Das polnische Dorf Piotrowice ist ein Idyll aus Einfamilienhäusern und Blumengärten, so verschlafen, dass man am liebsten an eine der Türen klopfen möchte, um drinnen ein Nickerchen zu machen. Wäre da nicht das Geheimnis, das dem Rentner Adam Walewski keine Ruhe lässt. Für gewöhnlich weiß Adam genau, was sich in seinem 600-Seelen Dorf, etwa 30 Kilometer südlich von Warschau, abspielt. Nur was es mit den rätselhaften Asiaten auf sich hat, die auf den Feldern des Tomatenzüchters Tomasz Kociszewski arbeiten, hat er nicht herausfinden können. Adam, der seinen echten Namen aus Vorsicht nicht in der Zeitung lesen mag, ist mit seiner Neugierde nicht allein, viele im Dorf rätseln, was sich hinter den hohen Mauern der Tomatenfarm abspielt. Sprechen sie darüber, fällt oft der Satz: "Es ist wie im Arbeitslager."

Nun könnte man Adam und die anderen Dorfbewohner als übereifrige Bürger abtun, die nichts Besseres zu tun haben, als sich in die Angelegenheiten eines Nachbarn einzumischen. Gäbe es da nicht diesen schrecklichen Verdacht: dass es sich bei den Arbeitern auf Kociszewskis Farm um nordkoreanische Zwangsarbeiter handelt.

Dass Nordkorea seine Bürger zur Zwangsarbeit ins Ausland schickt, ist bekannt. Immer wieder wurde das Thema angesprochen, von den Vereinten Nationen, von Menschenrechtsgruppen und von geflohenen Nordkoreanern, die selbst zur Arbeit gezwungen wurden. Nordkoreanische Arbeiter fällen Bäume in Sibirien und China, bauen Häuser und Straßen in Kuwait und Oman, schuften in Libyen und Angola.

Doch in Polen? Einem Land mitten in der EU?

Adam ist ein Mann von etwa 65 Jahren, er trägt einen braunen, ausgewaschenen Pullunder und fährt mit einem Fahrrad durchs Dorf, das so rostig ist, dass es wahrscheinlich sicherer wäre zu laufen. Adam ist in Rente, Adam hat Zeit. Und so hat er seine Nachforschungen beim Tomatenzüchter Kociszewski, der Adams Nachbar ist und den er einen "guten Bekannten" nennt, mit Bedacht angestellt, um "ihm ein bisschen nachzuspionieren".

Adam kann sich nicht mehr genau erinnern, wann er die geheimnisvollen Arbeiter zum ersten Mal auf Kociszewskis Tomatenfeld sah. Das Feld liegt ein wenig außerhalb, jenseits von Kociszewskis Gewächshäusern, die von hohen Mauern umgeben sind. Es ist mit Stacheldraht umzäunt, davor steht ein einsames Dixi-Klo. Die Asiaten, sagt Adam, liefen in Zweier- oder Dreierreihen über Kociszewskis Feld, manchmal kämen sie auch in größeren Gruppen, um Tomaten zu pflücken. "Sie sind sehr jung, und die meisten sind Frauen", sagt Adam.

"Keiner weiß, woher die Arbeiter kommen", sagt ein Nachbar der Tomatenfarm

Adam hat versucht, sie von seinem Feld aus zu zählen, "doch sie bewegen sich zu schnell, es ist unmöglich, den Überblick zu behalten". Vielleicht sind es 50, vielleicht auch 60. Woher kommen sie, warum arbeiten sie hier in Piotrowice, und wie viel verdienen sie? Das alles habe er, sagt Adam, den Tomatenzüchter Kociszewski wieder und wieder gefragt. "Ich will darüber nicht reden", habe der jedes Mal geantwortet. Also hat Adam die jungen Männer befragt, die Kociszewskis Klärgrube säubern. "Ist alles streng geheim", haben die geantwortet. "Reden wir, verlieren wir unseren Job."

Immer, sagt Adam, seien die jungen Asiaten zu Fuß unterwegs, "und sie bewegen sich nie allein". Im Dorf sähe man sie kaum und niemals in Restaurants, "jeden Tag bringt ihnen ein Lieferdienst Essen".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17. März 2016.

Was Adam erzählt, bestätigen weitere Nachbarn des Tomatenbauern Kociszewski. Zum Beispiel die Dame mit Kittelschürze, die im Tante-Emma-Laden des Dorfes arbeitet. Zweimal sei eine Gruppe junger Frauen in ihren Laden gekommen. "Sie konnten kein Polnisch, deuteten nur mit den Fingern", berichtet sie. "Sie haben große Mengen an Eis gekauft. In diesem Sommer war es sehr heiß, mehr als 30 Grad, das heißt, dass es in den Gewächshäusern sogar mehr als 60 Grad waren. Sie haben trotzdem gearbeitet. Samstags schufteten sie, manchmal auch sonntags." Auch diese Nachbarin verwendet den Begriff "Arbeitslager", und das ist ein Wort, das wenige Polen einfach nur so dahersagen würden. "Keiner weiß, woher die Arbeiter kommen", sagt ein anderer Nachbar.

Laut dem indonesischen Anwalt Marzuki Darusman, der als Sonderberichterstatter des UN-Menschenrechtsrates damit beauftragt ist, Menschenrechtsverletzungen in Nordkorea zu untersuchen, arbeiten derzeit mehr als 50.000 Nordkoreaner, von ihrer Regierung verschickt, in aller Welt, vor allem auf Baustellen und im Bergbau, in der Holzwirtschaft und in der Textilindustrie. Der Großteil ihres Gehalts werde von der nordkoreanischen Regierung einbehalten, die dringend Devisen benötige, da ihre "finanzielle und wirtschaftliche Situation" aufgrund internationaler Sanktionen "sehr schwierig" sei, sagt der UN-Experte.

Im Oktober vergangenen Jahres veröffentlichte sein Team einen Report, demzufolge das Regime durch die Ausbeutung seiner Bürger 1,2 bis 2,3 Milliarden US-Dollar im Jahr verdiene. Die Arbeiter würden ihre Arbeitsverträge nicht kennen, müssten manchmal bis zu 20 Stunden am Tag arbeiten und befänden sich unter ständiger Aufsicht nordkoreanischer Sicherheitsleute, die ihnen mit drakonischen Strafen drohten, sollten sie es wagen, über ihre Arbeitsverhältnisse zu klagen. Angestellt würden die Zwangsarbeiter von Firmen im Gastland, welche, so Darusman, "damit zu Komplizen der Zwangsarbeit werden". Die meisten Nordkoreaner sind UN-Erkenntnissen zufolge in China und Russland tätig, es gibt sie aber auch in mindestens 15 anderen Ländern in Afrika, im Mittleren Osten und in Südasien. Und eben in Polen.

Der UN-Bericht bezieht sich auf die Recherchen des Asan-Instituts, eines Thinktanks im südkoreanischen Seoul. Laut Asan sandte Nordkorea erstmals im Jahr 1967 Arbeiter ins Ausland, in die damalige Sowjetunion, seitdem wurde das Programm stetig erweitert. Die Nordkoreaner würden im Ausland nicht nur ausgebeutet, sie müssten als "Maultiere" auch Devisen nach Nordkorea schaffen, da der Banktransfer durch internationale Sanktionen eingeschränkt ist. Über die Arbeiter in Polen gibt es kaum Erkenntnisse. "Soweit wir wissen, gibt es keine nordkoreanischen Zwangsarbeiter, die aus Polen geflohen sind, unser Wissen um ihre Arbeitsbedingungen ist also eingeschränkt", sagt Go Myong-Hun vom Asan-Institut. Sicher sei nur eines: "Alle Nordkoreaner, die im Ausland arbeiten, werden von ihrem Regime ausgebeutet."