Acht türkischstämmige Geschäftsleute, einen Griechen und eine deutsche Polizistin ermordeten die Terroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), begingen Sprengstoffanschläge und Banküberfälle. Die Polizei tappte im Dunkeln und ermittelte gegen die Familien der Opfer wegen vermeintlicher Drogengeschäfte. Die Presse verbreitete das grässliche Schlagwort von den "Döner-Morden". Als sich herausstellte, dass es sich um rassistische Verbrechen gehandelt hatte, reagierte das ganze Land betroffen. Der NSU flog erst 2011 auf, als die Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt Selbstmord begingen und ihre Gefährtin Beate Zschäpe sich stellte. Der Verfassungsschutz hatte wohl schon früh mehr über die Terroristen gewusst, seine V-Leute aber auf eine Art geschützt, die die Ermittlungen behinderte. Fast fünf Jahre später ist das Interesse der Öffentlichkeit an den Untersuchungsausschüssen und dem Gerichtsverfahren erlahmt, die Licht in dieses Dunkel zu bringen versuchen. Nun sendet die ARD drei aufwendig produzierte Spielfilme unter dem Titel "Mitten in Deutschland: NSU". Drei Regisseure erzählen uns aus drei verschiedenen Perspektiven, was mutmaßlich geschehen ist. Christian Schwochows Film "Heute ist nicht alle Tage" (Mittwoch, 30. März, 20.15 Uhr) zeigt das Milieu, aus dem die Täter stammen. Züli Aladag folgt in "Vergesst mich nicht" (Montag, 4. April, 20.15 Uhr) der Geschichte der Familie des ersten Mordopfers Enver Şimşek. In "Nur für den Dienstgebrauch" (Mittwoch, 6. April, 20.15 Uhr) nähert sich Florian Cossen den Ermittlern. Wir treffen die Regisseure im Zoo Palast in Berlin. Während im Kinosaal zum ersten Mal Schwochows Film vorgeführt wird, unterhalten sich die drei darüber, was dieses Fernsehprojekt für sie bedeutet.

DIE ZEIT: Herr Aladag, Herr Cossen, Herr Schwochow, wenn man Ihre Filme hintereinander schaut, kann man ganz schön wütend werden auf Deutschland. Ging Ihnen das im Laufe der Arbeit auch so?

Florian Cossen: Mein Gefühl für einen Film reift erst mit der Zeit. Bei diesem wurde meine Fassungslosigkeit während der Recherche und des Drehens immer größer. Und vielleicht ist gerade der Spielfilm die richtige Form für dieses Gefühl.

Christian Schwochow: Wer wird nicht wütend, wenn er sich mit den NSU-Morden beschäftigt? Nicht nur darüber, dass es rechte Gewalt gibt, auch dass dieses Problem von der Politik jahrelang bestritten wurde. In was für Abgründe man schaut, wenn man im NSU-Prozess in München sitzt! Da gibt es eine Bandbreite an Emotionen, die ich noch bei keinem Film hatte. Aber wenn ich mit der Arbeit beginne, versuche ich ohne persönliche Betroffenheit nüchtern und empathisch einen Zugang zu finden. Ich glaube, es ist falsch, einen politischen Film nur aus Wut oder Fassungslosigkeit zu machen. Dann begreift man nicht, was man filmisch zu fassen versucht.

Züli Aladag: Als der Skandal aufflog, die beiden Uwes enttarnt wurden und Beate Zschäpe verhaftet wurde, war ich entrüstet, dass in unserem Land, das wir für stabil demokratisch hielten, so etwas möglich war. Da haben auf verschiedenen Ebenen fremdenfeindliche Muster gegriffen. Aber ich habe diesen Film aus Liebe zu diesem Land gemacht und nicht aus Wut auf dieses Land. Eine Liebe zu den Werten, die ein großer Teil der Gesellschaft vertritt. Gerade dass es diese Filme gibt, ist ein Beleg dafür, dass wir uns in Deutschland offen mit kritischen Themen auseinandersetzen. Ich kann nicht nachvollziehen, wenn jemand meint, dass diese Filme eine schlechte PR für Deutschland betreiben. Sie sind aber sicherlich eine schlechte PR für die Arbeit der Sicherheitsdienste.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17. März 2016.

Cossen: Ein bisschen schlechte PR wäre auch in Ordnung. Es gab 2015 knapp eintausend Überfälle auf Asylunterkünfte. Ich finde, man muss dazu stehen, dass in Deutschland gerade sehr bedenkliche Dinge passieren. Aber weil du über Liebe sprichst: Ich bin im Ausland aufgewachsen, mein Vater ist Diplomat. In seinem Büro hing immer ein Bundesadler, der mich sehr beeindruckte, weil er für Ordnung stand. Lange gab es ein naives Vertrauen darin, dass die Bundesrepublik zwar ein etwas langweiliges Land ist, aber funktioniert und fair ist. Das ist jetzt erschüttert. Wir wissen, dass es auch innerhalb der Instanzen, die für die Sicherheit im Land zuständig sind, unterschiedliche Währungen gibt.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Cossen: Dass der Verfassungsschutz und die Polizei nicht am gleichen Strang gezogen haben. Die Währung des Verfassungsschutzes ist der V-Mann. Nach 1998, als die mutmaßlichen NSU-Terroristen abtauchten, wurden die V-Leute in ihrem Umfeld nicht preisgegeben, weil der Verfassungsschutz der Meinung war, er könne seine Werkzeuge nicht ausliefern.

Schwochow: Da ist also Wut, aber auch Unverständnis. Wir haben die Filme gemacht, um etwas zu begreifen und es möglicherweise auch anderen begreifbar zu machen. Und dann gibt es da die Traurigkeit über die Opfer und das, was ihren Familien passierte, nachdem sie zu Opfern wurden. Viele Fragen hat man bis heute nicht beantwortet. Ich bin aber auch traurig darüber, wie viele verlorene Seelen von der rechten Szene aufgefangen werden.

ZEIT: Was dachten Sie, als Sie zum ersten Mal vom NSU hörten, was da passiert war?

Schwochow: Das klang erst unheimlich weit weg. Es gab ein Wohnmobil, in dem Leichen lagen. Einige Tage später stellte sich die herumirrende Beate Zschäpe. So könnte ein amerikanischer Horrorfilm anfangen. Aber als die Zusammenhänge klar wurden, fiel mir ein, dass ich Anfang 2000 in der Jenaer Neonazi-Szene eine Reportage gedreht hatte. Unter anderem im Wohnzimmer von Ralf Wohlleben, einem der Angeklagten im NSU-Prozess. Journalistisch war ich gleich wieder elektrisiert. Und kurz nach dem Prozessbeginn fingen wir in dieser Konstellation mit der Arbeit an unserem Fernsehprojekt an.

ZEIT: War Ihnen von Anfang an klar, dass Sie drei verschiedene Filme machen würden, über die Täter, die Opfer und die Ermittler im NSU-Skandal?

Schwochow: Unsere Produzentin Gabriela Sperl hat verschiedene Ideen durchgespielt. Sie hat sich schon für den Stoff interessiert, bevor der NSU-Prozess anfing, und hat sich dann überlegt, dass es drei verschiedene Perspektiven dreier Regisseure geben sollte.

Aladag: Eine geniale Idee. Zu Beginn der Entwicklung tauchte die Frage nach möglichen Verknüpfungen der Filme untereinander auf. Wir haben uns jedoch alle, auch unsere Drehbuchautoren, gegen "serielle" Verknüpfungen entschieden.

ZEIT: Warum?

Schwochow: Weil man da zum Sklaven einer Form würde. Man müsste darüber nachdenken, wie die Filme stilistisch zusammenpassen. Wir wollten aber so frei wie möglich sein. So hat jeder aus innerer Überzeugung einen eigenen Film gemacht.

Cossen: Man muss bei einzelnen Spielfilmen die verschiedenen Sichtweisen eines Ereignisses in ein richtiges Verhältnis setzen. Aber weil wir hier drei Filme gemacht haben, konnte jeder für sich radikal bei einer einzigen Wahrheit bleiben. Erst im Zusammenspiel blättern sich die Perspektiven dreidimensional auf.

ZEIT: Sind aktuelle Ereignisse wie der NSU-Skandal ein guter Filmstoff?