsch. Bei nüchterner Betrachtung hat das Schweizer Establishment – Bundesrat, Behörden, Richter, Verwaltung, Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften – Erfolg gehabt. Dank einer satten Mehrheit des Stimmvolkes. Gratulation! Aber anstatt anzumerken, dass das Volk mündig gewesen sei – das Volk ist immer mündig, selbst wenn es gegen den Bundesrat stimmt –, hätte Frau Sommaruga ihm für die Unterstützung danken sollen.

So oder so: Das Nein zur Durchsetzungsinitiative ermächtigt die Sieger nicht, das Unbehagen in breiten Teilen der Bevölkerung zu ignorieren. Diese Bürger haben das Gefühl, dass die Behörden ihren Belangen nicht ausreichend Rechnung tragen, dass sie ihre Abstimmungsbeschlüsse nicht genügend ernst nehmen. Wieso können Asylbewerber aus Eritrea nach Hause in die Ferien fliegen? Wieso bleibt der Bundesrat nach der Masseneinwanderungsinitiative zwei Jahre lang beinahe untätig? Wieso hat das Bundesgericht, gegen den Beschluss der Tessiner Behörden, einen schwer vorbestraften kolumbianischen Nachtclub-Betreiber ermächtigt, bei uns zu bleiben?

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 13 vom 17.03.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Die Tessiner und mit ihnen 41 Prozent der Schweizer haben am 28. Februar nicht "unanständig" abgestimmt, sondern ein Ja in die Urne gelegt, weil sie die Nase gestrichen voll haben. Und das Establishment, das für einmal gewonnen hat, wäre sehr gut beraten, diesen Ärger nicht einfach beiseitezuwischen.

Klar, unser Land hat schon schlimmere Zeiten erlebt, aber die Weltsituation ist besorgniserregend. Harte Zeiten warten auf uns. Ich denke dabei nicht an die bilateralen Verträge oder den starken Franken, sondern an viel größere Zerwürfnisse. Die Überproduktion an Öl. Der Konflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Iran. China droht eine Konjunktur-Landung. Die Emerging Markets wie Russland, Brasilien, Türkei stecken in der Krise. Europa sieht sich mit unzähligen epochalen Problemen konfrontiert: Migration, Wirtschaftsflaute, Schulden und Arbeitslosigkeit.

Für die Schweiz heißt das: zusammenstehen, um unsere gemeinsamen Interessen verteidigen zu können. Simonetta Sommaruga sollte zu einem Versöhnungsmahl nach Bern laden, um die giftige Atmosphäre zu entspannen. Die Bundesrätin ist intelligent, engagiert und gewissenhaft. Nun aber sollte sie mal etwas Herz zeigen und ihre Anhänger wie Gegner mit ihrer Beweglichkeit überraschen. Das macht Politiker von großer Statur aus.

Nächste Woche in unserer Kolumne "Nord-Süd-Achse": Die Basler SP-Ständerätin Anita Fetz